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Wie schnell aus Liebe Gewalt wird…

Gerade ist es noch die große Liebe oder vielleicht ist es sie ja immer noch, aber die Verletzungen nehmen zu, die Beleidigungen, die Hand rutscht aus, immer öfter… Vor kurzem dachte man noch, dass einem selbst dies nie passieren wird, dass man sofort geht, dass es unverzeihbar ist… aber da betrachtete man das Thema von außen. Jetzt ist man mittendrin – so wie Maria, die ihre Geschichte erzählt und zeigt, wie schnell alles ganz anders werden kann:


Eine eigene kleine Familie! Das war immer Marias Traum. Sie selbst hatte ihren Vater zuletzt mit 8 Jahren gesehen. Ihre Mutter verließ ihn, weil der zu viel trank und gerne spielte. Die drei Kinder nahm sie mit. Der Vater zeigte nie großes Interesse daran, den Kontakt zu seinen Kindern aufrecht zu erhalten.

Maria litt darunter, dass ihr Vater sie offenbar nicht genug liebte. Und das, obwohl sie selber sagt, dass ihre Beziehung zu ihrem Vater nie besonders eng und innig gewesen war.

Dennoch, mehr als alles andere wünschte sich Maria bereits in jungen Jahren eine eigene kleine, und vor allem heile, Familie. Und ihr Traum schien zum greifen nahe, als sie Victor* begegnete.

Maria und Victor lernten sich auf einer Party in Hamburg kennen. Maria hatte dort einen Job als Fotografin .

Victor und Maria kamen schnell ins Gespräch. Beide stammten ursprünglich aus Kroatien und lebten seit ihrer Jugend in Deutschland. Maria war „sofort beeindruckt von Victor“. Von seinem Charme, seinem guten Aussehen und seiner Selbstsicherheit. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Was danach folgte, beschreibt die junge Frau als einen Rausch. Victor und sie hatten eine sehr intensive Zeit miteinander. Party´s, Kurzurlaube, spontane Aktionen. Die beiden probierten vieles gemeinsam aus. „Was mich dabei besonders beeindruckte“, sagt Maria, „war, dass Victor Alkohol und Drogen strikt ablehnte. Er konnte sich total gehen lassen und einem die Welt zu Füßen legen, hatte sich und die Situation dabei aber trotzdem stets unter Kontrolle!“

Zumindest schien es so. Doch Victor hatte auch eine andere Seite. Eine Seite, die er nicht ewig vor Maria geheim halten konnte. „Eines abends erzählte er mir, dass er von seinem eigenen Vater in der Kindheit massiv geschlagen und psychisch missbraucht wurde! Seine Mutter war früh gestorben und er wuchs allein mit seinem Vater und zum großen Teil völlig allein auf der Straße auf. Dafür, dass er trotzdem so viel in seinem Leben erreicht hatte, bewunderte ich ihn umso mehr.“

Das Paar verbringt ein Jahr gemeinsam in Hamburg. Dann heiraten sie und schmieden gemeinsam den Plan nach Berlin zu gehen, wo auf Maria ein toller Job wartete. Zwei Wochen nach der Hochzeit schlägt Victor sie zum ersten Mal. „Er gab mir während eines Streits eine Ohrfeige“. Hinterher verließ er die gemeinsame Wohnung und kehrte erst am nächsten Tag zurück. Reumütig und sich entschuldigend. „Er sei ausgerastet, weil ich ihm das Gefühl gegeben habe ihn nicht ernst zu nehmen. Das selbe Gefühl habe sein Vater ihm immer gegeben. Er hätte mich einfach zum Schweigen bringen wollen, damit ich ihm endlich richtig zuhöre! Nun bereue er alles“.

Maria glaubte und verzieh ihm. Immerhin hatte es Victor nie leicht gehabt und wurde nie wirklich geliebt. Natürlich war er da sehr unsicher und hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. „Ich war mir sicher, mit meiner Liebe würde er es schaffen alles hinter sich zu lassen!“, sagt Maria.

