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Kolumnen

Träum was Schönes.

Jeden Abend das gleiche Ritual für ein hoffentlich schnell, tief und gut schlafendes Kind: Abendbrot, Sandmann, Bad, Pipi, Waschen, Zähneputzen, eine Geschichte, zwei Lalelu (eines von mir und eines vom Kind für mich), Küsschen und ein „Träum schön“, Licht aus.

Als ich an der Tür bin höre ich das weinerliche Schnaufen im Kissen  und weiß genau, wie sich das kleine Gesicht gerade zusammenballt obwohl es – ebenfalls für den guten Nachtschlaf – tiefdunkel im Kinderzimmer ist. „Aber Mami, das fliegende Pferd…“ Ach ja. Ich hatte gedacht, dass sie es vergessen würde, aber nein. Der Phase der bösen Dinosaurier, die sie nachts heimsuchten, der bösen Räuber und der  gemeinen Hexe aus Hänsel und Gretel konnten wir mit einem Nachtlicht, einem Papa-oder Mama-T-Shirt zum Kuscheln im Bett und einem Holzschwert unter dem Kopfkissen zu Leibe rücken. Doch nun wohnt bei uns ein trauriges Kind, das seit Tagen von einem fliegenden Pferd träumen möchte. Für sie steht fest, dass das geflügelte Tier nur nachts zu ihr kommen muss, damit es früh vor ihrem Bett steht und wartet. Ich weiß nach meinen kleinen und größeren Reden zu diesem Thema, dass es nichts tröstendes mehr gibt, was ich sagen oder tun könnte. Ich habe alles probiert. Das Kind wiederum hat sich im Laufe der Tage eine Variante des Wunsches überlegt: Ich, als Mutter, könnte doch auch von einem fliegenden Pferd träumen, dann steht das wiehernde Geschöpf eben  vor meinem Bett. Ganz früh morgens kann ich sie dann rufen und ihr den felligen Freund großherzig überlassen.  Fantastische Idee! Aber leider sieht es auch mit dieser Variante im echten Leben eher schlecht aus. Jeden Morgen gibt’s die gleiche Pferdefrage zur Auftragsträumerei  und ich antworte wahrheitsgemäß, um kurz danach in das vom Schlaf zerwühlte, enttäuschte Kindergesicht zu blicken. Jeden Morgen ein Dreiklang aus Wunsch, Wirklichkeit und Enttäuschung. ..

Aber ist es nicht auch wunderbar, wenn in einem noch die beruhigende, unschuldige Vorstellung wohnt, man muss sich etwas nur sehr, sehr wünschen, damit es in Erfüllung geht? Irgendwann geht sie verloren. Schade eigentlich, dass der Gedanke, etwas wirklich Gutes und Fantastisches könnte geschehen, sich mit zunehmendem Alter irgendwann, irgendwo und irgendwie verliert.

Oft genug ziehen traurige Gestalten vorüber, etwas trostlos, hoffnungslos, verloren  und arm an Wünschen. Graue Gesichter in einer für sie grauen Welt,  die doch auch so bunt sein kann. Eine Portion Wünsche, ein Löffel voll Hoffnung, ein großer Schuss Entschlossenheit und ein Hauch Zuversicht, kann das nicht alles ändern? Ich möchte gern, dass für meinen kleinen, gerade schlecht schlafenden Menschen die Welt bunt ist, dass das Wünschen immer bleibt. Irgendwann werden die Ungeheuer kommen, ich biete keinen Schutz mehr und  der Glaube an das Holzschwert ist verloren.

Kleiner Schatz, böse Räuber werden irgendwann Deinen Weg in der einen oder anderen Form kreuzen, Dich verletzen oder enttäuschen.  Ich mag gar nicht daran denken, aber das ist das Leben. Sei dann traurig, weine Dich ruhig in den Schlaf, aber am nächsten Morgen musst Du aufstehen. Versteck Dich nicht vor der Welt, verzweifle nicht. Genauso wie Du bist ist es richtig. Und auch Du wirst Deinen Platz finden- unabhängig was die anderen sagen oder tun. Das Wünschen soll Dir für immer bleiben, denn es hilft mit Kraft und Mut. Alles, was Du willst kann sich erfüllen. Ok, die fliegenden Pferde werden auch in Zukunft kaum Rast in unseren vier Wänden machen, aber dafür gibt es im richtigen Leben andere Abenteuer und Entdeckungen. Und Kind, wenn Du fliegen willst, dann Fliegen wir eben: mit einem Drachen, auf dem Rummel  oder nach Barcelona. Ein Pferd, leider ohne Flügel, aber dennoch weich und warm, wird sich ebenfalls finden. Du wirst stolz hoch zu Ross sitzen. Genieß das Gefühl, getragen zu werden und erinnere Dich daran, wenn Du einen schönen Gedanken brauchst.

In diesem Sinne für alle, die gerade ein wenig traurig zu Bett gehen und unglücklich aufwachen. Auf das Wünschen und das Träumen, egal in welchem Alter, denn wer weiß schon was am nächsten Tag alles passieren kann…

Träum was Schönes. – von Sabine Henriette Schwarz


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