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Kolumnen

Urlaubsreif

urlaubsreif

Wenn ich mir beim Einkauf kaum drei Regale weit merken kann, was ich eigentlich holen wollte… Wenn der Kopf schon mittags so erschöpft ist, dass ich mich einfach nur an einen Baum lehnen möchte und die Augen schließen… Wenn es auf dem stillen Örtchen immer länger dauert, weil es noch für eine kleine Verschnaufpause genutzt wird… Wenn ich nachts wach liege und den Raum in all seinen Schattierungen beobachte und so viel Kino im Kopf habe als ob ich höchstpersönlich der Filmvorführer wäre… Wenn die Augenringe ohne kosmetische Unterstützung langsam bis zur Nasenspitze reichen… Wenn die kleinen Kinder nur noch zwischen euphorischer Freude und folgenschwerem Schluchzen von einem Extrem ins andere schwanken, dann ist es eindeutig Zeit für eine Auszeit.

Große und kleine Menschen brauchen frei.
Dringend.
Erholsames Nichtstun.

Keine Arbeit. Keine Kita. Keine Termine. Eine Auszeit jenseits des Seins, habe ich mal gelesen und fand das sehr passend. Obwohl mich manchmal die Ahnung beschleicht, dass man gerade im Urlaub, im süßen Nichtstun viel mehr man selbst sein kann als im Trott der Arbeitstiere.

Und in der Tat meint Prof. Heather Hofmeister zum Thema Urlaub, dass man sich die Zeit nehmen sollte, über sich nachzudenken. Man sollte sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

Was deutlich mehr ist als das, wofür ich bezahlt werde. Es geht um den Menschen, der ich sein soll, in allen Aspekten, in der Zeit, die mir hier auf diesem blauen und schönen Planeten gegeben ist.

Deshalb sind wir jetzt also einfach weg – mit zwei Mäusen, die aufgeregt von Tasche zu Koffer und wieder zurück sprangen, die tagelang in der Kita verkündeten, dass sie jetzt in Urlaub fahren und die natürlich vor lauter Überreizung den Tag und die Nacht vorher wild auf unseren hauchzarten restlichen kleinen Nerven herum hüpften. Ich gestehe, ich wäre zu einer langen Autofahrt nicht fähig gewesen. Schon beim Brote schmieren sind mir fast die Augen zugefallen und ich hege tiefe Bewunderung für den Herren des Hauses, der sich dank inspirierender Getränke für die Autofahrt opferte. Eine Fahrt, die die ersten zwei Stunden angefüllt war mit Fragen und Singen und „Schau doch mal“, mit „Weißt du…“ und „Aber Mami….“ Kurzum: die kleinen Schnuten schnatterten wie ein Wasserfall ohne Punkt und Komma – für ein wenig Ruhe und etwas Ausruhen hatten die kleinen Menschen eindeutig schon die Grenze überschritten. Alles war interessant. Alles musste kommentiert werden. Nur schade, dass es auf Fragen wie: „Warum fährt der Mann so ein Auto?“ oder „Mami, warum haben die so viel Zeug in ihr Auto gestopft?“ oder „Warum fahren die denn alle so langsam?“ in der Regel kaum zufriedenstellende Antworten gibt.

Egal, jede Fahrt endet irgendwann und nach Tasche auspacken, Essen in die Küche räumen und der Klärung der Bettenfrage (Wer darf wo schlafen?) kann es also losgehen: Urlaub!!!! OOOHHHMMMM – bitte jetzt auf Knopfdruck.

Drei Tage später sitzen wir draußen auf selbstgezimmerten Holzbänken. Es riecht nach Garten, Getreide und Vieh. Wir hören die Kinder jauchzen (es gibt ein Trampolin) und müssen eingestehen, dass ihnen das Landleben gut tut. Viel frische Luft, Bewegung, mehr Freiräume (auch für die ganz kurzen 40cm Beinchen), Natur entdecken, Grillen hören, den Mähdreschern auf dem Feld zuschauen, im See baden, mit komischen Würmern zu Mama rennen, Johannisbeeren vom Strauch stibitzen und die meiste Zeit des Tages wie kleine Modderschweinchen herum rennen (ich dachte ursprünglich, schmutzige Shirts und Hosen sollten gewechselt werden, aber ich wurde eines besseren belehrt. Man kann auch sehr dreckig sehr glücklich sein.) Es braucht nicht viel. Viel weniger als zu Hause (Spielsachen, Spielplatz, das richtige Kleid am richtigen Tag, der obligatorische Sandmann). Dafür haben wir Zeit und können diese einfach miteinander verbummeln… Mehr davon, bitte…

In diesem Sinne, allen einen schönen Urlaub, auch gern zu Hause und die Worte von Ralph Waldo Emerson:

Du selbst zu sein, in einer Welt die dich ständig anders haben will, ist die grösste Errungenschaft.

Ihre Sabine-Henriette Schwarz


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