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Kolumnen

Vom Verlieren und Finden

Jeder Deutsche verliert im Durchschnitt 1,24 Gegenstände pro Jahr, sagt Mozy (ein Anbieter von Online-Lösungen bei dem mir völlig unklar ist, wie und warum er das rausgefunden hat), vor allem gegen 18:00 Uhr und an Freitagen und Samstagen im Dezember.

Dabei sind wir kein Volk der großen Verlierer (das kann man jetzt so oder so sehen) Nur 36 Prozent von uns verlieren einen oder mehrere Gegenstände im Jahr. Ganz im Gegensatz zu den Engländern, Franzosen, Iren und Amerikanern, die die Verlustkönige sind. Fest steht aber,  ich kann unmöglich Teil dieser Statistik sein. Denn: bei uns ist aus unerfindlichen Gründen immer irgendwas weg. Also nicht einfach, dass es nicht mehr an seinem Platz liegt, es ist weg, wie vom Erdboden verschluckt, unauffindbar, verschollen. Gerade war es noch da, ich habe es gesehen, angezogen, damit herum hantiert und im nächsten Augenblick ist es geflüchtet.

Manchmal, wenn ich großes Glück habe, taucht es auch wieder auf, aber dann ist es meist zu spät. So hilft der zweite Strickhandschuh im April auch nicht mehr viel und ich lege ihn ordentlich in unsere Schuh, Schal, Handschuh-Box, die dann immer für die Sommerzeit in eine alte Truhe wandert. Auch der dritte Haustürschlüssel, der im Kaufmannsladen im Kakaobecher lag, wird nicht mehr ganz so dringend benötigt, wenn bereits der Schlüsseldienst für ein weiteres Exemplar beauftragt und bezahlt wurde (ich hatte die Suche nach zwei Wochen abgebrochen). Letztens hatte ich sogar Riesenglück und der im Einkaufsmarkt verlorene Kinderstiefel der Größe 23 konnte von mir nach einer knappen Stunde des Suchens zwischen Nudelregalen, der Wursttheke und dem Weichspüler im Halbdunkel auf dem Parkplatz entdeckt werden. Ich war zwar vom Gedrängel des Wochenendeinkaufs genervt und die Suche hatte die Laune nicht wirklich gehoben, aber juchhu. Der Stiefel war da. Die Regel ist das allerdings nicht.

Im Normalfall bleiben die meisten Dinge einfach im Nimmerland und ich suche verzweifelt, vor allem Mützen, Schals, Tücher, Handschuhe, Haarspangen, Haarreifen, Ketten, kleine feine Notizzettel (die man ja bekanntermaßen schreibt, um das darauf notierte nicht zu vergessen) oder den passenden zweiten Socken. Ok, bei letzterem kann man es immer auf das Waschmaschinenmonster schieben, dass da bestimmt hungrig lauert und treffsicher die schönsten Paare entzweit, aber bei allen anderen Dingen? Die Schuldfrage wird laut und mitunter schaue ich das Kind schief an, weil schon wieder nur die Hälfte aller Sachen mit nach Hause gekommen sind. Aber wahrscheinlich geht es dem Kind da nicht anders als mir: es ist vergesslich.

„Menschliches Versagen“ nennt es die Statistik und stellt fest, dass vor allem Zerstreuung, Vergesslichkeit oder übermäßige Belastung ausschlaggebend sind. Und ja, so ist es. Man versucht eben so viel wie möglich parallel zu machen. Essen. Kinder. Arbeit. Freunde. Ein bisschen Organisieren. Ein wenig Planen. Hier noch etwas Vorbereiten und da noch eine Tasche ausräumen. Da ist Denken und Handeln manchmal zweierlei Schuhe. Schließlich ist viel zu schaffen, und am Ende kann ich mich beispielsweise nicht einmal mehr erinnern, wohin ich den Schlüssel gelegt habe bevor wir mit Schuhe, Mantel und Tasche in die Garderobe gingen. (Er steckte dann noch in der Eingangstür von außen. Kann man ja auch schlecht von innen beim Suchen sehen…)

Das Problem ist erkannt. Wahrscheinlich ist deshalb die Achtsamkeit so en voug. Eine Allzweckwaffe zur Verbesserung der Lebensqualität?  Da soll man im Hier und Jetzt sein und zwar nicht nur körperlich, sondern auch mental. Ich soll also auf den Moment achten, d.h wenn ich die Tür öffne und den Schlüssel ablege. Ich soll nix bewerten. Also kein Gedanke in die Richtung: „Nein Kind, lass den Schlüssel liegen. Nein, nicht hinfallen, nicht schubsen. Du hast Durst? Warte, es gibt gleich was oder: Oh Gott, ich hab das Brot vergessen oder: Iiieeehhh, der Hund hat den Müll ausgeräumt.“ Ein achtsamer Mensch achtet auf den Moment, ohne ihn zu bewerten. Das ist der zweite entscheidende Aspekt. Demnach wäre ein ausgeräumter Mülleimer nicht iiieeehhh und ich müsste mir keine Gedanken zum Saubermachen und zu möglichen Hundeblähungen machen. Stattdessen würde ich mit etwas Abstand auf das Chaos schauen und ohne innere Erregung (ja, in solchen Fällen rege ich mich gern auf) zum Besen und Wischmopp greifen.

Der Trick besteht also darin, den Kopf zu beruhigen. Er soll nicht mehr so viel auf einmal denken, er soll ein wenig Abstand zum Chaos bekommen. Fast so als ob man auf einem Berg sitzt und auf das Tal hinunter schaut. Nun gut, auf meinem Berg wird sich gleich ein Kind lautstark bemerkbar machen, aber niemand hat gesagt, dass es leicht ist… Übung macht den Meister, also unter der Dusche auf das wärmende Wasser konzentrieren, anstatt über die To-Do-Liste des Tages nachdenken, beim Frühstücken auf den Geschmack des Essens fokussieren – nicht auf den Einkaufszettel, auf dem Weg zur Arbeit beim Radfahren die frische Luft wahrnehmen oder in der Bahn bewusst auf die Umgebungsgeräusche achten.

Der Lohn?

Man verliert etwas weniger und findet vielleicht mehr? So wie unser kleines Kind, das mit dem strahlendsten Lächeln der Welt Eicheln, Blätter, alte Bonbonpapiere, Kronkorken oder Getränkebüchsen in seinen Händen hält. Nun gut, auch bei ihm sind schon drei Mützen entschwunden, aber davon reden wir jetzt einfach nicht…

Eine schöne Woche ohne Verluste wünscht Sabine Henriette Schwarz


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