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Kolumnen

Wenn man die Kinder aus Verzweiflung in eine Pflegefamilie gibt

 

Was, wenn man alleinerziehend ist und alles allein stemmen muss? Wenn die Zeit einfach nicht reicht? Wenn das Geld knapp ist? Wenn die Kraft aufhört und von Abends bis zum frühen Morgen nicht wieder kommt? Wenn man das Gefühl hat, sich nie mehr erholen zu können? Am Ende zu sein? Alles zu viel ist und man sich doch weiter und immer weiter kümmert – wer sollte es auch tun? Es ist ja sonst keiner da.

Mutterliebe kann vieles schaffen. Vieles, nicht alles. Doch das will niemand hören. Läuft doch. Irgendwie. Und die Empfehlung ist ja schließlich, ein großes Netzwerk aufzubauen. Also andere helfende Hände, auf die man sich im Notfall verlassen könnte. Das hört sich zwar charmant und einfach an, setzt aber voraus, dass es fremde Hände gibt, die anderen helfen wollen. Und in einem Land, wo der Einzelkämpfer heroisch seine Flagge hisst und immer noch gefeiert wird, wo alle irgendwie eingebunden, gestresst und belastet sind, auch nicht so einfach zu finden. Hast Du keine Freunde, die dich unterstützen? Schade. Gibt es keine Familie, die dir unter die Arme greift und ab und zu für kleine Freiräume sorgt? Mmmhhh, auch nicht zu ändern. Vielleicht andere Alleinerziehende, die ja das gleiche Problem haben? Klar, aber wenn die selbst am Limit sind, will man ihnen ja nicht noch zusätzlich Arbeit machen. Ein Dilemma, mit dem das Leben, die Gesellschaft einen allein zurück lässt.

Da gibt es Wohngeld, Sportangebote werden bezahlt, Klassenfahrten übernommen,

Solange die Kinder nicht entwicklungsverzögert sind, verwahrlost, kränklich oder sonst irgendwie auffallend, fallen Alleinerziehende mit ihrer Erschöpfung und Verzweiflung durch das gesellschaftliche Raster. Wozu helfen? Es ist ja nichts dramatisches passiert. So ein bisschen Müdigkeit und Schwäche, was solls…..

Dabei steht so schön im Familien-Wegweiser: „Tauchen im Familienleben dauerhaft Probleme oder Krisen auf, haben Mütter und Väter die Möglichkeit, spezielle Hilfs- und Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen, die entlasten, unterstützen und ermutigen sollen.“ Ja, aber wo sind die denn?

Das Mutterherz zieht sich zusammen, der Herzallerliebste ist gerade für einige Tage nicht da und ich denke, was wäre wenn…

Kaum einer, der jetzt allein auf weiter Flur steht, hat sich das ursprünglich so ausgemalt und gewünscht. Eine Verkettung unglücklicher Ereignisse und Entscheidungen, an deren Ende drohend in Leuchtschrift geschrieben steht: alleinerziehend. Ich bin voller Bewunderung für alle, die jeden Tag aufs Neue für sich und die eigenen Kleinen und Großen die Verantwortung übernehmen, rennen, tun, machen, kümmern…

Aber wie verzweifelt muss man sein, wie schlecht muss es einem erst gehen, wenn man freiwillig seine Kinder für eine kurze Pause vom Mutter-sein abgibt? Wie tief ist dann schon das schwarze Loch, wenn man kein Licht mehr sieht? Und ganz unabhängig vom eigenen vorwurfsvollen Gedankenkreisel, wie reagieren die anderen? Was denken die wohl von einem?

Claire weiß es, gab ihre Jungs für drei Wochen in eine Pflegefamilie und hat mich tief bewegt…

„Das erste, was ich gemacht habe, als ich nach Hause kam, nachdem ich meine Kinder in die Pflegefamilie gebracht hatte, war: Aufräumen!

Ich räume gerne auf, ganz besonders, wenn es mir schlecht geht. Wenn in mir schon alles im Chaos versinkt, dann soll wenigstens außen Ordnung herrschen.

Beim Aufräumen fand ich auf dem Boden Ida und Ole. Ida und Ole sind die zwei kleinsten Stapelbecher, die eigentlich zu den anderen vier Stapelbechern meines kleinen acht Monate alten Sohnes gehörten. Meine Söhne waren weg, die übrigen Stapelbecher waren auch weg, aber Ida und Ole waren da und das hat mich sehr berührt. Es war wie eine Verheißung, dass meine Kinder wieder zu mir zurückkommen und ich es irgendwie schaffen kann.

Das Beste an den drei Wochen, die meine Kinder nicht bei mir waren, war, dass ich endlich wieder einmal schlafen konnte und nicht wie eine Irre im Hamsterrad gerannt bin.

Ich hatte viele Ängste, viele Diskussionen mit Vätern, die sich nicht oder nur sporadisch gekümmert hatten und ergebnislose Gespräche mit dem Jugendamt.

Ich habe viel nach Hilfe gefragt und wenig Hilfe bekommen, habe Kontakt mit der Redaktion der Zeitschrift “Brigitte” aufgenommen, mich in einer psychosomatischen Klinik vorgestellt, weiterhin Hilfe in der Beratungsstelle angenommen, viel geweint, gehadert – und, vielleicht war das das Wichtigste,  ich bin weitergegangen auf meinem ungewissen Weg.

Es schmerzt

Die Telefonate mit meinem großen Sohn, der von seinem Vater aus der Pflegefamilie umgehend abgeholt wurde, nachdem er sich ein ganzes Jahr lang nicht um seinen Sohn gekümmert hatte, waren herzzerreißend.

Die Besuche bei meinem kleinen acht Monate alten Sohn in der Pflegefamilie waren schmerzlich. Diesen kleinen Menschen so schutzlos weggegeben zu haben, war unheimlich schwer auszuhalten. Das ist es bis heute.

Auch zwei Jahre nachdem ich meine Kinder weg gegeben habe, ist es schmerzhaft, über alles nachzudenken. Zwischen den Sätzen hänge ich viel meinen Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen nach.

Meine Kinder waren drei Wochen weg und kamen dann wieder in ihr zu Hause. Mir hat das so viel Angst gemacht, dass ich eine Panikattacke bekam.

Also nichts mit “wir sind jetzt wieder alle zusammen und alles ist gut“. In solchen Situationen gibt es keine Hilfen.

Es gibt keine Unterstützung für die täglichen Dinge des Lebens, die man als alleinerziehende Mutter oder Vater mit zwei Kindern bewältigen muss.

Ich hatte keine Kraft mehr

Ich hatte sogar das Gefühl, dass das Jugendamt mit meinem Fall eher überfordert war, denn meine Kinder waren weder entwicklungsverzögert, noch verwahrlost, noch sonst irgendwie auffällig.

Ich habe ja alles gemacht für meine Kinder, nur hatte ich keine Kraft mehr. Dass Eltern keine Kraft mehr haben, ist jedoch in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen…

(Danke, Mamastreikt)

Vielleicht nicht den Kopf schütteln, wenn man eine Mutter verzweifelt in der Straba sieht, möglicherweise helfen, wenn ein Kind gerade brüllend auf dem Boden liegt und das Baby umgebunden ist, eventuell die Nachbarin fragen, ob man mal die Kids mit in den Park zum Spaziergang nehmen soll… helfen ohne Vorwurf und ohne das Gefühl zu vermitteln, dass es Vater und Mutter nicht gebacken bekommen und nicht hart oder stark genug sind.

 Einfach helfen und nicht verurteilen.

Ihre/Eure nachdenkliche Sabine Henriette Schwarz

 


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