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Teil 2 Mütter und Töchter – eine schwierige, gewaltige, ambivalente Urbeziehung

Es kann so schön sein, aber leider ist es das oft nicht. Wie man als Tochter mit seiner Enttäuschung und seinen Erwartungen umgeht, haben wir uns gestern angesehen. Sich selbst suchen, abnabeln, akzeptieren – das ist kein Mantra, sondern nur der normale Weg, der manchmal länger dauert als gedacht. Heute geht’s weiter…

 

2. Was Mütter zu einer guten Beziehung beitragen können

  • Der Tochter zuhören, wenn sie über gemeinsame Erlebnisse der Vergangenheit mit Ihnen spricht – immer und immer wieder. Und eine zweite Wahrheit ist erlaubt! „Akzeptieren Sie, dass sie Dinge vielleicht ganz anders erlebt hat wie Sie selbst. Geben Sie eventuelle Fehler zu und sagen Sie zu Ihrer Tochter: Es war mir nicht bewusst, was ich getan habe. Ich habe es nicht böse gemeint, ich habe es nicht besser gewusst.“

  • Sich selbst hinterfragen, statt sich in blinden Vorwürfen zu ergehen. Wenn sich Ihre Tochter kaum bei Ihnen blicken lässt, fragen Sie sich, ob es dafür einen bestimmten Grund geben könnte. Vielleicht neigen Sie dazu, sie zu sehr zu kritisieren, sie mit gut gemeinten, aber unerwünschten Ratschlägen zu überschütten?

(medizinpopulaer)
 
Wenn man die Handlungsanweisungen für Töchter und Mütter gesamt sieht, fällt jedoch auf, Töchter scheinen aus psychologischer Sicht eindeutig mehr Verhaltenshinweisen beachten zu müssen als die Mütter. Warum eigentlich? Sollte es nicht ein Geben und Nehmen sein, das sich ausgleicht? Der Besuch, das Gespräch mit der eigenen Mutter nicht selten ein Eiertanz auf dem Eis – ein vorsichtiges Vortasten im Bewusstsein, dass es Risse gibt und die stete Gefahr des Einbruchs immer im Blick…
 

Druck und Vorwürfe: „Ganz allein bin ich“, stöhnt Mutter…. „Ich sterbe, das fühle ich, diesmal sicherlich, es ist so weit.“

 

In der Literatur finden sich vielfältige Mutter-Tochter-Beziehungen voll mit großen Emotionen. Wunderbar geschrieben und auf den Punkt gebracht wie bei Annette Pehnt: „Chronik der Nähe“. Eine Geschichte, voll mit Liebe, Schmerz, Hass und der Drohung „ich sterbe“, die sicher in der Abwandlung vielen Kindern bekannt vorkommt u.a. in der Form von …wenn Du nicht da bist, geht’s mir nicht gut“, „Du weißt gar nicht wie schlecht es mir geht.“ Ansonsten ist viel Schweigen bis einer klein bei gibt und die Stärkere ihren Willen bekommt….

„Ich sterbe, das fühle ich, diesmal sicherlich, es ist so weit.“

Annie wird totenblass und hängt an Mutters Lippen. Mutter sieht rosig aus, aber ihre Lippen sind trocken, weil sie stoßweise ein- und ausatmet, sie atmet so rasch, dass sie irgendwann keine Luft mehr bekommt und anfängt zu zittern. Da weiß Annie, dass Mutter diesmal wirklich recht hat, jemand, der stöhnt beim Einatmen und stöhnt beim Ausatmen, der macht es nicht mehr lange, Mutter macht es nicht mehr lange.

„Mutter“, sagt Annie angstvoll. Mutter sinkt in einen Sessel und packt Annie am Arm, sie hält sie sehr fest, damit sie sich nicht aus dem Staub macht, aber das würde sie nie tun, sie wird die sterbende Mutter nicht allein lassen, sie wird alles für Mutter tun und sie vielleicht retten, wenn sie es erlaubt.

„Ganz allein bin ich“, stöhnt Mutter, und nun weiß Annie endlich wieder, was sie zu tun hat. Sie hatte es nur vergessen, das letzte Mal ist eine Weile her, damals hat es geholfen, und es wird wieder helfen, und schon ist Annie nicht mehr so angst und bange, denn sie wird sich anstrengen und wird Mutter wieder retten, wie beim letzten Mal. Auf einmal spürt sie eine Freude, dass sie so viel tun kann für ihre sterbende Mutter.

„Mutter“, ruft sie und drängt sich an die Mutter, die sie gleich noch fester umfasst, als wollte der Tod sie von ihrem Kind wegreißen, „ich habe dich doch so lieb, du darfst nicht sterben.“

„Nein“, murmelt die Mutter, »das glaube ich nicht, keiner ist für mich da, am Ende ist man allein.“

„Doch“, ruft Annie triumphierend, sie erinnert sich nun sehr gut an die Worte, die sie zu sprechen hat und immer wieder sprechen wird, „doch, ich bin bei dir, Mutter, ich liebe dich.“ Mutter macht abwehrende Bewegungen mit der Hand und dreht kraftlos den Kopf zur Seite, vom Kind weg. Annie tänzelt auf die andere Seite, hinüber in Mutters Blick, und fasst die abwehrende Hand, hält sie fest und fängt an, Mutter zu streicheln. Mutter atmet laut und schnell, ihre trockenen Lippen stehen halb offen, sie gurgelt aus der Kehle, das gehört alles dazu, wie konnte Annie es vergessen. Sie lässt schnell die Hand los, rennt in die Küche, befeuchtet ein Geschirrhandtuch mit Wasser und ist schon wieder an Mutters Seite, tupft ihre Lippen ab mit dem feuchten Tuch, fasst die Hand, die nun endlich zugreift und das Kind festhält. Mutters Stöhnen wird leiser, sie öffnet die Augen und schaut Annie an, die dem Blick nicht ausweicht.

„Du bist meine Tochter“, murmelt Mutter, „du lässt mich nicht allein.“ Annie nickt, drückt die Hand und sinkt an Mutters Schulter. Nun, da sie weiß, dass Mutter diesmal wieder nicht sterben wird, ist sie auf einmal sehr müde.

 

Literaturempfehlung


Elektra versus Ödipus: Das Drama der Mutter-Tochter-Beziehung

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