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Kolumnen

Ein Tag am See

 

„Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann geht’s hinaus zum Wannsee….“ So summe ich im Bad vor mich hin, denn wir haben gerade beschlossen, den morgigen Tag am See zu verbringen.

Nach Tagen und Wochen der Sommerhitze war es endlich Zeit, Zeit für ein wenig Abkühlung. Und nach intensiver Suche haben wir doch wirklich etwas scheinbar Geeignetes für Kinder, Hund, Bus und uns gefunden. Ich gestehe, die Suche zog sich etwas, denn ich wollte keine überfüllten Bäder im Stadtzentrum, wo man dank Facebook über Wartezeiten von fünfundvierzig Minuten informiert wird. Ich wollte nicht Meilen mit Kind und Kegel zum Wasser laufen. Mein Mann hingegen, der Wasser und Wald aus Kindertagen gewöhnt ist, fühlt sich mit der spärlichen Bepflanzung an Leipziger Ex-Kiesgruben ein wenig veralbert und wünschte sich dringend „richtigen Wald“. (Ich musste lernen, dass richtiger Wald nicht aus Bäumen von zwei Metern mit armdicken Stämmchen besteht. Richtige Bäume sind also groß, sehr groß, alt, spenden viel Schatten und befinden sich in unüberschaubaren Ansammlungen.) Und zu guter Letzt hoffte das fellige Mitglied der Familie auch mitzudürfen, was die Hundestrand-Notwendigkeit erklärt. Ich hielt es für fast unmöglich, aber nach mehreren Umfragen im Freundeskreis hatten wir endlich etwas im Leipziger Süden gefunden und waren willig, einen Versuch zu wagen.

Sonntag früh, am Waschbecken, nach dem Zähne putzen und vor dem Frühstück offenbarten wir dem Kinde unseren Tagesplan – in Gedanken sah der theoretisch so aus: Sachen packen, Auto beladen, zum See fahren, an eine schöne Stelle werfen, Kinder spielen, Eltern dösen, alle sind freudig, glücklich und erholen sich. In der Praxis hätten wir mit der Mitteilung noch etwas warten sollen. Denn kaum war es ausgesprochen, rannte das Kind wie angeknipst durch die Räume, laut singend, in einem unkoordinierten, euphorischen Gefühlsausbrauch. Es kam mir vor wie ein laut trommelnder Duracellhase, der sich unaufhaltsam durch die Räume bewegte – hoch, runter, rechts, links, stolpern, weiter laufen.

Eigentlich wollten wir gemeinsam die Tasche mit Handtüchern und Badesachen füllen, aber immerzu wurden mir neue Dinge gebracht, die unbedingt verstaut werden sollten und auf keinen Fall vergessen werden durften. Einfach atmen. Als letztes holte ich die Sonnencreme aus dem Bad und knappe zehn Sekunden später stand ich vor dem fast kompletten Inhalt der Tasche, im Flur ausgebreitet, dazwischen ein strahlendes Baby und daneben eine schimpfende Schwester. Weiteratmen. Einpacken. Frühstücken. Als ich mit den Kindern am Tisch saß, kam der Mann herein und schaute ein wenig miesepetrig. Wie, ich hatte noch nicht das Essen zusammen gepackt? Also aßen wir, er packte, dann packte ich noch und zum Schluss kamen Sonnenschirm und Kuscheltücher ins Auto. Verblüfft schaute ich auf die vielen Utensilien, die da gerade zusammen getragen worden waren. Ein kleiner Umzug statt Strandtasche mit Sonnenbrille. Egal. Reinsetzen. Losfahren. Atmen.

Die Strecke war frei, die Kinder friedlich und Vorfreude machte sich breit. Hurra, wir kommen. Nach einiger Zeit wurde das große Kind unruhig und begann zu fragen und zu erzählen. Endlich erfuhren wir auch, warum die Aufregung so gigantisch war und ist. Wir hatten vom See erzählt und See hört sich fast wie Ostsee an. Ostsee wiederum war der Ort des letzten Sommerurlaubs und die Maus war jetzt der Meinung, dass es losgeht, dass wir ganz, ganz lange weit weg fahren, Urlaub eben. Mir brach es auf dem Rücksitz ein bisschen das Herz. Gegen Ostsee hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt, aber da findet man kurz vor knapp in der Unendlichkeit der online Hotel- und Ferienangebote nichts mehr, was in erschwinglichen Sphären liegt. Leider.

Der See kam. Er war sauber, inmitten von Bäumen, wirklich geeignet und uns fiel ein Stein vom Herzen. Noch eine Enttäuschung hätte das nackte Mädchen mit Schwimmflügeln nicht verkraftet.

So suchten wir uns ein Plätzchen: Das Schwimmflügelkind erkannte, dass es anders als im Schwimmbad Steine im Wasser gab. Aua. Das Baby krabbelte am Strand und musste ebenfalls mit seinen kleinen Knien über die Steine. Noch einmal aua. Der Hund legte sich mit den Waldameisen an und versuchte aufgeregt, das Rudel zu bewachen. Wir versuchten, den Hund zu beruhigen. Atmen. Der Mann schaffte sogar einen Sprung ins kühle Nass. Ich döste von den vier Stunden bestimmt zwanzig Minuten und die Kinder schliefen sogar ein wenig am Strand.

Zum zeitigen Abend waren wir mit unserem Gepäck wieder da. Schön war es so draußen ohne Stadt. Frische Luft macht müde und müde hingen wir dann auch beim Abendbrot. Schön wars, auch ohne Ostsee und mit kleinerem Wasser. Schön war auch, dass die Kinder ganz zeitig im Bett lagen und schliefen. Die Idee mit dem See war super, wenn auch nicht ganz unaufwändig.

Nach Sonne und Wasser riechend hingen wir abends auf der Couch und stellten fest, dass es nicht viel braucht um glücklich zu sein – an diesem Tag: den See, die Sonne, den Himmel und einander.

„Ein Tag am See“ von Sabine Henriette Schwarz

 

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