Home  »  Spezialthema   »   Windelfrei und Abhalten – es funktioniert wirklich!

Spezialthema

Windelfrei und Abhalten – es funktioniert wirklich!

windelfrei_abhalten

Eigentlich ist es das normalste der Welt fernab der Windelindustrie. Denn immerhin kamen die ersten Wegwerfwindeln erst in den 70er Jahren auf d. h. vorher musste es ja auch irgendwie gehen und das Waschen von Stoffwindeln war vor der großartigen Erfindung der Waschmaschine viel zeitaufwendiger.

Fest steht, sehr viele Babys auf der Welt wachsen auf, ohne je gewickelt zu werden – Schätzungen gehen sogar von 70 % aus. D. h. es gibt auch andere Methoden wie das Baby sauber bleiben kann und – ganz nebenbei – verbessert diese Methode, die man Abhalten nennt, auch die Kommunikation. Denn: nur wer sich gut kennt und die Zeichen versteht, kann auch ohne Windel und große Sauerei das kleine Kind großziehen…

Aber was genau meint „Abhalten“?

In der Tat signalisieren Babys von Geburt an, wenn sie „mal müssen“. Auf diese Signale kann man achten und hören. Es ist möglich, dem Baby zur passenden Zeit die Gelegenheit zu geben, sein Geschäft frei an einem passenden Ort zu machen.

Aber der Reihe nach. Hier wichtigste Fragen an die Expertin Lini Lindmayer:

1. Was verstehst du unter dem Begriff „natürliche Säuglingspflege“ oder dem Wort „Windelfrei“?

Lini: „Windelfrei“ ist für mich vor allem eines: Kommunikation. Verstehen und Zuhören. Das Da-sein für das Baby. Seine Bedürfnisse wahrnehmen und achtsam darauf reagieren. Aber auch das „frei sein von der Notwendigkeit auf irgendetwas“ (in dem Fall der Windel).Windelfrei – Die Kommunikation mit dem Baby ist für mich Teil eines größeren Ganzen: Dem bedürfnisorientierten Umgang mit dem Baby/Kind und dem respektvollen, achtsamen Umgang miteinander.

2. Wie bist du zu Windelfrei gekommen?

Lini: Meine erste Begegnung mit dem Begriff bzw. der Tatsache, dass die Mehrheit der Babys rund um den Globus ohne Windel aufwächst, fand in meiner Kindheit statt. Als kleines Mädchen habe ich von einer Bekannten davon gehört. Ich konnte mir zwar nichts darunter vorstellen, aber es faszinierte und interessierte mich. Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, wusste aber, dass ich es sicherlich mal ausprobieren würde.

Gelesen habe ich nichts darüber. Damals bei meiner ersten Tochter gab es nur wenig, was man dazu hätte lesen können und wir waren uns sicher es einfach mal dem Gefühl nach ausprobieren zu wollen. Foren und dergleichen gab es damals nicht. Mein Mann und ich waren in vielen Ländern Europas, vor allem Portugal und Spanien sowie in Südamerika (Brasilien), Sinai und Sri Lanka. Babys ohne Windeln findest du fast überall auf der Welt. Sie werden aber zusehends von der Industrie „verdrängt“. Zu wickeln wird als Statussymbol für Wohlstand dargestellt.

Unsere Einstellung war von Beginn an, dass wir nichts dafür benötigen. Schließlich haben wir es oft genug in anderen Ländern (wo wir uns viel aufgehalten haben) beobachten können.

Also gab es auch keine speziellen Besorgungen fürs Baby. Zudem haben wir in einem Bus gelebt, all unser Habe hat da hinein gepasst. Mehr als ein paar Kleidungsstücke, ein Fell, ein Tragetuch und eine Plastikschüssel haben wir vor der Ankunft unseres Babys nicht bereitgestellt (und danach auch nicht gekauft). Einzig ein paar Gummibundhosen habe ich genäht.

3. Worin siehst du die Vorteile von „Windelfrei“?

Lini: Eben die oben erwähnte Freiheit. Nichts zu benötigen, einfach tun zu können. Den Bedürfnissen meines Babys nachkommen zu können, in jeglicher Hinsicht. Ihm wirklich nahe zu sein, es zu verstehen. Diese innige und tiefe Beziehung. Und auch: Nachhaltigkeit wirklich zu leben. Mein Baby muss mal? Also gebe ich ihm einfach die Möglichkeit dazu.

4. Wie kann man sich Windelfrei in den ersten Monaten vorstellen?

Lini: In den ersten Tagen habe ich das Bett gerne mit einem Handtuch „geschützt“, auf dem das Baby dann in der Nacht gelegen hat (sofern es nicht in direktem Körperkontakt bei mir war), damit das Bett trocken bleibt, falls was daneben gehen sollte. Ein Bedürfnis bewusst ignoriert habe ich aber nie. Mir war immer wichtig darauf zu reagieren.

