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Teil 3 Was bin ich – Geschlechterfragen oder Neues braucht das Land

Letzte Woche haben wir bereits ein Kinderbuch vorgestellt und ein Schulprojekt. Beides folgte der schweirigen kindlichen Frage „was bin ich oder wer bin ich“ – das ist manchmal nicht so einfach und Eltern sollten sich Gedanken machen, was sie Theo, Klara oder Patrick so ins Kinderzimmerregal stellen, denn: es beeinflusst. Diese Frage ist auch Dana Eckhardt nachgegangen – eine persönliche Bestandsaufnahme:

Wie stark beeinflussen einseitige Darstellungen von Frauen und Männern in Kindergeschichten unsere Kinder? Dana hat sich auf die Suche nach geschlechtergerechter Kinderliteratur gemacht.

 

Sind alte Überlieferungen noch zeitgemäß?

Wir waren auf einem Kinderbasar. Eine gute Gelegenheit, die Erstausstattung für unser Baby günstig zu ergänzen. Ich entdeckte ein paar CDs mit Kinderliedern. Kurzerhand habe ich diese gekauft und heute beim Frühstück eingelegt. Obwohl unser Baby noch nicht auf der Welt ist, dachte ich, könnte es schön sein, sich gemeinsam mit Musik für Kinder vertraut zu machen. Ich wollte natürlich auch ein Gefühl dafür bekommen, wie ICH Kinderlieder empfinde und welchen Zugang ich dazu habe. Es dauerte nicht lange und ich war verdutzt darüber, was sich in den Liedern offenbarte. Ich dachte, was höre ich da eigentlich? Vertonte Märchen und alte Heimatlieder! Was vermitteln die Inhalte meinem Kind?

Ich machte mir Gedanken über die Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und fragte mich, was diese Texte überliefern. Fast selbstverständlich lesen wir Märchen und senden damit alte Botschaften an unsere Nachkommen. Natürlich prägen solche Märchen eine ganze Kultur. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Sind diese Überlieferungen noch zeitgemäß? Inwiefern prägen Kindergeschichten Rollenbilder von Mann- und Frausein und Vorstellungen von Familie, Gesellschaft, Zusammenleben und Diversität?

 

„Rotkäppchen und der böse Wolf”

Ich habe intuitiv auf Klassiker meiner Kindheit – wie Rotkäppchen und der böse Wolf – zurückgegriffen. Erst jetzt wird mir bewusst, welche Rollen die Figuren einnehmen.

Ein junges Mädchen und eine ältere Frau, die einem Wolf vertrauen, müssen mit dem Leben bezahlen. Ein Mann (Jäger) rettet das arme hilflose Mädchen und die ältere Frau.

Mit welchen Vorstellungen von Frausein und Mannsein haben wir es hier zu tun?

In dieser Geschichte sind die Frauen gutmütige, liebevolle und fürsorgliche Wesen und vertrauen ihrem Gegenüber. Sie werden zum Opfer des Wolfes – ein männlich konnotiertes, hinterlistiges, cleveres und gefährliches Wesen. Der Jäger = Held, wird zum Retter in der Not. Diese sehr einseitigen Darstellungen von Männern und Frauen sowie Fabelwesen mit bestimmten Attributen von gut und böse prägen unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen.

Wir haben sofort ein Bild vom Wolf und seinen Eigenschaften im Kopf. Sprächen wir von einer Wölfin, hätten wir eine ganz andere Vorstellung. Das macht deutlich, wie sich unsere Vorstellungen von Männern und Frauen beziehungsweise männlichen und weiblichen Attributen unterscheiden.

 

Welche Auswirkung haben solche Geschichten auf das gesellschaftliche Zusammenleben?

Einseitige Darstellungen von Frauen und Männern prägen unsere Vorstellungen von Frau- und Mannsein. Es werden Stereotype gebildet, an denen sich Kinder orientieren. In meinem Beispiel werden Frauen als passive und gutmütige Figuren dargestellt, die sich vor dem bösen männlichen Wesen (Wolf) in Acht nehmen müssen. Sie werden zum Opfer ihrer Gutgläubigkeit und sind nicht in der Lage, sich selbst zu helfen. Der Jäger = Held, ist der gute Mann in der Geschichte und rettet die Frauen in ihrer Not. Gleichzeitig überwältigt er den Wolf = Täter und tötet ihn. Der Jäger wird zur aktiven und handlungsfähigen Figur. Welche Machtverhältnisse werden hier deutlich? Prägen solche Geschichten nicht Geschlechterrollen von Frauen = Opfer, und Männer = Täter oder Helden?

 

Möchten wir das unseren Kindern weitergeben?

Es fehlen mir vielfältige Darstellungen von Männer- und Frauenrollen, unterschiedlichen Lebensentwürfen und Diversität, wie wir sie in einer Gesellschaft wiederfinden. Oft sind die Geschichten hetero-normativ und zeigen nicht die Vielfältigkeit des Zusammenlebens.

