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Kolumnen

Von Lampions und guten Müttern

Kolumne: Von Lampions und guten Müttern

Dieses Jahr wollte ich vorbereitet sein. Im letzten Herbst, als die Lampionumzüge stattfanden, standen wir mit einem hübschen, gekauften Leuchtelement am Treffpunkt und fielen durch eben jenes negativ auf. „Was, ihr habt nicht selber gebastelt? Das ist aber schade.“ Und gleich nebenher hörte ich: „Dem Yven Joel hat das soooo viel Spaß gemacht. Das hätte ich nicht über‘s Herz gebracht.“ Und schon hatte ich den Sticker „schlechteste Mutter ever“ imaginär auf die Stirn getackert bekommen. Nicht, dass ich wütend war. Nein. Es war mir aber leider auch nicht piepegal, sondern ich fühlte mich tief getroffen. Das Kind war zwar erst dem dritten Lebensjahr entschlüpft und eine gemeinsame Bastelaktion wäre wohl zu einer einsamen mütterlichen Freizeitbeschäftigung modifiziert worden, aber dennoch…. Ich fühlte mich schuldig und diese Schuld musste in diesem Jahr beglichen werden.

Hochmotiviert machte ich mich also schon zeitig auf die Suche. Ich erstand einen Löwen mit kleiner Maus (ja, für Eigenkreationen befand ich mich noch für zu unbedarft), auf dem in großen Buchstaben stand: Für Kinder ab 4 Jahre. Juchu dachte ich, da machen wir uns einen schönen Nachmittag und mit stolzgeschwellter Brust können wir uns dann mit unserem leuchtenden Prachtexemplar sehen lassen. (Es geht bei einem schlichten Lampionumzug zwar nicht um einen Wettbewerb, aber völlig versagen will man ja auch nicht.) Deshalb: Los geht‘s.

lampignon-leipzigkidsRückblickend kann ich nur sagen, dass es gut war, so zeitig loszulegen, denn nur, weil „ab 4 Jahre“ draufsteht, heißt das noch lange nicht, dass es auch Fünfjährige können. Es saßen also zwei Erwachsene und zwei Kinder geschlagene drei Stunden am Esstisch, um dann abends halb sieben die Segel zu streichen. Es hatte einfach keinen Zweck. Die gefühlten 26 Zehennägel des Löwen und die 54 Haare der Mähne reduzierten unsere Bastelfreude erheblich, so dass zum Schluss nur noch großer Hunger (es war schließlich schon Abendbrotzeit) und leichte Frustration (ich hatte es mir viel schöner, entspannter und schneller vorgestellt) vorherrschten. Geduld ist eine Tugend des Wartens, ursprünglich auch Langmut genannt, aber mit Dingen, die lang dauern, haben es meine Kinder leider nicht so und ich bin für entsprechende Längen auch eher ungeeignet.

So, wie ich mich generell manchmal ungeeignet fühle – bei dezenten mütterlichen Gesprächsrunden beispielsweise oder beim Tanzkurs meiner Tochter. Da, wo gern jeder Hüpfer mit einem aaahhh und ohhh der zumeist weiblichen Begleitperson kommentiert wird. Ich freue mich auch, wirklich, aber von der Ecole de Danse de l’Opéra in Nanterre sind wir noch Lichtjahre entfernt.

Das Kind ist ein Kind ist ein Kind. Mein Kind. Und ich könnte zur Löwin werden, wenn man ihm weh tut, aber ich bilde mir nicht ein, dass es der nächste Picasso, Beethoven, Einstein oder eine Polina Seminova wird. Bin ich deshalb eine schlechte Mutter?

Nein, ich stelle mir nicht ernsthaft die Frage. Nicht wirklich. Aber in der Tat sind andere mütterliche Weibsbilder mitunter echte Giftspritzen, die mit ihrer Nadel so lange so tief bohren, bis sie auch bei mir auf irgendetwas stoßen… das schlechte Gewissen beispielsweise. Da stelle ich mich plötzlich in Frage, obwohl die Liebe zu den kleinen Menschenkindern nicht einmal Platz für das kleinste Fragezeichen zulassen könnte. Ich weiß das. Trotzdem…

…trotzdem denkt der Kopf. Und der Kopf hat viel Zeit, wenn man eine Nacht lang neben dem kotzenden Kind liegt und auf sein Röcheln hört.

Und bei den ersten Autos auf der Straße merke ich, wie absurd das ist. Ich liege hier, der kleine, übelriechende Mensch neben mir. Hier geht es nicht um irgendwelche Bedingungen, die gestellt werden oder um Leistung – Hier geht es um Nähe. Ich bin da – immer, so oft es geht, so viele Stunden wie am Tag möglich sind und liebe.

(…auch wenn wir nächstes Jahr vielleicht wieder mit einem Kauflampion antreten und ich nicht beim kleinsten Hüpfer in euphorische Begeisterungsstürme ausbreche.)

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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