Home  »  Kolumnen   »   Willkommen im Weihnachtswahnsinn

Kolumnen

Willkommen im Weihnachtswahnsinn

Willkommen im Weihnachtswahnsinn

 

Gerade sind wir noch mit der Laterne in der Hand durch den Park spaziert und schon hat uns das Weihnachtschaos überrollt. Jedes Jahr aufs Neue stehe ich kopfschüttelnd mitten im September vor Schokoladenweihnachtsmännern, Pfefferkuchen und Baumbehang, zupfe irritiert an meinem Shirt (was temperaturtechnisch da noch absolut in Ordnung ist) und gehe weiter. Ich demonstriere Gleichgültigkeit, weil ich es schrecklich finde, direkt nach den Gladiolen ans Christkind zu denken. Deshalb ignoriere ich diesen goldig bedruckten Frontalangriff. Aber auch das hat seinen Preis. Meist in der Woche vor Nikolaus schlägt das schlechte Gewissen zu, nichts, absolut nichts für Weihnachten im Haus zu haben und ich werde schwach – schrecklich schwach im Angesicht der leckeren Dominosteine, der Vanillekipferl und der Krokantglocken in Zartbitter. Ich werde schwach bei kleinen weiß bestäubten Renntieren, Zuckerstangen und Blechspielzeug, was als Baumbehang doch furchtbar niedlich aussehen wird. Und ich werde schwach bei Lichterketten, die so unendlich romantisch die Leselampe ersetzen können.

Die weihnachtliche Gehirnwäsche funktioniert und obwohl ich mich standhaft nach Sinn und Unsinn befrage, muss ich eingestehen, dass das Kind in mir eben doch fasziniert ist vom Licht und Glanz, von all den wunderbaren Naschereien und von dem Gedanken an Friede, Freude, Eierkuchen. Wie gern hätte ich eine große, glückliche Familienfeier, die bei Ikea immer so einfach und harmonisch aussieht. Aber leider kommt dem Wünschen und Hoffen dann doch immer irgendetwas dazwischen: ein Gerangel, ein familiäres Ärgernis, wutschnaubende Angehörige oder enttäuschte, frustrierte Beschenkte. Dabei will man sich nur gemeinsam Freuen, ein wenig Einträchtigkeit und inne halten im Kreis der Familie, die nun einmal feststeht und nicht austauschbar ist.

Aber was an den dreihundertvierundsechzig restlichen Tagen nicht gelingen will, hat auch an Heiligabend schlechte Chancen. Vielleicht denkt man einfach zu groß. Man kann nicht alle glücklich machen. Nicht alle sind glücklich und für einen Abend so zu tun als ob, ist auch lächerlich…. Also gilt es, sich vom Großen zum Kleinen zu bewegen. Vielleicht ist Weihnachten diesmal einfach keine riesengroße Sache, sondern eine hübsch, gemütliche Zeit im Kleinen? Nicht, dass dieser Gedanke neu wäre…. Wir haben ihn auch schon einmal erfolgreich durchexerziert, aber da waren wir geflohen und weit weg von familiären Geflechten. Doch das kann man mit Kindern nicht jedes Jahr machen. Zu Hause ist wichtig. Also gilt es, statt weit entfernter Einsamkeit, die Erwartungen runter zu schrauben und den Versuch zu unternehmen, Weihnachten im Kleinen zu feiern (also keine Besuchs- oder Fressorgien, auch keine Putzorgien, die einen schon vor dem 24. nach Allzweckreiniger duftend schlapp in den Sessel fallen lassen) Freude schenken hat , wenn man es recht bedenkt, auch wenig mit ausgeklügelten Beeindruck-Menüs und hochglanzpolierten Fliesen zu tun. Stattdessen sollte man feiern, dass man frei hat und es sich gemütlich machen. Und ja, seinen Liebsten Freude schenken. …

Ich gestehe, ich schenke schrecklich gern etwas und empfinde diesen Satz (auch wenn er sehr überzeugend ist) „Dieses Jahr schenken wir uns nichts.“ als tiefen Stoß in meine weihnachtlich verklärte Vorstellung, zu der zumindest ein Päckchen als Zeichen des liebenden Herzens gehört. Ich mag das Überreichen, das Einpacken, das Geraschel des Papiers. Schon immer wollte ich, dass die anderen meine Geschenke als erstes aufmachen, damit ich sie dabei beobachten kann.

GeschenkpapierReißen sie das Papier auf oder wird vorsichtig das Klebeband entfernt, um ja das Einpackwunder nicht zu zerstören? (Meine Großmutter war ein Meister der Wiederverwendung. Da wurde das Geschenkpapier bereits ohne große Sichtung des Inhalts fein säuberlich gefaltet und glatt gestrichen, damit es wie ein Schatz gehütet seiner nächsten Verwendung entgegen sehen konnte. Ich kann mich erinnern, dass wir deshalb jahrelang immer das Papier von unseren eigenen Geschenken zurückbekommen haben.) Kann man Neugierde sehen? Kann man erkennen, ob sich der andere wirklich freut? Oder lag ich komplett daneben und muss beschwichtigend den möglichen Umtausch erwähnen. Es ist eine Gradwanderung zwischen dem, was man selbst schön findet und dem geliebten Anderen, dessen Geschmack nicht unbedingt kompatibel mit dem eigenen sein muss. Ein Experiment des Suchens und Findens.

Gut, dass das Finden bei den Kids meist eine ganz eindeutige Sache ist. Der Weihnachtswunschzettel ist geschrieben oder gemalt und auch ohne ihn, hätte ich die neunundachtzig Erwähnungen der gewünschten Rollschuhe kaum überhören können. Ebenso begleitet uns der seit Merida (Uneingeweihten sei verraten, dass es sich um eine kriegerische Prinzessin handelt) heiß ersehnte Flitzebogen seit Monaten. („Mama, wenn ein böser Wolf kommt und ich einen Flitzebogen habe, dann ich den Wolf in den Popo schießen. Aber Mama, was wir jetzt machen, wenn der Wolf kommt?“)

Also, alles klar. Oder eben doch nicht. Denn meine Philosophie, möglichst wenig zu schenken und der Materialschlacht zu entgehen, scheint in einer Welt, wo Großmütter, Onkel, Tanten, Paten und weiß der Geier, wer nicht noch alles nach Geschenkideen fragt, nicht so einfach zu sein.  Jeder will etwas groß mit Schleife verziert überreichen und ich sehe bereits, wie auch bei diesem Thema eine kleine emotionale Welle heranrollt. Ich bin der Spielverderber, oder?

Nun habe ich mich so bemüht, meine weihnachtlichen Familien-Feier-Vorstellungen in Harmonie und Frieden zu reduzieren, nun habe ich schon alle Planungen von Groß auf Klein angepasst und dann sorgt das Geschenkethema schon gute vier Wochen vor den Geschenken selbst für Missstimmung. Gar nicht so einfach, dabei die Vorfreude auf die Freude zu erhalten.

Eine schöne Zeit trotz allem, und vielleicht ist die Idee, einfach in den Urlaub zu fahren, dann doch nicht die Schlechteste. Hütten mitten im Schnee kommen in meiner Vorstellung von Weihnachtsidylle gleich auf Platz 2 nach den IKEA -„alle freuen sich“-Spots….

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

Tags

verwandte Artikel

  • 25.05.2018

    Die Suche nach dem Prinzen

    Letztes Wochenende. Zweimal Fernsehen. Die Mädchen durften mit Wurstbrot und Tomate auf der Couch sitzend die Prinzessinnenhochzeit des Jahres kurz mitansehen und waren entzückt,...