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Kolumnen

Wofür man lebt oder „Mami, ich möchte, dass der liebe Gott macht, dass Du immer so jung bleibst wie jetzt.“

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Sprach mein großes 5jähriges Kind gestern Abend zu mir, kurz vor dem Einschlafen, und ich war verblüfft. (Auch, weil der liebe Gott sonst so gar keine Rolle in unserer Familie spielt.) Sie drückte mich fest an sich, sodass sich unsere Gesichter berührten und flüsterte:

Ich will nicht, dass Du eine alte Omi wirst und dann stirbst. Du sollst immer da sein. Du sollst nicht älter werden und ich auch nicht. Wir bleiben einfach so, wie wir sind. Mami, warum werden wir denn älter? Können wir nicht einfach alle in einem großen Bettchen schlafen und so bleibt es? Für immer?

Ach, mein liebes kleines Mädchen. So große Gedanken zu so später Stunde. Ich umarme sie, versichere, dass ich noch ganz lange bei Ihr sein werde und dass das Leben nun einmal aus Geboren werden, Leben und Vergehen besteht. (Seit dem Verlust eines Haustieres, der uns unerwartet ereilte, haben sich die Wogen der Aufregung und Trauer noch nicht ganz gelegt) Es ist schwer zu erklären und zu verstehen, dass liebgewonnene Wegbegleiter plötzlich nicht mehr da sind und auch nicht mehr wiederkommen. Der Verlust wiegt schwer. Aber inzwischen ist es in dem kleinen Kopf angekommen. Ich kann so gut verstehen, dass sie jetzt einen Ausweg sucht. Natürlich, wenn wir alle nicht älter werden, dann stirbt auch niemand.

Aber Schatz, wenn wir nicht älter werden und dennoch viele kleine Babys geboren werden, dann ist ja irgendwann gar kein Platz mehr. Dann ist die Erde ganz voll und es wird schrecklich eng.

Aber Mami, dann räum ich mein Bett und wir können endlich alle zusammen schlafen. Ich brauche das nicht.

Mütterliche Sprachlosigkeit zwischen Shawn dem Schaf und unserem himmelblauen Nachtlichtwahl.

„Das ist lieb, das Du rücken würdest und Dein Bettchen hergibst, aber jetzt haben wir noch für jeden ein eigenes Bett und Deines ist auch besonders schön und kuschelig. So eng ist es noch nicht und deshalb legst Du Dich jetzt auf Dein Kissen und machst die Augen zu.“

Kuss. Eine Umarmung. Zudecken. Vorhang zu. Tür zu. Ich steh auf dem Flur und denke kurz darüber nach wie es wäre, einfach für immer im Jetzt zu bleiben. Keine Veränderung. Kein Wachsen. Immer zwei Paar kleine Kinderfüße, die durch die Wohnung tapsen. Es gäbe keine Einschulung, keinen Schulabschluss, keine große Liebe, keinen Herzschmerz (und ich könnte nie die nette alte Omi sein, die den Kindern Kuchen bäckt und Süßigkeiten verteilt).

Philipp Roth fällt mir ein. Jedermann. (Ein Buch, das die Geschichte eines stinknormalen Lebens erzählt. Von der ersten schockierenden Konfrontation mit dem Tod, über Familienereignisse, die normaler nicht seine könnten, vom beruflichen Werdegang und vom Erwachsenenleben bis hin zum Alter, wo die Gebrechen kommen. Die namenlose Hauptperson ist Vater zweier Söhne, die ihn verachten, und einer Tochter, die ihn vergöttert. Er lebt, liebt, hasst und erkennt am Ende, dass das wirkliche und große Glück nie bis zu ihm vorgedrungen ist.) „Das Alter ist ein Massaker“, lautet das profane Fazit des Herren, den man auf seinem Lebensweg begleiten durfte und wahrscheinlich hätte er meiner kleinen Tochter Recht gegeben.

Aber wofür lebt man? Will man nicht auch, dass etwas vorangeht, dass man dabei sein kann, wenn sich etwas entwickelt? Zuschauen, wie es wächst und gedeiht? Dass die eigenen Falten dabei nicht weniger werden, nunja, das ist eben so. Aber unendlich im Jetzt verharren, nie alt zu werden, immer da zu sein, endlos, zeitlos – das scheint mir doch ein sehr zäher Gedanke. Und wären die Stunden, die Tage, die Umarmungen noch genauso schön, wenn man wüsste, dass endlos viele folgen werden? Wohl kaum.

Ein schönes Wochenende wünscht Eure/Ihre Sabine Henriette Schwarz

… und irgendwie sehr passend dazu Herr Busch, der sich da auch so seine Gedanken zum Älterwerden gemacht hat:

Das große Glück, noch klein zu sein,
sieht mancher Mensch als Kind nicht ein
und möchte, dass er ungefähr
so 16 oder 17 wär‘.

Doch schon mit 18 denkt er: „Halt!
Wer über 20 ist, ist alt.“
Warum? Die 20 sind vergnüglich –
auch sind die 30 noch vorzüglich.

Zwar in den 40 – welche Wende –
da gilt die 50 fast als Ende.
Doch in den 50, peu à peu,
schraubt man das Ende in die Höh‘!

Die 60 scheinen noch passabel
und erst die 70 miserabel.
Mit 70 aber hofft man still:
„Ich schaff‘ die 80, so Gott will.“

Wer dann die 80 biblisch überlebt,
zielsicher auf die 90 strebt.
Dort angelangt, sucht er geschwind
nach Freunden, die noch älter sind.

Doch hat die Mitte 90 man erreicht
– die Jahre, wo einen nichts mehr wundert -,
denkt man mitunter: „Na – vielleicht
schaffst du mit Gottes Hilfe auch die 100!

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