Doch die nächste Gewalttat folgte nur wenige Wochen später. Dieses Mal schlug er härter zu. „Sofort danach brach er vor mir zusammen, weinte und flehte mich an ihn nicht zu verlassen. `In Berlin würde so etwas nicht mehr passieren`, sagte er. Dort würde ihn nicht mehr so viel von seiner Vergangenheit belasten. `Ich muss hier einfach nur raus aus dem ganzen Scheiß und dem Dreck! Es geht mir hier nicht gut!`“

Tatsächlich wurde nach dem Umzug alles viel besser. Maria wurde schwanger und Victor ist die ganze Schwangerschaft über sehr liebevoll. Auch nach der Geburt ihrer Tochter. Victor ist ein stolzer Papa und endlich scheint Marias Familienglück perfekt zu sein.

Doch die Probleme in der Beziehung nahmen in den ersten Monaten nach der Geburt zu. Victor fand in Berlin keinen Job. Er wurde immer frustrierter. „Victor hatte ein klassisches Rollenbild von Frauen und Männern im Kopf. Die Frau kümmert sich um die Kinder und den Haushalt, der Mann sorgt für die Familie und bringt das Geld nach Hause. Doch er konnte seinen eigenen Ansprüchen nicht genügen“.

Als Maria sich eines Tages weigert das Mittagessen für ihn zu kochen, weil sie die Kleine zum Mittagsschlaf fertig machen will, rastet er aus. „Plötzlich stand er im Kinderzimmer, schrie mich an und schmiss mir mit voller Wucht eine Suppenkelle an den Kopf. Ich stand an der Wickelkommode meiner Tochter und war gerade dabei sie umzuziehen. Er hätte auch sie mit der Kelle treffen können“.

Aus Angst um sich und ihre Tochter lenkte Maria ein und gab den Befehlen ihres Mannes nach. Wenn sie sich nur ruhig verhalte, dachte sie, würde Victor sich schon beruhigen und alles würde wieder gut.

Doch die Gewaltspirale drehte sich weiter. Die Gründe, wegen denen Victor ausrastete, wurden immer banaler. „Irgendwann lag er fast den ganzen Tag nur noch im Bett oder auf der Couch und schrie mich wegen jeder Kleinigkeit an. Selbst, als unsere 1 Jahr alte Tochter deswegen laut zu weinen anfing, hörte er nicht damit auf!“

Eines abends artet ein Streit zwischen ihnen wieder einmal so aus, dass die Nachbarn die Polizei informierten. Maria fand keine Ausrede vor den Beamten. Hatte das Gefühl, dass sie sie innerlich für ihre Schwäche verurteilen, dass sie bei einem gewalttätigen Mann blieb. Also entschloss sie sich Victor wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen. Victor erhielt eine Wegweisung aus der Wohnung und durfte sich ihr und seiner Tochter vorübergehend nicht mehr nähern.

Nun war Victor wieder allein, auf sich gestellt, in einer fremden Stadt, in der er sich nie richtig Zuhause fühlte. Und auch Maria fühlte sich einsam. Ihre Familie wohnte weit weg, in einer anderen Stadt. Enge Freunde hatte sie auch nicht mehr, da sich in den letzten Jahren alles um Victor und ihre Familie gedreht hatte. „Ich war emotional abhängig von Victor und wollte mir einfach nicht eingestehen, dass mein bedeutsamster Lebensinhalt – meine kleine Familie – gescheitert war“.

Sie ließ Victor zurückkommen, gab ihm eine weitere Chance sich zu bessern. „Eigentlich war Victor ja gar nicht so schlimm“, redete Maria sich ein. „Immerhin prügelte er mich niemals krankenhausreif, sondern schlug immer „nur“ 1, 2 Mal zu. Da hatte ich schon wesentlich schlimmere Geschichten gehört. Und streiten taten ja viele Paare miteinander“.

Victor begann eine Therapie. Wieder wurde alles eine Zeit lang besser – dann begann die Gewalt von Neuem. Erst verbal, kurz darauf wieder körperlich.

Maria hatte wieder zu arbeiten begonnen und ihre Tochter besuchte einen Kindergarten. Victor warf Maria ständig vor, mit ihren Geschäftspartnern eine Liebesbeziehung zu haben und sich als etwas Besseres zu fühlen, weil sie einen Abschluss und einen Beruf hatte. „Er schaffte es immer wieder mir ein schlechtes Gewissen zu machen und mich dazu zu bringen ihm meine ernsthafte Liebe beweisen zu wollen. Dazu gehörte für ihn aber auch, ihm niemals zu widersprechen!“

Maria war, nach ihrer eigenen Aussage, immer bemüht ihren Mann nicht unnötig zu provozieren und die Schwierigkeiten zwischen ihnen anzuheizen. „Die Einzige, die sich veränderte, war ich! Ich wurde von einer lebenslustigen Frau, die ihren Job liebte, immer mehr zu einem Wrack, deren Gedanken sich stets nur um die Bedürfnisse und Befindlichkeiten des Mannes drehten“.

