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Teil 1 Mütter und Töchter – eine schwierige, gewaltige, ambivalente Urbeziehung

Es kann so schön sein. Mutter und Tochter in (ver)trauter Zweisamkeit durch alle Stürme des Lebens…

Aber die Realität ist oft anders, d.h. viel schwieriger, mit lebenslangen Auswirkungen, mit verschiedenen Rollenverständnissen, Ansprüchen, Erwartungen – gespickt mit Hoffnungen und Enttäuschungen, mit Wut und Ärger. Bestimmt von Zerwürfnissen, Diskussionen, Rivalität, Neid oder Überforderung, Ja, die Urbeziehung zwischen Mutter und Tochter ist nicht einfach und bleibt lebenslang bestehen, egal wie alt man wird. Die Tochter ist immer Kind. Die Mutter immer Mutter – altersunabhängig – außer: man muss sich frei machen, man bricht den Kontakt ab, entscheidet, dass es zu viel Schmerz und Emotionen gibt…

Dabei ist die Beziehung zur Mutter die allererste Beziehung, die man eingeht, eine Beziehung voll mit Liebe (denn alle Kinder lieben ihre Mütter, erst einmal bedingungslos). Sie prägt das Rollenverständnis vom Frau- und Mutter sein und bestimmt lebenslang Körperlichkeit und Gefühlswelt.

„Nur wenn die Tochter ihren Weg zwischen dem Hass auf das Mutterobjekt einerseits und der totalen Verschmelzung andererseits findet, gelangt sie zu einer befriedigenden Weiblichkeit.“, schreibt so beispielsweise die holländische Analytikerin Hendrika Halberstadt-Freud. Lange beobachtete und studierte sie die „Hassliebe zwischen Müttern und Töchtern“. Ihr zentrales Thema und damit Wurzel des Problems:  dass Mädchen von Beginn an in einer fast homosexuellen Bindung an die Mutter leben, während Jungs von vornherein gezwungen sind, sich vollständig von ihrer Mutter als Frau zu trennen und ihren eigenen Weg zu suchen. Mädchen brauchen die Mutter, sie ist ihnen psychisch wie anatomisch gleich, ihr ganzes Leben lang, aber dennoch müssen sie etwas anders machen – sich abspalten und haben oft das Ziel vor Augen, nie wie die eigene Mutter zu werden. Kaum ein Satz bringt Frau so auf die Palme, wie dieser: „Du bist wie Deine Mutter.“ Oscar Wilde formulierte es so… „Alle Frauen werden wie ihre Mütter, das ist ihre Tragödie. Kein Mann wird wie seine Mutter, das ist seine Tragödie.“

Während der Vater die spätere Partnerwahl seiner Tochter beeinflusst (ist er groß und stark, liebevoll, kann kochen, ist handwerklich begabt, naturverbunden etc.), hat die Mutter nicht unerheblich viel Macht auf die Identitätsfindung. Nancy Friday sagt dazu in ihrem Buch „Wie meine Mutter“:

„Egal wie wir das Netz von Emotionen zwischen uns und anderen weben, häufig ist es geprägt von dem Muster, das zwischen ihr und uns besteht. Viele der Beziehungen, die wir als Erwachsene führen, enthalten Elemente der Mutter-Tochter Beziehung. Entweder spielen wir die Rolle des Kindes und machen die andere Person zur Mutter oder wir übernehmen ihre Rolle.“ D.h. man ist immer in der Entscheidung, will man die sein, die sich um alles kümmert, sich um alle sorgt, für jeden ein offenes Ohr und eine Lösung hat oder will man lieber die Person sein, der man die schwierigen Entscheidungen abnimmt, die umsorgt wird – in der Form sollen sozusagen andere für einen da sein.

 

Unerfüllte Hoffnungen und zu hohe Erwartungen

Darüber hinaus sind die Ansprüche in der Mutter-Tochter-Beziehung ungeheuer hoch. Eine Mutter soll Wärme und Geborgenheit geben. Sie soll die Tochter so akzeptieren, wie sie ist. Sie soll  ermutigen, den eigenen Weg zu gehen, und ihr schützend und leitend unter die Arme greifen, wann immer sie gebraucht wird. Und eine Tochter? Sie will Liebe, bedingungslose Mutterliebe… und bekommt sie nicht.