Ich denke, es ist von Bedeutung, auch in Kindergeschichten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie bunt unser Zusammenleben in Wirklichkeit ist. Gerade wenn es um unsere Kinder geht, die sich mit den Figuren in Geschichten identifizieren. Ist es für die Zukunft nicht von Bedeutung, sich von stereotypen Vorstellungen zu lösen, um endlich eine Form des gleichberechtigten und fairen Zusammenlebens zu ermöglichen? Wie wollen wir als Frauen und Männer in Zukunft miteinander leben und welche Entwicklungschancen verwehren wir Kindern durch einseitige Darstellungen in Kindergeschichten?

Eines ist sicher: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, wenn wir Kindern Geschichten vorlesen. Auch ich habe erstmal ganz unbedacht auf alte Klassiker zurückgegriffen. Warum? Ganz klar, weil es mich an meine Kindheit erinnert hat. Ich verbinde in erster Linie ein positives Gefühl mit Märchen. Schon meine Großeltern und Eltern haben mir Märchen vorgelesen. Wenn wir Eltern werden, neigen wir dazu, diese Erfahrungen, die wir mit positiven Erinnerungen an solche Momente verknüpfen, an unsere Kinder weiterzugeben. Als Kind konnte ich die Auswirkungen dieser Erzählungen auf meine Identität nicht einschätzen. Heute weiß ich, wie sehr mich Bilder und Geschichten prägten.

Ich wuchs mit der Vorstellung auf, Männer seien Helden, die Prinzessinnen befreien und erobern, und Frauen seien schön anzusehende Wesen, die sich rar machen müssen. Später haben Filme und andere Medien solche einseitigen Darstellungen von Frauen und Männern in meinem Leben weiter geprägt.

Als ich älter wurde, musste ich erkennen, dass mir dieses Bild oft im Wege stand. Mein erlerntes Rollenverhalten als Frau und meine Vorstellungen von Männern nahmen Einfluss auf mein privates und berufliches Miteinander. Meine Erwartungen an mich (fleißig, fürsorglich, gewissenhaft, schön, gepflegt) oder an Männer (Handwerker, Versorger, Beschützer, Held) führten zu inneren und zwischenmenschlichen Konflikten. Meine Vorstellungen drifteten im Alltag auseinander und ich musste erkennen, dass meine stereotypen Vorstellungen das Zusammenleben nur erschwerten.

 

Die Sensibilisierung für Rollenvielfalt ist ein Befreiungsschlag

Irgendwann wurde mir deutlich, wie sehr mich mein Elternhaus, mein Umfeld, aber auch Geschichten oder Filme prägten. Erst durch mein Studium und im Kontext meiner beruflichen Arbeit als Dozentin in der Bildungsarbeit wurde ich mehr und mehr für Diversität und Rollenvielfalt sensibilisiert. Das war wie ein Befreiungsschlag.

Plötzlich wurde mir klar, dass sich meine Identität vielfältiger gestaltete, als ich es immer vorgelebt bekommen habe. Ich versuchte nicht mehr, einem Idealbild vom Frausein zu entsprechen. (fleißig, attraktiv, fürsorglich, emotional). Gleiches erkannte ich für Männer. Ich legte Stück für Stück die vermeintlich richtigen Erwartungen an mich als Frau ab und versuchte mehr und mehr, Mensch zu sein. Ein Mensch mit verschiedenen Fähigkeiten und Interessen. Mit diesem Gefühl lebt es sich in den meisten Fällen ganz gut.

Unsere Gesellschaft hinkt noch ziemlich hinterher, und so habe ich oft das Gefühl, mich als handwerklich begabte, kreative, gebildete, schwangere Frau, mit unternehmerischen Denken, die sich weiterhin beruflich und privat selbstverwirklichen möchte, rechtfertigen zu müssen.

Jetzt werde ich Mutter und nehme nochmal eine neue Rolle ein. Ich werde ein Kind auf seinem Lebensweg begleiten und dabei unterstützen, sich frei entwickeln zu können. Ich habe das Bedürfnis, dass mein Kind die Vielfalt und verschiedene Formen des Zusammenlebens und des Seins auch in Geschichten und Erzählungen wiederfindet.

 

Wo finde ich die passenden Kinderbücher?

Neugierig machte ich mich auf die Suche und bin spontan in die Kinderbibliothek gegangen. Es war etwas merkwürdig, weil ich nicht recht wusste, wie ich meine Frage nach „geschlechtergerechter Kinderliteratur” formulieren sollte. Ich wurde gleich in die Kategorie „Erzieherin” gesteckt und musste schmunzeln. Es ist scheinbar untypisch, dass Eltern sich für Kindergeschichten mit vielfältigen Darstellungen von Menschen in Geschichten interessieren. Ich erklärte kurz mein Anliegen. Obwohl die Bibliothekarin mir sehr freundlich und aufgeschlossen gegenübertrat, musste sie sich eingestehen, mir nicht wirklich weiterhelfen zu können. Sie konnte mir lediglich Fachliteratur oder Erziehungsratgeber empfehlen sowie Bücher wie: „Die wilden Hühner” oder „Pippi Langstrumpf”. Alles nicht das, wonach ich suchte.

