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Kolumnen

Und wie willst Du leben?

Allein und mit einer vierundzwanzigstündigen, allumfassenden Freiheit jederzeit, alles tun zu können? Zu zweit mit der Liebe deines Lebens, die mit viel Wärme und Vertrauen für ein Leben reicht? Als Karrieremensch mit Arbeit und Anerkennung? Oder als Familienmensch mit ein, zwei oder drei Kindern, die man in die Welt begleitet? In einem Loft mitten in der Stadt (wenn es so etwas überhaupt gibt) oder lieber inmitten von Feldern und Grün in einem gemütlichen alten Haus, was den Charme vergangener Zeiten atmet?

Damals, mit vierzehn oder fünfzehn, hatte ich keine Ahnung. Ich wohnte ich in einer Kleinstadt, die, umso älter ich wurde, erschreckend schnell schrumpfte und mich langweilte. Es gab die Schule, die Freunde (wenn man gerade kompatibel mit ihnen war), es gab den Sport, der mich die Trainings- und Wettkampflängen beschäftigte und die Kirche, mit der ich lediglich atmosphärisch etwas anfangen konnte. Mehr würde ich den städtischen Möglichkeiten ungern zusprechen,  denn es wäre gelogen. Also bastelte man sich so sein kleines pubertierendes Leben zurecht und träumte im zwölf Quadratmeter Kinderzimmer von all dem, was irgendwann kommen sollte. Allem voran der achtzehnte Geburtstag, und dann käme die große, weite Welt. Eine Welt voller Chancen und Möglichkeit. Man durfte frei wählen, fast frei, wenn man sich von den familiären Vorstellungen und Ideen zur Zukunft frei machen konnte. Eine Vielzahl von Wegen, wenn man nur wüsste, wohin, wie und warum?

Ich kann mich nicht erinnern, dass neben Mathematik, Biologie, Geschichte und allen anderen Unmengen von Bücherwissen, jemand über das Leben erzählt hätte. Die Frage, wie man einmal leben will, kam nicht vor in diesen Monaten und Jahren der Suche nach sich selbst. Stattdessen erinnere ich mich an die gebetsmühlenartigen Fragen, die sich immer gleich und kontinuierlich wiederkehrend um die Frage: Was willst Du werden? Du musst doch wissen, was Du werden willst? Na, welcher Beruf soll es sein?  drehten…

Doch woher sollte die Antwort kommen? Bis auf kleine aufrührerische Phasen im Prozess des Wachsens und Entwickelns hatte meine Zeit aus wenig Wahlmöglichkeiten bestanden. Schule, Sport, Familie – die wirklich großen Freiheiten hielten sich bis zu dieser Frage sehr in Grenzen. Und plötzlich erwarten alle, dass, aus tiefstem Herzen überzeugt, eine Entscheidung getroffen wird. Was will und kann ich mit mir anfangen? Wohin soll die Reise gehen? In der Tat fühlte ich mich mit der Frage, was ich tun möchte und könnte und wie mein Leben dann aussehen würde, völlig lost. Damals wünschte ich mir mehr Mut und Klarheit. Einfach entscheiden und losrennen.

Da scheint es dem Kinde auf dem Rücksitz ganz anders zu gehen und deshalb erinnere ich mich gerade an meine Suche nach dem, was man wirklich will. Als wir am Park vorbei gen Westen fahren  und ich lautstark über den Herren im dunkelblauen Opel schimpfe, der gerade das Gaspedal vergisst und die Langsamkeit entdeckt, schreit das Kind:

„Mami, wenn der Mann so bummelt, wir dann keine Zeit mehr für die liebe Sonne. Mami, wenn ich groß und Dein Auto fahre und ein anderes Auto so langsam, ich ihn von der Straße schubsen.“

Ich bin verblüfft, sowohl über den radikalen Ansatz mit Bummlern umzugehen, aber auch über die Vererbung meines Kraftfahrzeugs. Also frage ich nach. „Du hast später mein Auto? Das musst Du mir erklären.“

Als Antwort kommt der große Lebensentwurf einer Dreijährigen, ganz klar, einfach,  voller Hingabe, erklärt von der Pfaffendorfer bis zur Hinrichsenstraße:

„Mami, zuerst die liebe Sonne meine Hose trocknen (man hatte sich leicht mit Tee übergossen, was bei einer Außentemperatur von achtundzwanzig Grad eigentlich nebensächlich war). Dann wir zu Hause Fahrrad fahren. Und Mami, wenn ich ein Schulkind, ich immer mit dem Fahrrad zur Schule fahren und Du mich abholen. Und wenn ich ganz groß bin, kann ich mit Deinem Auto fahren und ich Bauchschmerzen (das Kind wird ganz aufgeregt, ich muss mehrfach nachfragen bis ich es verstehe) und ich mich ganz dolle beeilen. Wenn so ein dummer Mann bummelt, ich den einfach von der Straße schubsen. (Ich frage nach, warum das Kind denn im Auto Bauchschmerzen hätte) „Na, ich einen dicken Bauch und wenn ich keine Bauchschmerzen mehr habe, dann ich auch eine Mami und ich Baby bekommen.“

„Und sonst, möchtest Du sonst noch etwas später machen?“ frage ich voller Neugierde.

„Eis essen, sonst nix.“

(Das ist auch eine Möglichkeit, denke ich. Vielleicht sollte man sich einfach nicht so viel Gedanken machen und öfters mal ein Eis essen. Wenn es hilft, gern.)

Ihre Sabine Henriette Schwarz


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