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Vater und Mutter tauschen einfach von Woche zu Woche die Kinder aus

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Jeder kennt das Spiel. Es bringt Spaß, Bewegung und funktioniert schon mit den Kleinsten. Aber: Kinder sind keine Bäumchen! Da kann man nicht einfach das eine Zuhause gegen ein anderes Zuhause tauschen. Schließlich ist lang erwiesen, dass Stabilität und Routine den Kinder Sicherheit geben. Doch laut neuem BGH Urteil soll genau dieser Wechsel auch auf gerichtliche Anordnung – also auch gegen den Willen eines Elternteils und der Kids selbst – erfolgen können. Wie kann das „zum Wohle des Kindes“ sein? Eine Entscheidung, die zweifeln lässt.

 

Ein persönlicher Erfahrungsbericht zum Wahnsinn des Wechselns:

Ihr Lieben, „zum Wohl der Kinder“, wie oft hat man diesen Spruch schon gehört. Wenn sich Eltern trennen ist das immer ein Einschnitt. Bei unserer Leserin Charlotte aber wurde gegen ihren Willen ein Wechselmodell gerichtlich angeordnet. Was das für sie bedeutete? Das hält man schon beim Lesen kaum aus. Danke für deine Geschichte, Charlotte.

„Bis zu unserer Trennung hatte ich noch nie etwas gehört von einem Wechselmodell. Meine Kinder waren noch klein, die Hintergründe der Trennung sehr unschön.

Und eines Tages fanden wir uns vor dem Familiengericht wieder, um über die Zukunft der Kinder zu entscheiden.

Ich hatte die beiden mehrere Jahre zu Hause betreut und insgesamt fünf Jahre Elternzeit genommen. Ich war mir sehr sicher, dass dem Vater regelmäßige Besuchswochenenden eingeräumt werden würden. Dagegen sprach aus meiner Sicht auch nicht viel.

Die Realität holte mich ein, als der Richter ein Wechselmodell anordnete. Der Vater hatte das in den Raum geworfen, weil er bei dem Modell keinen Unterhalt würde zahlen müssen. Ich hatte es für eine absurde Idee von ihm gehalten. Weit gefehlt.

Die Kinder sollten nun pendeln – eine Woche bei mir und eine Woche beim Vater leben. Ich brach in Tränen aus. Das konnte doch nicht sein. Der Vater und ich sprachen kein Wort miteinander und wir konnten uns zu keinem Thema einigen. Sonst wären wir sicher auch nicht vor dem Familiengericht gelandet.

Wie sollte das werden? Die Kinder waren bis zu diesem Zeitpunkt noch nie von mir getrennt gewesen. Sie waren 3 und 5 Jahre alt. Der Große ein sehr anhängliches Kind. Der Vater brachte sich bis zur Trennung wenig bis gar nicht ein.

Ich war gegen ein solches Modell, aber ich wurde ignoriert. Man drohte mir sogar, mir die Kinder ganz wegzunehmen, wenn ich nicht zustimme. Ich stimmte zwar nicht zu, aber es wurde gegen meinen Willen trotzdem beschlossen.

Der erste Abschied war hart. Morgens wachten die Kinder bei mir auf und nach der Kita würde der Vater sie abholen. Elias versteckte sich unter dem Bett und wollte nicht zum Kindergarten gehen. Lina verabschiedete sich von ihren Kuscheltieren – von jedem einzelnen. Es dauerte sehr lange. Mir brach es fast das Herz, aber ich sollte die Kinder ja motivieren.

Als sie weg waren, weinte ich erstmal. Der Vater wünschte keinen Kontakt in seiner Woche. Keinen Anruf, kein Lebenszeichen – nichts.

Er arbeitete zu dieser Zeit noch Vollzeit. Nachmittags wurden Elias und Lina nun in Kita und Hort betreut. Ich saß in dieser Zeit aufgabenlos zu Haus, da ich für die beiden nach meiner Elternzeit meine Arbeitszeit auf 20 Stunden wöchentlich reduziert hatte.

Bis 18 Uhr waren nun Erzieherinnen für meine Kinder zuständig – nicht mehr ich. Lina wünschte sich oft, dass ich heimlich zum Kindergarten kommen sollte.

Ich wechselte dann immer ein paar Worte mit ihr durch den Zaun. Einen Spaziergang machen oder ein Eis essen gehen, das ging ja leider nicht.

kind-mit-sonnenbrilleBriefe, die ich schrieb, kamen nie bei den beiden an.

Ich versuchte Elias über die Schule ein paar Zeilen zu senden. Aber die Lehrerin fand das komisch und stellte ihm den Brief erst gar nicht zu. Er wurde immer depressiver. An Wechseltagen klagte er über Bauschmerzen und Kopfschmerzen. Er war immer ein sensibles Kind. Nun fing er an, andere Kinder zu verletzen und auch die Schule vermeldete starke Auffälligkeiten.

