Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   Überraschungsmomente oder elterliche Sprachlosigkeit

Kolumnen

Überraschungsmomente oder elterliche Sprachlosigkeit

Überraschungsmomente

Nichts ist hundertprozentig planbar. Nur manches kann man vorhersehen. Kinder sind wie eine Überraschungswundertüte, die sich je nach Gemütsverfassung und Verhalten mal fröhlich Regenbogenfarbend schimmernd oder mal dunkelgrau verfärbt.

Bei uns gibt es auch viel Grün. Die Farbe der Hoffnung…, dass ein ruhiges Gespräch hilft, dass möglichst ein wenig Einsicht vom Himmel regnen möge, dass alles nur eine Phase ist oder dass sich bestimmt ein beruhigender Mantel der Müdigkeit über das geliebte Kind ausbreitet. Und es gibt Situationen, wo man für sich selbst nur schwer entscheiden kann, ob man bestürzt, fassungslos oder gerührt sein soll. Eine Kostprobe gefällig?

  • 1Sommer, frische Luft und der Baumarkt ruf. Also fahren wir los. Das Kind will ein Gemüsebeet und das soll es bekommen. Schließlich kann es nicht schaden, mit eigenen Augen zu sehen, dass das Essen nicht in den Supermarkt gezaubert wird. Zucchini sollen es sein und Kürbis. Also los. Das große Kind wartet neben den Einkaufswagen, d.h. neben dem Einkaufswagen-Unterstellplatz. Das kleine Kind wartet mit mir bis wir einen dieser rollenden Teile ergattert haben und ich es hineinsetzen kann. Als ich um die Ecke komme, steht da das große Kind – sehr leise, mit diesem typischen Gesichtsausdruck, wo man sofort weiß, dass etwas passiert ist… In unserem Fall hatte jemand gerade einen großen Eimer Wandfarbe fallen lassen, eine große Pfütze Weiß breitete sich auf dem Parkplatz aus und rief offensichtlich dem Kind zu:

    „Komm her. Zu mir. Stell Dich mit deinen neuen Sommersandalen hinein und stampfe ordentlich auf. Komm, stampfe noch mehr. Dann verteilt sich die Farbe auch über die wildlederne kurze Lieblingshose.“

    Achja – ich sah das Dilemma, versuchte das Kind aus der Farbpfütze zu locken und stand wenige Sekunden später, selbst voll mit Farbe, im Behinderten-WC des Baumarktes. Leider gibt es an derlei Orten kein warmes Wasser, was die kindliche Begeisterung bei allen Abspülversuchen nicht gerade steigerte. Das große Kind schrie, weil die Farbe nicht abging und kalt war. Das kleine Kind schrie, da die Reinigungsprozedur sehr lange dauerte und draußen hörte ich die Stimmen der Mitarbeiter, die sich über die Kindertapsen und Spritzer beklagten.

    Und um unseren Ausflug besonders erfolgreich zu gestalten, musste ich dann feststellen, alle Gemüsepflanzen waren bereits ausverkauft und der Weg war, nunja umsonst.

  • 27:40 Uhr, ein ganz normaler Morgen, wir fahren zum Kindergarten und stehen in einer langen Reihe von Autos, die wie wir auf das Ampelgrün warten. Ich schaue auf die Uhr und fluche (wirklich sehr leise) vor mich hin. Schließlich ist es mal wieder später als gedacht. Da höre ich das kindliche Stimmchen:

    „Mama stimmts? Wenn man was träumt und das nicht verrät geht es in Erfüllung.“

    „Ja, so ist es.“

    „Mama, wenn ich also träume, dass Du nicht mehr auf Arbeit musst und wir nicht mehr in die Kita und wir dann alle zuhause bleiben können und ich Dir das dann nicht sage, dann ist das so.“

    „Ach, Schatz. Das ist schwierig. Nicht immer gehen alle Träume in Erfüllung.“

    „Aber Mama, wenn ich das dann geträumt habe, dass wir alle zuhause bleiben können, träume ich noch, dass ihr auch zuhause nicht mehr arbeiten müsst und dann können wir immer, immer spielen.“

    Ich sitze ein wenig fassungslos da und hätte fast das lang ersehnte Grün verpasst. Was für eine schöne Vorstellung, nicht mehr früh loshetzen zu müssen und mehr Zeit daheim verbringen zu dürfen. Wenn es doch so einfach wäre…

  • 3Nach der Zu-Bett-geh-Zeremonie liegt ein bereits gähnendes kleines Wesen mit tiefen Augenringen unter der Zudecke. Wir haben eine Geschichte gelesen. Wir haben am Fenster gestanden und noch kurz hinausgeschaut. Wir haben gesungen und gekuschelt. Unsere „Toleranzzeit-Sternchen“ sind an (Sprich: eine Nachtlampe, die den Sternenhimmel projiziert, genau für eine Stunde. In dieser Stunde darf man sich im Bettchen noch ein Buch ansehen, mit seinen Autos spielen oder Puppe, Teddy und der Wand eine Geschichte erzählen. Aber: wenn die Sternchen schlafen gehen, sollte auch das Spielen ein Ende finden.) Bis zu diesem Zeitpunkt ist alles schön, aber sobald man dem Bett den Rücken zuwendet, beginnt ein Schluchzen und Vibrieren.

    „Mami, was soll ich denn jetzt im Bett machen?“

    „Was Du auch immer tun möchtest. Du hast doch extra ganz viele Sachen im Bettchen. Vielleicht willst Du Dir noch was ansehen?“

    „Aber wenn ich ein Buch angucke, werde ich immer so müde.“

    „Dann erzählst Du Deiner Puppe noch was.“

    „Aber das ist so schrecklich anstrengend.“

    „Ok, dann machst Du vielleicht einfach nix und schaust Dir die Sternchen an der Decke an. Das ist gar nicht anstrengend.“

    „Aber Mami, (in völlig genervtem Ton als ob ich das Problem immer noch nicht verstanden hätte) da werde ich doch müde und schlafe ein und das will ich nicht.“

    „Mmmmhhhh. Doch Du liegst im Bett. Der Tag ist zu Ende. Und am Ende eines Tages schläft man in seinem Bettchen. Das ist nun mal so, damit man früh wieder Kraft hat und ausgeruht ist.“

    „Aber ich will nicht schlaaaaaafen! Ich muss mich nicht ausruhen“ (schluchz und schrei)

    „Aber Mami und Papi haben den ganzen Tag gearbeitet und würden sich jetzt gerne ausruhen.“

    „Warum denn?“

(Antwortvorschläge? Nur her damit, denn auf manche Fragen lassen sich nur schwer einfache und plausible Erklärungen finden.)

In diesem Sinne, einen guten Start in den Juni mit Kindern, die man wahnsinnig liebt, die einen aber manchmal auch in den Wahnsinn treiben können.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.