Home  »  Kolumnen   »   VERLIEBT

Kolumnen

VERLIEBT

herz_liebe_kind

Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich schaue in diese braunen Augen, fühle die Wärme und die weiche Haut. Schmelze dahin, egal was passiert ist. Unabhängig von dem, was der Tag mir vorher abverlangt hat und unabhängig von der Müdigkeit, die sich gerade, wo ich sitze, breit macht.

Jetzt, in diesem Moment, bin ich einfach nur hier und glücklich. Alles fühlt sich richtig an, so als ob es gar keine andere Möglichkeit gegeben hätte – dabei gab es die durchaus. Lange gab es die Überlegung, meinen Weg allein zu beschreiten. Wäre auch irgendwie in Ordnung gewesen – möglicherweise begleitet von ein wenig Sehnsucht und Wehmut, aber man hätte sich arrangieren können. Musste ich nicht. Unerwartet kam alles anders. Und jetzt sitze ich hier und sehe meine lächelnde Spiegelung im Fenster, fast wie eine entrückte Grinsekatze. Verrückt. Verliebtheit als Phänomen der passionierten Liebe, die mich gern viel öfter als möglich in die braunen Augen sehen lassen will. Sehnsucht mitten am Tag, beim Einparken, in der Mittagspause. Ein Hochgefühl dank Dopamin, Serotonin, Neurotrophin oder Oxytocin, dass ich bei allen anderen immer reichlich albern und überbewertet fand. Diese schrecklichen Schwärmereien und dieser verklärte Blick, unmöglich, dachte ich.

Doch dann kam es auch über mich und die Verliebtheit scheint grenzenlos. Kleine Einjährige sind einfach zu niedlich. Gesellige, fröhliche, neugierige Dropse, die sich voller Begeisterung in den Tag stürzen. Und dieser fertige, kleine, furchtlose Mensch, der abends mit seiner Kuscheldecke auf meinem Schoß sitzt und sich immer noch sein Abendfläschchen reichen lässt, ist doch wirklich meins. Ich atme ganz tief ein, ihr Kopf liegt Gottergeben auf meiner Brust. Gern würde ich diese Augenblicke aufsaugen und für immer bewahren, damit ich sie nie vergesse. Auch nicht, wenn Madame vierzehnjährig mit grüner Haarpracht und dem schrecklichsten Typen ever nach Hause kommt. Jetzt ist sie noch so klein, so unschuldig. Ich weiß alles von ihr, kenne jede Falte, kann sie zum Lachen bringen, sehe, wann sie müde ist und wann die Stimmung kippt. Mein kleiner Sonnenschein mit Persönlichkeit, der gerade voller Freude die Sprache entdeckt. Ein kleiner Papagei der kontinuierlich alles wiederholt und besonders stolz die Körperteile benennt, um sie dann an sich und anderen zu zeigen. Ok, meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wenn sie die „Brust“ benennt und ohne Vorwarnung jegliche Oberteile nach unten reißt, nur um eben jene freizulegen, die man gerade so trefflich benannt hat. Aber nun gut, ein wenig Forscherdrang gehört dazu.

Generell warten überall die abenteuerlichsten und spannendsten Dinge. Und macht das Abenteuer gerade Pause, dann sorgt sie eben für eins. In unserem Fall gern und oft indem man wegrennt oder sich selbst auszieht. Die Überschwemmung im Bad oder das Spiel mit der abgerollten Klopapierrolle bringt auch in der achtunddreißigstens Wiederholung genauso viel Spaß, ganz zu schweigen von „Kuckuck“ oder dem Anpusten der gelinde gesagt sehr überschaubaren Haarpracht.

Nichts ist besser als das Baby (mal schauen, wie lange wir sie noch so nennen dürfen und können) in der Kita abzuholen. Wie sie ungestüm mit einem breiten Lächeln und diesem beseligten „Mami, Mami“ auf mich zu gerannt kommt, um sich sehr überschwänglich, aber leider viel zu kurz, in meine Arme zu werfen. Dann wird das andere nebensächlich – das andere eben, wie das wild auf den Boden geworfene Frühstücksbrot, den Heulalarm bei Anziehen oder den bockigen Aufschrei an der Straße, weil die Richtung nicht genehm war.

Dann ist es gut, dass sie so ungemein niedlich und das Mutterherz vor Verzückung tolerant ist. Niemand hat gesagt, dass es mit kleinen Menschen leicht ist, aber schön ist es. Ich muss es zugeben…

Ihre Sabine Henriette Schwarz