5. Und wann waren deine windelfreien Kinder trocken (also in etwa weniger als 2 nasse Hosen in der Woche)?

Lini: Der Trugschluss unserer Gesellschaft ist, zu glauben irgendetwas tun und das Kind irgendwohin bringen zu müssen. Für mich sind Kinder von Beginn ihres Lebens an sauber und trocken (wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben). Denn sie können zeigen, dass sie ein dringendes Bedürfnis haben. Es liegt an uns darauf einzugehen.
Um den ersten Geburtstag herum haben meine Kinder damit begonnen selbstständiger zu werden und immer häufiger selbstständig auf die Toilette zu gehen.

6. Geht, wenn man alles richtig macht, nie etwas daneben?

toilettenpapierLini: Es geht nicht darum es „richtig“ zu machen, sondern darum sich selbst zu vertrauen und es sich zuzutrauen. Ja, Babys sind von Geburt an „trocken“ wenn ich ihnen die Möglichkeit dazu gebe. Und ich spreche hier nicht nur in der Theorie sondern auch aus eigener Erfahrung. Trotzdem gibt es keine Garantie dafür, dass es nicht doch mal eine nasse Hose gibt. Kommunikation schließt einfach auch die Möglichkeit ein, sich einmal nicht zu verstehen.

7. Welches praktische Zubehör und welche Kleidung braucht man für Windelfrei?

Lini: Gar nichts. Hilfreich ist Kleidung, die man leicht an- und ausziehen kann. Zweiteiler sind besser als Einteiler. Als Auffangschüssel (Töpfchen) kann man in den ersten Wochen eine ausrangierte Rührschüssel verwenden oder das Sandspielküberl und als Bettunterlage ein paar alte Handtücher. Alles Dinge, die man häufig so und so zu Hause hat.
Es gibt aber nichts, was man für die Windelfreiheit unbedingt braucht – Man muss kein Spezialtöpfchen kaufen und keine Spezialhose o. ä. Strampler und Overalls sind vielleicht unpraktisch, können aber ebenso verwendet werden.

8. Ich dachte man braucht Windeln, Trainer, Back-Ups und Windelfrei-Windeln für Windelfrei?

Lini: Was braucht man denn schon um einem Baby die Möglichkeit zu geben seinem Ausscheidungsbedürfnis nachkommen zu können? Nichts. Keine Sicherheitswindeln, keine Backups, …Das sind Dinge, die das Misstrauen in sich selbst zum Ausdruck bringen.

Kommunikation geschieht ganz ohne materielle Dinge. Sie erleichtern den Eltern vielleicht (vermeintlich) den Alltag, tragen aber sicherlich nicht dazu bei, das Baby besser zu verstehen. Allerdings finde ich es wichtig, dass hier jeder seinen Weg findet und geht. Entspannte Eltern und ein gewickeltes Kind sind allemal besser als gestresste Eltern und ein windelfreies Kind. Aus meiner Beratungs-, Gruppen und Seminartätigkeit kann ich aber sagen, dass Eltern vor allem dann auf Windeln zurückgreifen, wenn sie glauben „es“ (das Baby verstehen) nicht zu können. Ich habe bei unseren Kindern nie irgendwelche Backups, Windeln oder sonstige Utensilien die heute unter „Windelfrei-Sachen“ gehandelt werden verwendet. Zuerst gab es sie gar nicht und später erschienen sie mir schlicht und einfach unnötig.

9. Warum magst du „Windelfrei mit Windeln“ nicht?

Lini: Es geht hier weniger ums „mögen“. Soll jeder machen, was er gerne machen möchte. Ich sehe es eher aus der anderen Perspektive und der langjährigen Erfahrung. Windelfrei mit Windeln macht die meisten Eltern unsicher. Und führt im Endeffekt dazu, dass sich auch das Baby nicht auskennt. Es gibt da eine ganz simple Erklärung, warum das so ist… Wenn ein Baby keine Windel an hat und mal muss, dann haben die Eltern nur eine Möglichkeit, wenn sie keine nasse Hose wollen: Das Baby abzuhalten. Hat es aber eine Windel, ein Back-Up oder sonst was an, dann werden sie zögerlich. Ihre Reaktion auf das Bedürfnis des Kindes ist nicht mehr zuverlässig vorhanden … Langfristig gesehen führt das dazu, dass es öfters mal daneben geht.

10. Sind Windeln „böse“ oder „schlecht“?

Lini: Es geht nicht darum ein Dogma zu entwickeln und Windeln zu verteufeln, sondern schlicht und einfach darum darauf aufmerksam zu machen, dass Windeln eigentlich unnötig sind, wenn man auf das Ausscheidungsbedürfnis des Babys eingeht.

11. Was hast du unterwegs mitgenommen? Wie sah deine „Wickeltasche“ aus?

Lini: Wickeltasche gab es bei uns nie. Mit hatte ich immer ein kleines Sackerl mit zwei oder drei Reservehosen. Das hat in jede Tasche gepasst. Bei den ersten Kindern hatte ich nicht einmal ein Töpfchen mit, wenn wir unterwegs waren.

