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Wenn ich groß bin…

Wenn ich groß bin - Kolumne von Sabine Henriette Schwarz auf LeipzigKids

Wir sind in der Berufsfindungsphase… Fast täglich wird mir beim Schuh anziehen der Größe Dreißig, bei Schnürsenkelbindeversuchen, bei der Testfahrt mit dem Fahrrad oder wie am Wochenende zwischen Fußballfans in der Straßenbahn berichtet, was man werden will. Nicht, dass sich daraus ernstzunehmende Planungen ableiten ließen, aber die Mischung macht’s. In unserem Fall wechseln sich fußballspielende Ballerina mit tanzendem Fußballprofi ab. Warum sollte man sich auch entscheiden? Fußball ist genauso toll wie ein Ballettsaal mit Kronleuchtern. Aber vor allem will das Menschenkind in den Fernseher – und wenn man erst einmal im Fernseher ist (O-Ton: „Mami, muss ich dann ganz klein werden, damit ich da reinpasse?) will man Aschenputtel sein, Dornröschen und Bibi. Wenn das kleine Mädchen einen guten Tag hatte, wird uns großmütig erlaubt, ihr später im Fernsehen zuzusehen und danach (wenn sie mit ihrer Arbeit fertig ist) kommt sie wieder nach Hause. Lief der Tag nicht ganz so gut und die Laune ist ein wenig angeschlagen, wird uns vehement erklärt, dass sie dann eben nicht mehr aus dem Fernseher rauskommt. Nie mehr. Wir sind dann sehr ernst und zutiefst betrübt.

Doch generell ist es fantastisch. Alles ist möglich. Man sucht sich als Kind etwas scheinbar Wunderschönes aus, etwas was einem Freude bereitet, und genau das soll es später auch sein. „Wenn man groß ist…“ steht die Welt offen. Keine ningelnden Eltern, keine Zu-Bett-Geh-Zeiten, kein „Iss jetzt Dein Brot auf“. Grenzenlose Freiheit, angemalt mit Regenbogenfarben und mit ein wenig Feenstaub versetzt.

Könnt Ihr Euch noch erinnern, was es bei Euch sein sollte? Damals, als man sich noch nicht dringend um Miete, Strom, Versicherung oder Reparaturen Gedanken machen musste? Wo man mit dem liebsten Gesicht der Welt und mit einem Augenaufschlag, der Eisberge zum Schmelzen brachte, zu den Großeltern gegangen ist und so die lebensnotwendige Schokolade, das Eis oder ein Spielzeug erbettelt hat? Jetzt ist man für das Loch im Portemonnaie selbst verantwortlich und die Chance, jemanden zuckersüß zu erweichen, ist gering. Zumindest, wenn man sich nicht mit alternden Dagobert Ducks abgeben will, die gern junge, hübsche Dinger in Samt und Seide kleiden, damit sie es neben Glatze und Bierbauch und so manch flachem Spruch aushalten. (Ohhhh, so wie ich es schreibe, wird mir bewusst, dass dafür der Zug auch schon abgefahren ist. Mit jung, frisch und knackig ist da inzwischen nix mehr. Der Mädchencharme ist endlich…)

Aber wäre es nicht schön, wenn sich der Gedanke, genau das sein zu können, was man will, halten würde? Ungeachtet der gähnenden Leere im Geldbeutel und dem, was sich so aus Markt und Notwendigkeiten zusammensetzt?

Dann würde ich jetzt wahrscheinlich inmitten einem Tierheim wohnen, viele bunte Bilder malen und immer wieder die Zimmer meines Hauses neu machen. Rot, blau, mit Sternen, Blumen, Bienen…. Ich würde sehr spät aufstehen und in der Küche stände immer ein leckerer Kuchen. Ich hätte eine riesenhafte Schaukel im Flur und im Wohnzimmer befände sich ein Klavier, dass wie von Zauberhand mit mir spielen würde… Gäbe es diesen Ort, heute und jetzt, wäre entweder die Zwangsjacke mein ständiger Begleiter oder ich würde damit wahnsinnig viel Geld verdienen, weil es genauso einen Ort braucht. Inmitten von Straßenlärm, engen Fußwegen und zu viel Tristes wäre eine kleine moderne Langstrumpf Insel doch gar nicht so verkehrt? Zu Gast sind dann all jene, die etwas Anderes brauchen. Sie essen Kuchen, hören das Klavierspiel und vergessen zwischen all den Tieren und ihren unwiderstehlichen Glubschaugen, dass sie vorher traurig, betrübt oder gehetzt waren. Der einzige Wehrmutstropfen: irgendwann muss man wieder hinaus in die Welt, die leider so gar nicht Langstrumpf ist….

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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