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Wir wünschen uns Großeltern. Aber die richtige Sorte

Wir wünschen uns Großeltern

Immer, wenn ich die Werbung mit den echten Karamellbonbons sah, musste ich an meine Großeltern denken. Da gibt es einen gemütlich, liebevollen Großvater im dicken Ohrensessel, zu dem freudestrahlend der Enkel auf die Knie klettert, um dann aus der alten Männerhand ein wunderbares Bonbon als Zeichen seiner Liebe entgegen zu nehmen. Erinnert Ihr Euch?

Auch ich war liebend gern bei ihnen. Ich wurde von meinem Großvater von der Schule abgeholt, saß auf dem Gepäckträger und konnte mich mit den Beinen baumelnd nach Hause schieben lassen. Oft saß ich die ersten Stunden nach der Schule auf dem kleinen Hocker in der Küche und schaute beim Kochen zu oder wir spielten Mensch-ärger-Dich-nicht, was meist in einem kleinen Wutanfall endete – sofern man mich nicht gewinnen lies. Wir fütterten zusammen die große Weinbergschnecke im Blumentopf, die irgendwie Lisbeth hieß oder das Meerschwein Lissy, dass ich bei einer Tiertombola gewonnen hatte und dann großmütig meinen Großeltern schenkte. Bei ihnen durfte ich stundenlang in der Badewanne bleiben oder in ihrem gigantischen Ehebett auf der Besucherritze schlafen. Mein Großvater kraulte mir den Rücken, wenn ich nicht schlafen konnte und ich genoss die Zeit bei ihnen. Gefühlt war es viel Zeit.

Ich vermisse sie. Sehr sogar.

Seit mich morgens zwei kleine Menschenkinder wecken, die auch nur zu gern auf der elterlichen Besucherritze nächtigen, die abends auf dem Schoß kuscheln und am Nachmittag abgeholt werden, noch mehr. Ich erinnere mich an die Stunden und Tage mit ihnen, die so anders als zu Hause waren. Ein kleines Oma-Opa-Universum mit eigenen Spielregeln und ich wünschte, auch ich könnte das den Dreikäsehochs, die meine sind, bieten. Aber manches hat man nicht, auch wenn man es noch so sehr will.

Nein, nein – es ist nicht so, dass sie mutterseelenallein wären, dass es keine Familie und keine Großeltern gäbe. Wir haben nur leider nicht die richtige Sorte im Angebot. Menschen sind unterschiedlich und müssen gern Großeltern sein. Die Sorte eben, die mit einer Prise Geduld ausgestattet ist, viel Gefühl hat, starke Nerven, ein wenig kindliche Freude teilen kann und über eine Portion Einfühlungsvermögen verfügt. Die Sorte, die sich die aufgeregten Erzählungen anhört und auch zum zwanzigsten Mal die gleiche Geschichte vorliest, die den Popo abwischt und auch mal ein kindliches Stimmungstief toleriert. Die Sorte, die sich auf Ritterburgen, Kosmonauten, Prinzessinnen und Drachen einlässt, die vor der Autorennbahn liegen und sich die Murmel ans Knie hauen lassen.

Ich sehe sie, manchmal, die richtige Sorte eben, wenn sie andere Kinder am Nachmittag abholen, wie sich die Mäuse in ihre Arme werfen.  Ich sehe wie ihre Augen leuchten und die Freude in der Garderobe.

Manchmal höre ich auch von ihnen. Wenn andere Eltern von „Kinderverwöhnwochenenden“ bei Oma und Opa sprechen, sich über Unmengen von Süßigkeiten, zu wenig Schlaf, ungeschnittene Fingernägel oder stundenlange Trickfilme beschweren. Wahrscheinlich kann es auch zu viel sein, zu viel von allem, aber ein klein bisschen von allem stelle ich mir großartig vor.

Ich denke (ja, ganz eigennützig), wie es wäre, nur mal ganz kurz einfach Mann und Frau und nicht Mama und Papa zu sein. Ein Tag, ein Abend, ein Frühstück nur für sich. Schlicht im Bett bleiben und auch noch vierzehn Uhr mit dem Pyjama durch die Ecke schlurfen. Oder wild tanzen gehen und wissen, dass Morgen um sechs keine kleinen Kinderhändchen liebevoll über das zerknautschte Gesicht krabbeln.

Gibt es nicht auch das afrikanische Sprichwort: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf? Viele Menschen, der unterschiedliche Blick auf die Dinge, verschiedene Herangehensweisen sind also wichtig und nützlich.

Schade eigentlich, dass wir gerade so klein existieren. Familie als kleinstmögliche Konstruktion von Eltern und Kindern, die viel zu oft auf sich allein gestellt sind. Statt Großeltern ist eine wilde Organisationseinheit von Freunden, Babysittern oder Nachbarn am Start, damit Tag und Arbeit funktionieren.

Schade, dass es nicht mehr so viel gemeinsame Zeit gibt, Familienzeit. Und sehr schade, dass man sich keinen Karamellbonbon-Großvater zaubern kann, alternativ auch gern eine kleine runde Kuchen-Großmutter. Ich würde es gern tun, denn das wäre dann die richtige Sorte.

Seid lieb zu den großelterlichen Exemplaren, die wirklich da sind! Eure Sabine Henriette Schwarz

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