Vor der Trennung fingen die Kinder an, eigene Wege zu erkunden. Der Weg zum Gemüseladen gegenüber – mal bei den Nachbarn klingeln. Elias bekam starke Ängste. Er konnte auch nicht mehr alleine schlafen, weil er dachte, ich könnte verschwinden.

Die Kinderfreunde aus der Nachbarschaft klingelten zuerst immer noch. Aber als sie merkten, dass Elias und Lina oft nicht mehr da waren, wurde das Klingeln weniger. Irgendwann hörten sie ganz auf, nach ihnen zu fragen.

Und auch wir igelten uns immer mehr ein. Dem Wiedersehen folgte schnell wieder ein Abschied. Die restliche Zeit wollten wir zusammen sein ohne dabei gestört zu werden. Die Erziehung lag dann auch brach. Wer wollte schon über Fernsehkonsum und Süßigkeiten diskutieren in der wertvollen, begrenzten Zeit?

Die Probleme insbesondere von Elias wurden immer schlimmer. Ein konsultierter Kinderpsychologe riet durch die anhaltenden Ängste zu einer stationären Einweisung
in eine Kinderpsychiatrie.

Nach einem Jahr wurde das Modell dann endlich final gekippt. Die Kinder hatten immer wieder betont, dass sie das alles nicht mehr wollen. Sie haben nun wieder ein Zuhause, bei mir und sehen ihren Vater trotzdem regelmäßig.

Die Ängste zogen sich noch jahrelang durch ihren Alltag und wurden erst durch ein spezielles Angsttraining besser. Ganz verschwunden sind sie immer noch nicht. Die beiden sind jetzt 9 und 11 Jahre alt.

Rechtlich war die Anordnung zum Wechselmodell damals bei uns nicht korrekt. Das hatte der Richter nach einem Jahr festgestellt. Er hätte es gegen den Willen eines Elternteiles gar nicht anordnen dürfen. Vor ein paar Tagen gab es aber nun ein neues Urteil zum Wechselmodell.

paragraphDer BGH (Bundesgerichtshof) hat entschieden, dass dieses nun auch gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden darf, wie es damals bei uns geschehen ist.

Das macht mich betroffen. Gerade in Berlin werden schon Babys ins Wechselmodell gesteckt, das musste eine Freundin von mir gerade durchmachen, die ihr Baby sogar noch stillte. Es gibt eine große Lobby für das Wechselmodell. Gerade die Väterrechtsverbände machen sich seit Jahren dafür stark. Alleine der wegfallende Unterhalt ist bei einigen sicher einer der Treiber. Es gibt natürlich auch viele Väter, denen es dabei um ihre Kinder geht, die sie lieben. Und dann spricht – wenn die Kinder keine Kleinkinder mehr sind, denn dann halte ich nichts von dem Hin und Her – auch nichts gegen das Wechselmodell. Aber eben auch nur dann nicht. Und selbst ein Residenzmodell beim Vater halte ich für okay, wenn er eben auch vor der Trennung die Hauptbezugsperson war. Darum sollte es gehen.

Meines Erachtens funktioniert dieses Modell nur, wenn wirklich beide Elternteile einverstanden sind, wenn Mutter und Vater auch nach der Trennung noch an einem Strang ziehen, was die Kinder angeht.

Meine Freundin, die ihr Baby immer wieder zum Vater geben musste, hat es nicht mehr ausgehalten. Weil ihr Ex nicht wie sie der Meinung war, dass ein Baby einen festen Platz braucht, hat sie losgelassen. Zum Wohle ihres Kindes. Es wohnt jetzt ganz beim Vater. Wisst ihr, was zum Teik für Wechselfrequenzen für Kinder (siehe Buch zum Wechselmodell von Hildegund Sünderhauf) empfohlen werden? Ein Neugeborenes soll etwa alle zwölf Stunden zwischen Mutter und Vater wechseln. Ich frage mich, wie so etwas überhaupt umsetzbar sein soll.

Einige Mütter haben nun eine Petition gegen das „Wechselmodell unter Zwang“ gestartet, die ich persönlich nach unserer Erfahrung für sehr sinnvoll halte:

Für uns persönlich ist das Thema nun durch. Elias und Lina werden gerichtlich angeordnet wohl nicht mehr wochenweise wechseln. Ich erinnere mich trotzdem noch mit Entsetzen an diese Zeit damals. Ich würde mir wünschen, dass das anderen Eltern – und vor allem ihren Kindern – erspart bleibt.“


Zuerst veröffentlicht auf stadtlandmama


Hier gehts weiter: für alle, die gegen das Wechselmodell sind, gibt es hier die Petition!

Und wer sich mit eigenen Augen vom Gerichtsurteil überzeugen will, bitteschön, hier in aller Ausführlichkeit!

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