Home  »  News   »   Familie und Leben   »   Wenn man die Welt der Frauen erforscht…

Familie und Leben News

Wenn man die Welt der Frauen erforscht…

Die Soziologin Jutta Allmendinger erforscht seit über 25 Jahren die Welt der Frauen, die übrigens nicht unbedingt besser wäre. Denn man kann nicht sagen, wie Frauen in Machtpositionen sich verändern und wie die Rollen dann aussehen würden. Aber was wollen Frauen wirklich?

Allmendinger: Frauen wollen eine Tätigkeit, in der sie sich sinnhaft entfalten, weiterentwickeln, Karriere machen können. Frauen wollen Kinder, aber nicht, wenn sie sich nicht um sie kümmern können. Deshalb wären die Welt und der Arbeitsmarkt von Frauen vollkommen anders.

Wie denn?

Allmendinger: Das beginnt bei den Arbeitszeiten. Unsere Studien zeigen, dass Frauen mit einer niedrigen Teilzeit auf Dauer unzufrieden sind. Sie wollen durchaus mehr arbeiten. Gleichermaßen können und wollen Frauen nicht über ihren gesamten Lebensverlauf hinweg auf eine Stundenzahl festgelegt werden. Das müssten Arbeitgeber stärker berücksichtigen. Im Leben von Frauen – und hoffentlich auch bald von Männern – sind bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammenzudenken. Und damit meine ich mehr als Job und Kinder. Damit meine ich die Pflege von Älteren, Nachbarschaften, Freundschaften, Ehrenamt und so weiter. Männerleben dagegen sind zurzeit noch viel enger an die Erwerbsarbeit gebunden.

D.h. das Umfeld und der Arbeitsmarkt müsste von Grund auf anders gedacht werden  – immerhin arbeiten zwar viele Frauen kontinuierlich und sind in ihren Berufen anerkannt, aber noch immer sind die Führungspositionen männlich besetzt. Da hilft der Ruf nach der Frauenquote wenig. Problematisch auch, dass gesellschaftlich wirklich erfolgreichen Frauen oft vom Umfeld verurteilt werden und ihnen der Ruf nachjagt, keine gute Mutter sein zu können – als entweder oder?

Allmendinger: Quotenfrau klingt wirklich schrecklich. Wie eine Belohnung für Leistungsschwache. Dabei machen sich viele Frauen nicht klar, dass auch Männer quotiert sind. Wenn 70% der börsennotierten und mitbestimmten Großunternehmen eine Zielgröße von null Prozent Frauen im Vorstand festlegen, haben wir ja Quotenmänner. Das Wort Rabenmutter finde ich dagegen weniger schlimm. Rabenkinder schlüpfen von sich aus zu früh aus dem Nest, ihre Eltern helfen dann beim Flüggewerden. Gluckenmutter und Helikoptereltern, das sind für mich Schimpfwörter.

Dabei ist für Frauen und Männer Arbeit gleichermaßen wichtig. Sie ist identitiätsstiftend und würde auch getan werden, wenn das Geld gar nicht notwendig wäre. So zumindest die Einschätzung von Frauen und Männern in der sog. Vermächtnisstudie, die 2016 gemacht wurde. Dreh und Angelpunkt ist also nicht die Arbeit an sich, nach Allmendinger sind es die Arbeitsstrukturen. Was ist daran für Frauen schwierig?

Allmendinger: Die Vorgabe eines Normallebensverlaufs: Vollzeit, 45 Jahre, keine Unterbrechung. All das, worauf der deutsche Sozialstaat baut. Hinzu kommen: Mitversicherung, Ehegattensplitting, jede Menge Anreize für Männer, im Haushalt nur zuzuarbeiten. Nicht zu vergessen geringere Löhne. Diese Strukturen sind knallhart. Sie beeinflussen Arbeitgeber und fördern Stereotypisierungen. Arbeitgeber sehen ihre weiblichen Nachwuchskräfte und denken: „Sobald die ein Kind kriegt, will sie keine Karriere mehr.“ Diese Bilder beeinflussen natürlich auch die Entscheidungen, die Frauen treffen. Wenn sich werdende Eltern zusammensetzen und fragen, wer beruflich eine Auszeit nimmt, dann ist es logisch, dass die Frau das macht. Sie hat die schlechtere Verhandlungsposition.

Familienfreundlichkeit von Betrieben heißt also auch die Wiedereingliederung in verantwortungsvolle Positionen nach dem einen Jahr Elternpause. Das Gehirn und die Leistung ist ja durch das Kind geblieben. Es braucht mehr Ideen zur Vereinbarkeit und die Erwerbstätigkeit und Familienarbeit zwischen Frauen und Männern müssten viel ausgeglichener sein. Das setzt aber voraus, dass Vorgesetzte und Kollegen Vertrauen haben – Vertrauen in die Mitarbeiterin, die jetzt auch Mutter ist.

Allmemdinger formuliert radikal: „Mütter werden bestraft“ (Männer nicht.) Lena Hipp, Professorin am WZB, hat untersucht, wie Arbeitgeber unterschiedlich lange Elternzeiten in der Berufsbiografie von Männern und Frauen bewerten. Konkret wurde die Wahrscheinlichkeit gemessen, mit der Bewerberinnen und Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden: auf der einen Seite Frauen und Männer, die jeweils zwei Monate Elternzeit genommen hatten, auf der anderen Seite Frauen und Männer nach zwölfmonatiger Auszeit. Außer der Elternzeit stimmten die Biografien überein. Das Ergebnis: Männer werden immer eingeladen – egal, wie lange sie raus waren.

Leider hat sich da in den letzten 25 Jahren wenig bewegt, trotz der Frau in politischer Spitzenposition. D.h. es baucht mehr Druck für Politik und Wirtschaft, damit der Lebensentwurf von Frauen nicht mehr von den deprimierenden Zahlen und Ergebnissen im Gleichstellungsbericht, in Gehaltskurven und Rentenbezügen bestimmt wird.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.