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Kolumnen

Straßenbahnirritationen und Einsichten

 

Ein Hoch auf die öffentlichen Verkehrsmittel – so viel sei vorher gesagt: Sie fahren, bringen Fahrrad-, Moped- und Autolose an ihr Ziel und verbinden Orte für Möglichkeiten…. So hofft man zumindest, wenn man sich ausnahmsweise einmal auf den Weg macht, weil das liebe, kleine Auto gerade nicht kann.

Nein, ich mag Bus und Bahn nicht besonders. Vielleicht habe ich auch ein Problem mit zu viel Nähe. Bestimmt habe ich ein Problem mit zu viel Nähe. Gern möchte ich meinen kleinen, geschlossenen Bereich haben, in den man nur aufgefordert eintritt. Ansonsten fühle ich mich bedrängt – von zu viel penetrantem Parfüm, von dem dicken Zigarettenrauch, der festhängt, von dem Saure-Gurken-Geruch des Nebenmanns oder schlicht und einfach von der Wolke, die eine Mischung aus Abgestandenem, Pups und dünstendem Essen vermischt mit ein paar Tropfen Schweiß und einer Essenz von Dreck und Mief ist. Und ekelig bin ich leider auch noch. Wie viele werden wohl schon diese Haltestange berührt haben? Welches Hinterteil hat vorher auf meinem Sitz gesessen? Manchmal muss ich mich zwingen, nicht zu viel zu grübeln, denn mit Grübeln wird es bekanntermaßen nicht besser. Da entwickelt man die wildesten Fantasien von Menschen, die jenseits von Wasser und Seife existieren und gerade vorher auf dem Klo waren.

Gut, dass die Mitreisenden viel Ablenkung bieten. Gut, dass es gerade davon genug gibt – Mitreisende, Mitfahrende. Letzte Woche vor allem Kindergruppen, die in den Ferienspielen durch die Stadt kreuzten und aufgeregt schnatternd und zappelnd ihrem Ziel entgegenfieberten. Kaum zu glauben, dass es bei uns auch bald soweit sein wird, dass das Baby von einst zur Schule gehen wird, einen Ranzen trägt, ganz im Ernst Stunden stillsitzen soll und lernen. Da werde ich fast ein wenig wehmütig… und ärgerlich, als die kreativ aussehende Begleitperson am Fahrkartenautomat trotz williger Kinderhände lautstark verkündet, dass ihr das jetzt alles zu kompliziert ist und sie einfach vor dem Ticketautomaten stehen bleibt. Wenn ein Kontrolleur kommt, kann sie ja immer noch mit dem Bezahlen loslegen… Danke für so viel Vorbildwirkung (aber nein, das habe ich nicht gesagt, nur gedacht).

Zwei Stationen später steigt ein alter Mann ein. Zu kurze Hosen, die auch von allein in der Ecke stehen würden, zerschlissene Jacke, die Aldi-Tüte fest um das Handgelenk geschnürt mit eben jenem Geruch, der mich zusammenzucken lässt. Mein Blick fällt auf seine Schuhe oder besser auf den kleinen Bereich zwischen Schuhrand und Hosenbeinbund. Da ist nichts. Dabei habe ich vorhin selbst mit dicken Schuhen und dem Mantel leise fluchend gewartet. Es war kalt. Dem Kind war kalt und die metallische Sitzbank im Wartehäuschen war dementsprechend auch keine Variante. Aber dieser Herr? Er ist barfuß. Nur nackte, graue Haut, die auch dem Kind nicht verborgen bleibt. „Mami, warum hat der Mann keine Strümpfe an? Hat der gedacht, es ist schon Sommer?“ „Nein Schatz, manche Menschen haben so wenig, dass das Geld für neue Socken oder Hosen einfach nicht reicht.“ „Aber warum reicht es denn nicht, Mama? Isst der Mann zu viel?“ „Bestimmt nicht. Geld muss man verdienen können oder man bekommt es wie eine Art Taschengeld und wenn das Geld vor den Socken alle ist, hat man leider keine.“ „Und warum ist das so?“

Unnötig zu erwähnen, dass ich darauf nur schwer eine Antwort fand. Warum ist das denn so? Warum haben wir Socken und andere nicht? Klar geht es bei uns nicht um das nackte Überleben und um die Existenz, aber es geht um eine „relative Armut“ (wie sie so hübsch in Wohlstandsländern bezeichnet wird. Übrigens: In der EU gelten die Menschen als arm, die weniger als 930€ verdienen – was mir schon wieder ganz schön viel vorkommt).

Das Kind ist sichtlich irritiert.

Und ich auch.

Da habe ich mich gerade noch mit der Straßenbahn und meinem Empfinden beschäftigt, dabei kann ich froh sein, hier zu sitzen, Strümpfe anzuhaben, mit meiner wunderbaren kleinen Tochter unterwegs zu sein, die bald in die Schule kommt.

Wir haben Glück. Wahrscheinlich hätte es auch anders kommen können und genau das erzähle ich dem kleinen Mädchen auch, das mit mir gerade zum Ballettladen unterwegs ist.

Mitunter muss man das, was man hat, ins rechte Licht rücken. (Und eine Fahrt mit der Straßenbahn scheint dazu durchaus geeignet).

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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