Bis zu jenem Abend, an dem sie feststellte, das Victor sie mit einer anderen Frau betrog! „Plötzlich fiel meine ganze „heile“ Welt, die ich mir immer versucht hatte einzureden, komplett in sich zusammen. Ich fühlte mich wie betäubt!“

Maria fühlte sich zum ersten Mal in der Beziehung wirklich hintergangen, ausgenutzt und gedemütigt. Victor teilte mit einer anderen Frau Zärtlichkeit und Liebe, während sie alles für ihn opferte. Als sie ihn zur Rede stellt, beschimpft er sie und droht ihr erneut mit Gewalt.

„Rückblickend war dieser Betrug das Beste, was mir passieren konnte!“, sagt Maria heute. Durch die Enttäuschung und die Wut fasste sie endlich den Entschluss, der ihr Leben und das ihrer Tochter ändern sollte: Zusammen mit der Kleinen zog sie in eine Schutzwohnung.

„Zunächst wollte ich Victor damit eigentlich nur eine Lektion erteilen, ihm zeigen, dass ich verletz bin und ihn verlassen könnte“. Doch dann lernte sie Romy* im Frauenschutzhaus kennen. Auch sie hatte mit ihren beiden Kindern hier Zuflucht gefunden. „Sie öffnete mir mit ihrer Geschichte die Augen. Sie war mit ihrem gewalttätigen Freund fast 14 Jahre zusammen und nie hatte sich etwas geändert!“ Die Sozialpädagoginnen im Haus verdeutlichten ihr außerdem, was es für ihre Tochter bedeutete, wenn sie die Gewalt Zuhause miterleben musste. „Bis dahin hatte ich mir immer eingeredet, dass sie davon eh nicht viel mitbekommen würde. Und Victor wurde ihr gegenüber nie direkt gewalttätig!“

Maria suchte sich eine eigene Wohnung, um ein neues Leben zu beginnen. Trotzdem hielt sie zu Victor immer Kontakt. „Er war immerhin der Vater meiner Tochter und wir hatten das gemeinsame Sorgerecht“. Weil Victor sein Kind sehen wollte und Maria mit dem Familiengericht drohte, traf sie sich wieder mit ihm. Immer für ein paar Stunden. Dann vereinbarten sie gemeinsam eine Umgangsregelung mit ihrer Tochter. Victor holte sie 1x in der Woche vom Kindergarten ab und brachte sie abends zu Maria zurück.

„Doch eines abends kam er nicht, sondern schrieb nur eine SMS: Er behalte unser Kind noch bei sich, wolle mehr Umgang und da er das Sorgerecht hatte, müsse ich damit leben!“ Maria holt sich Unterstützung in einer Beratungsstelle und schaltet das Familiengericht ein. Mit Erfolg: Am Ende erhält sie das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter.

Victor besteht trotzdem weiterhin auf sein Umgangsrecht. Über das Jugendamt wird ein Begleiteter Umgang eingesetzt. Zwei Sozialpädagogen begleiten die Treffen zwischen Vater und Tochter und führen regelmäßig Gespräche mit den Eltern.

„Es tut gut diese Unterstützung zu haben“, sagt Maria. „Unsere Tochter soll natürlich einen Papa haben und sie freut sich jedes Mal, wenn sie ihn sieht. Für sie wird er immer ihr Vater sein“.

Irgendwann wird der Begleitete Umgang jedoch auslaufen und beendet werden. Wie es dann weitergehen soll, weiß Maria noch nicht genau. „Fakt ist, dass ich ihn durch unser Kind nicht komplett aus meinem Leben streichen kann, auch wenn ich das gerne möchte. Aber ich kann mich jetzt wehren, wenn er für mich oder meine Tochter zu einer Bedrohung wird!“

Ihren Traum vom heilen Familienglück gibt Maria trotz ihrer Erfahrungen nicht auf. „Die perfekte Familie gibt es nicht. Und meine heile Familie besteht nun eben aus mir und meiner Tochter!“


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