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Der Weihnachtsbaumkauf

Wir haben ihn schon. Noch nie waren wir so zeitig, aber wir konnten diesem kindlichen Hundeblick nicht wiederstehen und die Erfahrung hat uns gelehrt, was Kind wirklich will, begleitet einen als Frage und stiller Vorwurf über Stunden, Tage und Wochen. In der Vergangenheit gehörten wir nämlich auch zu den Familien, die erst kurz vor dem Weihnachtstag losgerannt sind, um noch einen der beliebten Bäume – zumeist der Art der Nordmanntannen aus Dänemarks Plantagen – zu erstehen. Doch bis wir endlich das Objekt der Begierde erstanden hatten, mussten wir täglich auf dem Weg nach Hause an einem der vielen Weihnachtsbaumsammelverkaufsplätzen vorbei.

„Mami, Tannenbäume so wunderwunderschön. Warum wir noch keinen Tannenbaum?“

Weil der doch für den Weihnachtsmann ist, Schatz. Da haben wir noch etwas Zeit.

„Aber Mami, wir in der Kita auch schon ganz lange einen oh Tannenbaum. Warume?“

Das kann jeder machen wie er möchte. Manche kaufen ihn später und manche etwas zeitiger. Wir werden auf alle Fälle auch einen ganz schönen Baum haben.

„Aber Mami, findest Du den Tannenbaum nicht auch wunderschön? Und guck, die schon einen kaufen. Mami biiiiitte. Guck, ich mach auch ein ganz liebes Gesicht.“

Das ist prima, aber wir warten noch ein bisschen mit dem Baum, ja? Bei Mami und Papi gab es den Baum auch immer erst am Weihnachtstag. Das wollen wir doch auch so machen. Das ist Tradition.

„Warume Mami? Was ist Tration? Ich mir das sooooo wünschen.“

Dann schluchzte es und auf dem letzten Stück Weg, beim Ausziehen oder Abendbrot rollten zuweilen dicke Verzweiflungs-Tannenbaum-ich-will-jetzt-auch-einen-Tränen. Also Hinfort mit der Tradition und der Standhaftigkeit. 2015 sind wir eben früher. Tradition ist im Angesicht der kindlichen Kulleraugen auch überbewertet, dachte ich und überlegte bereits, wie ich es dem Herrn Papa begreiflich machen sollte, dass das Zelebrieren der Baumbeschaffung entgegen den dreißig Jahren Erfahrung diesmal eben Wochen vorher stattfinden würde. Doch, zu meiner Überraschung, musste ich gar nicht erst weibliche Überzeugungstaktiken bemühen. Ohne es besprochen zu haben, kaufte der Mann rein intuitiv bereits Ende November neue Lichterketten. Und da wir im Wesentlichen aufgrund eines kleinen Lichterketten-herab-Fall-Missgeschicks jene auch nur für den Baum dringend brauchten, war die Sache klar.

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Ergo: am Nikolaustag, bei strahlendem Sonnenschein, der eher an Frühling erinnerte, stapften wir los.  Begleitet von einem hüpfenden, springenden Kind, das fröhlicher nicht sein konnte. Auf dem Weg dahin, erinnerte ich mich an vergangene Baumgeschichten und wie aufgeregt ich selbst immer war, wenn der Baum so strahlend und beleuchtet unter dem goldenen Kronleuchter stand. Meist war vorher ein fürchterlicher Streit zwischen meinen Eltern entbrannt, weil a) der Baum zu hässlich war oder b) der Baum viel zu groß war und man kaum noch zur Tür raus kam oder c) man zwei Bäume kaufen musste, damit der Vater in die großen Lücken zwischen den Zweigen noch Fremdzweige mit Holzleim einsetzen konnte (ja, ist schon ein bissel her, gab es aber und dauerte in der Bastelvariante wahnsinnig lange). Streit gab es auch, wenn der Baum bereits sein halbes Nadelkleid auf dem Weg in die fünfte Etage des Neubauwohnblocks verloren hatte und man von der Haustür aus nachputzen musste. Und einmal war die Stimmung hinüber, weil die liebevoll aufgehangenen Zuckerkringel bereits vor dem Heiligen Abend vom Hund gefressen waren. Alles war möglich. Doch obwohl der Tannenbaum mit so viel Lärm verbunden war, hat er für mich nie seine Faszination verloren. Später gab es ihn dann zu Hause nicht mehr; wahrscheinlich wegen den Stänkereien, aber ich war darüber zutiefst betrübt. Einmal quetschte ich sogar eine bereits geschmückte Minivariante von einem Weihnachtsbaum in meinen Smart, nur um im elterlichen Haus wieder mal einen zu haben…

Nun gut, genug der alten Geschichten. Jetzt bin ich selbst zu fünfzig Prozent Eltern und wir haben inzwischen den Eingang erreicht, um Weihnachtsbaumfantasien wahr werden zu lassen. Fünf Größen, fünf Farben, fünf Preise. Dazwischen fast ausschließlich junge Familien auf der Suche nach dem perfekten Baum. Aber was ist schon perfekt? Dann gibt es ja nichts mehr, was man daran verbessern könnte. Ich, für meinen Teil, mag ja eher die Dinge mit Charakter, mit Ecken und Kanten, auch Bäume (sehr zum Leidwesen des Mannes), die ein wenig schief und krumm sind, die sonst keiner haben will und deshalb ganz und gar einmalig sind. Aber ich weiß, wenn wir jetzt schon so zeitig im Tannenbäumchen-Wunderland sind, kann ich mit dieser Herangehensweise nicht punkten. Das Kind schaut verzückt, ich drehe die ein oder andere Tanne hin und her und dann sehe ich einen Baum, der von vorn sehr hübsch (da steht der Mann) und von hinten irgendwie viel zu puschelig aussieht. Ich rufe, das Kind bestaunt ihn, der Mann lächelt und ein anderer spricht gerade zu Frau und Tochter: „Naja, hauptsache er gefällt Euch.“

Und das ist es eigentlich auch, oder? Der Weihnachtsgedanke, einfach so lapidar ausgesprochen von einem Unbekannten in brauner Winterjacke gegen 11:30 Uhr, unprätentiös an einem Sonntagmorgen zwischen Tannen in allen erdenklichen Größen.

So wie unser Baum nur uns gefallen muss, darf und soll die Art, wie wir Weihnachten feiern,  für uns richtig sein. Das Essen muss nur uns schmecken und wir sollten entscheiden, wie wir die gemeinsame Zeit verbringen. Egal ob faul oder immer unterwegs, egal ob Piste oder Couch – uns muss es gefallen.

In diesem Sinne, genießen Sie die Zeit und ja, man darf ruhig mal nur daran denken, was man selbst für Weihnachten am liebsten hätte… Ihre Sabine Henriette Schwarz

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