Es ist schon merkwürdig, wie ich als werdende Mutter das Thema „Geschlechterrollen und Diversität” erfasse und noch mal neu erlebe. Schließlich habe einige Jahre als Bildungsreferentin gearbeitet und Seminare für Eltern und pädagogische Fachkräfte konzipiert. Wir haben über Rollenbilder gesprochen, sie hinterfragt und reflektiert. Ich habe dazu angeregt, über die Vielfalt der Rollen in unserer Gesellschaft nachzudenken. Erwachsene sind oft von Vorurteilen geprägt, die es ihnen schwer machen, sich von normativen Bildern zu lösen. Meine Arbeit lag daher insbesondere darin, Ängste und Vorurteile abzubauen und es zu ermöglichen, stereotype Vorstellungen zu hinterfragen. Die Erweiterung des eigenen Gedanken- und Vorstellungsraums hilft uns, Vielfalt zuzulassen und bewusster zu leben.

Dabei vertrete ich die Ansicht, „Geschlechterkonstruktionen” als ein Querschnittsthema von vielen in der Erziehung, Bildung und Pädagogik zu behandeln. Mir ist es wichtig, dass Menschen eine persönliche Haltung entwickeln, da diese Einfluss auf unser Handeln und Denken nimmt.

 

Mehr Diversität macht Kinder freier

In meinen Veranstaltungen habe ich versucht, Mut zu machen und aufgezeigt, inwiefern das Erleben von verschiedene Rollenmustern zwischen Frauen und Männern positiven Einfluss auf die Entwicklung der Kinder nimmt. Ich klärte darüber auf, dass es nicht den typischen Mann und die typische Frau gibt und wir uns innerhalb der Geschlechter unterscheiden, genauso wie wir uns zwischen den Geschlechtern unterscheiden.

Kinder, die verschiedene Rollenbilder kennenlernen und sich darin ausprobieren dürfen, entwickeln eine größere Bandbreite ihres Selbstverständnisses. Das wirkt sich positiv auf ihr Selbstbewusstsein und -vertrauen aus und bereitet sie auf ein Leben in einer vielfältigen Gesellschaft vor.

Darstellungen von „Mutter-Maus”, die die Familie in der Küche versorgt und „Vater-Maus”, der abends von der Arbeit kommt oder Männern in Baggern auf der Baustelle und Frauen in schönen Kleidern vorm Spiegel, sind in Geschichten keine Seltenheit. Allerdings sind sie nicht mehr zeitgemäß. Sie repräsentieren einseitige Formen des Zusammenlebens und prägen Vorstellungen von Familie, Arbeit und Gesellschaft. Es ist kein Wunder, wenn unsere Kinder diesem Bild nacheifern.

 

Die Debatte zu mehr Diversität darf nicht erst als Erwachsener beginnen

Viel zu selten haben wir es mit Geschichten zu tun, in denen wir Frauen und Männer in ihren unterschiedlichen Facetten wiederfinden. Damit meine ich nicht nur Darstellungen von Geschlechterrollen, sondern die Unterschiedlichkeit hinsichtlich zum Beispiel der Hautfarbe, der sozialen Schicht, des kulturellen Hintergrundes, der sexuellen Orientierung oder der Körperlichkeit, die uns Menschen besonders machen.

Im Internet stoße ich auf vielfältige Debatten über geschlechtergerechte Bildung und Erziehung oder Anleitungen und Bildungspläne zur Reflexion in der Praxis. Was mir fehlt, ist praktisches Material für den direkten Umgang mit Kindern.

Ich denke eine Weile nach und mir fällt die Geschichte von „Merida – Legende der Highlands” ein. Ein Mädchen, das partout keine Prinzessin sein möchte. Vielmehr hat sie Spaß am Bogenschießen und widersetzt sich ständig den Regeln der Mutter. Ihrer vorbestimmte Rolle als gut situierte und anständige Nachfolgerin des Königshauses kann sie nicht gerecht werden und so gerät sie immer wieder mit ihrer Mutter aneinander. Des Weiteren fällt mir die Geschichte des Jungen „Billy Elliot – I will Dance” ein. Ein Junge, der lieber tanzen möchte, als in einem Boxclub zu trainieren. Auch er gerät mit seinem Vater in einen Konflikt.

Beide Geschichten zeigen, wie schwierig es ist, das zu sein, was wir sein wollen. In diesen beiden Filmen spielen die Eltern eine große Rolle. Es wird deutlich, wie wir Erwachsenen versuchen, Kinder nach unseren Maßstäben zu erziehen und alte Glaubenssätze unserer Eltern und Großeltern an unsere Kinder weitergeben.
Ich möchte das nicht! Mir ist es wichtig, in einer Gesellschaft leben zu können, in der jeder Mensch sich frei entwickeln und entfalten kann. Dazu müssen wir bei unseren Überzeugungen anfangen. Mein Ziel ist es, undogmatisch aber bewusst, Kinderliteratur und -musik, welche die Vielfalt des Zusammenlebens und Seins darstellt, auszuwählen und in das Leben meines Kindes beziehungsweise unserer Familie einzubinden.


Zuerst veröffentlicht auf EditionF

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