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Kolumnen

Sumsebrumm, brummsesumm und Freiheit

In den Zimmern ist es dunkel, stickig, warm und der Geruch nach Hamster und Einstreu liegt in der Luft (obwohl wir beides nicht haben). Ich stelle ein paar Wasserschalen auf und denke… „Ach, alles besser, als die Kids letzte Woche in einem unbeobachteten Moment das Mückenöl fein auf Fensterbretter, Türen oder Boden verteilt und anschließend im Bett versteckt haben.“

„Aber Mami, es sollte doch gut duften…“ Ich öffnete die Tür und ein beißender undefinierbarer zitronenähnlicher Gestank lies mich schlucken. Sofort fühlte ich mich in meine Frühschwangerschaft zurückversetzt, als der Brechreiz ein ungeliebter Begleiter wurde, und das Essen scheinbar im Hals zwischenparkte. Oh Nein… Wie gern wäre ich geflüchtet und hätte mir einen frischluftigen Raum jenseits der eigenen vier Wände gesucht. Und der Gedanke, in der eigenen Stadt ein Hotel zu besuchen, schien plötzlich weit weniger absurd. Aber immerhin, Fliegentiere gab es in den folgenden Tagen keine bei uns, was gut zu verstehen war. Hätte ich die Wahl gehabt, ich wäre gern ferngeblieben.

Nach vier Tagen war der Gestank endlich weg und mit ihm meine Familie, die zu einem wunderbaren Zelt-Wochenende aufgebrochen ist. Ja, ich gestehe, ohne mich. Nur einmal habe ich bis dato den Versuch ohne Sicherheit bringende vier Wände und mit vielen Krabbeltieren gemeinsam unternommen, um wachend und leicht beunruhigt meine schlafende Tochter (leise schnarchend) und den Herzallerliebsten (laut schnarchend) zu beobachten. Stetig bemüht, meine Blase zu ignorieren, die mich dann doch zum Aufstehen zwang. Und stetig bemüht, die Natur zu überhören. Ständig dieses Geraschel, Summen, Brummen, Zirpen, Piepsen und Zwitschern – gerade dann, als auch meine Augenlider mit der entsprechenden Schwere bei Morgengrauen zufallen wollten. Boah, kann die Natur laut sein. Das kennt mein Straßenbahn- Krankenwagen- und Stadtrauschen-gewöhntes Ohr nicht.

Aber ich sehe und fühle die Vorfreude beim Rest der Familie. Und ich bin schließlich nicht das Maß aller Dinge. Eifrig werden Spielsachen zusammengesucht, ein Essenplan aufgestellt, eingekauft und eingepackt. Amüsiert und verwundert stehe ich vor diesem Berg, der sich hinten im Auto ausbreitet und denke an meine Großmutter und ihren Spruch von den Tierchen und Pläsierchen. Da sind Angeln, Töpfe, Pfannen, ein Dreibein, ein extra angeschaffter Dutch Oven (denn: gutes Essen ist wichtig) und allerlei Taschen, Beutel oder Decken. Eigentlich wäre ich auch nicht verwundert, wenn ich noch ein Einrad oder ein Indianerzelt entdecken würde – nichts ist unmöglich.

„Aber Mami, zelten ist so schön. Du bekommst auch mein Schmusetuch.“

Ich winke, drehe mich um (dumme feuchte Augen) und denke: Boah, so schwer kann das doch nicht sein. Ist doch egal ob Du zelten schrecklich findest, ob du schlafen kannst und alle Knochen einzeln einsammeln wirst. Die Kinder haben Spaß. Mensch, jetzt überwinde dich einfach, dann entschwinde ich hinter der Haustür, setzte mich mit einem Buch auf den schattigen Balkon und warte….

Vier Tage später.

Ich sitze an der gleichen Stelle und schaue auf die Uhr. Gleich müssten sie da sein. Endlich (war ganz schön leise und einsam, dafür aber auch aufgeräumt). Da höre ich es an der Tür und bin gespannt, denn die Nachricht des Herzallerliebsten lautete: ich solle mich nicht erschrecken. Aber was könnte mich schon erschrecken? Edding im Gesicht, blaue Haare… Er bringt neue, andere Kinder mit nach Hause? Ich stürze zur Tür und ja, fast sieht es nach letzterem aus. Vor mir steht ein freudiges kleines Mädchen wie nach einem Boxkampf über mindestens acht Runden. Keine Augenbrauen. Keine Augenhöhlen, die Nase zieht sich breit von einem Augenwinkel zum anderen und die kleinen sonst Spaghettie-dünnen Beinchen stecken dick und prall in Blümchensocken. Au weia. Das gleiche Kind, dass mich mit diesem Mücken- und Mütter-mordenden Geruch in den Wahnsinn trieb, ist allergisch. Nichts konnte die bösen Tiere abhalten und so kann ich sie nur fest in meinen Arm nehmen. Aber offensichtlich machte das nichts. Es war nämlich sooooo schön.

Ok, ok – sagt meine innere Stimme. Du musst es auch mal tun. Egal ob mit Tieren oder ohne – Zelten ist schön. Das nächste Mal überwindest Du Dich.

In diesem Sinne, kennt Ihr nicht einen schönen Zeltplatz für Angsthasen, Dummies und Einsteiger?

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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