Aber warum nicht? Weil die Mutter auch nur ein Mensch ist. „Weil sie diese Liebe wahrscheinlich von ihrer eigenen Mutter nicht erfahren hat, weil sie kein Modell hatte, von dem sie lernen konnte“, sagt Sabine Standenat, klinische Psychologin aus Wien. „Es wundert mich immer wieder“, fügt die Therapeutin hinzu, „dass man für alles und jedes eine Ausbildung braucht, nur für die Kindererziehung nicht. Darum geschieht auch so viel Schlimmes.“

 

Ich liebe dich, wenn Du…

Was viele Töchter stattdessen von der Mutter bekommen? „Kontrolle, strenge Regeln und einen Haufen alter Programme, die oft unbewusst vermittelt werden und die das komplette Gegenteil von bedingungsloser Liebe sind. Das äußert sich in meist nur indirekt ausgesprochenen Forderungen an die Tochter wie: Du wirst nur geliebt, wenn… Zum Beispiel: wenn du etwas leistest!“ Und schon beginnt der Teufelskreis, aus dem sich viele Töchter ein Leben lang nicht befreien können. Sie starten einen Kampf um diese Liebe, indem sie den Erwartungen der Mutter zu genügen suchen – und scheitern daran.

„Nichts, was ich mache, ist gut genug für sie.“ – „Was ich auch angehe, meine Mama hat nur Kritik für mich übrig.“ – „Sie geht überhaupt nicht auf mich ein. Das war schon in meiner Kindheit so, und das ist auch heute noch so.“ – „Meine Mutter macht mich krank. Sie will über jeden meiner Schritte Bescheid wissen.“ Das sind nur einige der vielen Töchter-Aussagen, mit denen sich Standenat in den Therapiesitzungen beschäftigt. „Bei 99 Prozent der Frauen, die zu mir kommen, geht es früher oder später um die schwierige Beziehung zur Mama“, erzählt sie.

 

Der Ausweg aus dem Dilemma

1. Was Töchter dafür tun können, sich von der Mutter zu lösen

  • Man muss sich von dem Anspruch verabschieden, dass die eigene Mutter einen bedingungslos lieben muss. Vielleicht kann sie es einfach nicht…

  • Die Realität erkennen, d.h. die Mutter als die Person sehen, die sie ist, und nicht als die, die sie sein soll. „Die befreiende Wirkung dieser Erkenntnisse ist nicht zu unterschätzen“, sagt Sabine Standenat. Diese Einsichten schärfen aber auch den Blick für die guten Seiten der Mutter, die man im Rausch des Konfliktes vielleicht übersehen hat.

  • Alle Gefühle eingestehen, die man gegenüber der eigenen Mutter empfindet. „Das kann von Zorn über Traurigkeit und Schmerz bis zum Hass reichen.“ Das lindert die oft quälenden Schuldgefühle, die viele Töchter ihren Müttern gegenüber haben.

  • Man ist kein Kind mehr und muss um Liebe betteln, sondern man steht jetzt mit ihr auf einer Ebene als erwachsene Frau. „Damit durchbrechen Sie das Machtgefälle“, weiß die Psychologin.

  • Eine Erklärung für die Vorkommnisse in der Kindheit suchen und finden – warum ist es genauso gelaufen, warum hat sich die Mutter so verhalten?

  • Der Mutter für ein bestimmtes Verhalten oder für bestimmte Entscheidungen vergeben „Das bedeutet nicht, dass man wirklich schlimme Dinge der Kindheit, die einem die Mutter vielleicht angetan hat, entschuldigt. Es bedeutet nur, dass man der Mutter nicht länger die Macht gibt, über das eigene Leben zu bestimmen. Das ist der allerwichtigste Schritt zur gesunden Loslösung“, sagt Standenat.

  • Wenn das Gespräch nicht möglich ist: „Es gibt Mütter, die schon beim leisesten Hauch eines Versuchs, Dinge aus der Vergangenheit anzusprechen, in einen Weinkrampf ausbrechen, davonrennen und sagen: Was ich alles für dich getan habe – und jetzt das! In einem solchen Fall sollte sich die Tochter sagen: Ich kann sie nicht ändern, trotzdem bedeutet sie mir etwas, weil sie meine Mutter ist. Aber ich brauche Distanz, um gesunden zu können.“

 
Und morgen betrachten wir, was man als Mutter tun kann und schauen uns weiter um in der Familienbeziehung, die so eng und schmerzvoll sein kann…


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