12. Wie habt ihr die windelfreien Nächte gestaltet?

Stillen und abhalten oder abhalten und Stillen fielen in den ersten Wochen immer zusammen. Vor oder nach dem Stillen einfach übers Töpfchen halten (ist neben dem Bett gestanden) und dann einfach wieder weiterschlafen.

13. Wenn bei dir nasse Hosen so selten vorkamen, was ist dein Geheimrezept?

Lini: Ich glaube nicht, dass es ein Geheimrezept gibt. Wichtig ist Spaß an der ganzen Sache zu haben, entspannt und gelassen zu sein und darauf zu vertrauen, dass es schon klappen wird mit der Kommunikation. Der Vorteil für mich war wahrscheinlich, dass ich zum einen in einer großen Familie aufgewachsen bin – den Alltag mit Kindern also von Kindesbeinen an kenne – und zum anderen von der Windelfreiheit schon lange vor meinem eigenen Muttersein erfahren habe und diese auch auf den vielen Reisen beobachten konnte.

Ich war also nicht ganz unbeholfen beim ersten Baby. Mit einem Baby zu sein war mir vertraut. Ich konnte mich also voll und ganz auf dieses „Neue“ konzentrieren, das ohne Windel sein. Das hat sicherlich geholfen.

Ach und ab und zu geht es halt daneben. Was ist schon dabei, die eine oder andere nasse Hose zu haben? Eine nasse Hose ist ja nicht das Einzige, was einem mit Baby passieren kann! Man kann angespuckt werden von oben bis unten, angesabbert, wenn es Schnupfen hat dann muss man damit rechnen den Naseninhalt irgendwo am T-shirt zu haben, weil man so oft gar nicht wischen kann, wenn die Nase rinnt… Ja und später dann, wenn das Baby älter wird und alles erforscht, zu essen beginnt …. Da findet man sich meiner Meinung nach wesentlich öfters in der Lage nicht zu wissen wo man mit der Reinigung beginnen soll

14. Windel oder keine Windel, ist das nicht eigentlich egal?

keine_windelLini: Angenommen du sagst etwas und dein Gegenüber gibt dir zwar eine Antwort – eine Antwort aber, die so gar nichts mit deiner Aussage zu tun hat.

Du sagst: „Ich habe Hunger und möchte ein Brot“ und dein Gegenüber sagt: „Jaja, ist ja schon gut ich geb dir schon ein Buch in die Hand zum Anschauen.“ Wie würdest du dich fühlen? Nein, es geht nicht um die Windel und auch nicht um eine Glaubensfrage, sondern um die Bedürfnisse des Kindes. Wie können wir ein Bedürfnis ignorieren, wenn wir darum wissen?

Mein wichtigster Tipp: Sich nicht zu sehr den Kopf zu zerbrechen über „Zeichen“ und „Signale“ und „Sicherheitsschichten“ und den „richtigen Topf“ und das „richtige Zubehör“. Du hast mir hier vom Neugeborenen bis zum Kleinkind verschiedenen Punkte aufgeschrieben – etwa wie oft ein Baby macht – und ich musste ganz schön schmunzeln als ich sie gelesen habe. Denn sie zeigen genau das westliche Problem mit der Windelfreiheit. Analytische Herangehensweise und der Versuch aus etwas schlau zu werden und Rückschlüsse ziehen zu können, was dafür viel zu individuell, flüchtig und verschieden ist.

Es ist eine Bauchsache. Jedes Baby ist individuell und scheidet auch individuell aus. Ich halte nicht viel von den „Babys machen so und so oft in dem und dem Alter“ Aussagen. Sie verwirren nur. Und (so lustig es klingen mag) je weniger man denkt, desto besser ist es. Die meisten angeblich so notwendigen Utensilien sind meiner Meinung nach unendlich kompliziert. Wenn mein Baby muss und ich erst eine ganze Konstruktion an Backups abmontieren muss um es wo drüber halten zu können überlege ich auch zehnmal ob ich es überhaupt mache. Wenn ich aber nur eine einfache Hose nach unten ziehen muss, …
(Windelwissen.de)

  • ein bestimmtes Quengeln oder Strampeln
  • häufiges An- und Abdocken beim Stillen
  • ein leerer, in die Ferne schweifender Blick
  • das getragene Baby versucht sich vom Arm oder aus der Trage herunter zu kämpfen
  • das krabbelnde Baby kommt plötzlich angekrabbelt und will hochgenommen werden
  • veränderte Atemfrequenz
  • bestimmte Grunz- oder andere Laute

Und wenn die Signale nicht eindeutig sind? Dann gibt es nur eins: das Kind viel Tragen. Im unmittelbaren Körperkontakt merkt man am ehesten, was der kleine Mensch vorher und dabei tut. Und Babys sind in ihren Zeichen nicht besonders flexibel. Will heißen, wer das Zeichen einmal herausgefunden hat, kann darauf bauen. Wie die Erwachsenen mundkarg werden oder zur Zeitung greifen, so sind auch kleine 60cm Menschen Gewohnheitstiere…


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.