Home  »  News   »   Familie und Leben   »   Stottern – das Erdbeben im Mund

Familie und Leben News

Stottern – das Erdbeben im Mund

Das ist so als ob man mit dem Auto auf die Kreuzung fährt und plötzlich funktioniert die Bremse nicht mehr. Wir reden – eigentlich immer und überall. Ständig gibt es etwas zu berichten, zu sagen, auszurufen, zu diskutieren. Aber was ist, wenn Sprache von Kindesbeinen an untrennbar mit Stottern verbunden ist?

Peter Schneider, Logopäde und Stottertherapeut, stellt fest, dass es scheinbar schon immer in der Menschheitsgeschichte Stottern gab. So finden sich in ägyptischen Hieroglyphen die Darstellung von Stotternden.

„Man sieht einen Menschen, der hockt und der auf den Boden zeigt, der irgendwie so gewellt ist, was Erdbeben bedeutet und der auf seinen Mund zeigt – und das ist „Erdbeben im Mund“ also Stottern.“

Erdbeben im Mund, das ist ein gutes Bild für eine sprachliche Erschütterung, die spontan auftritt und bei Angst oder Unsicherheit verstärkt wird. Es stottert die Kinder und Erwachsenen sozusagen.

„Stottern ist eine Redeflussstörung, das heißt, der Sprechfluss ist manchmal normal und dann an anderen Stellen unterbrochen. Diese Unterbrechung ist unwillkürlich und tritt vor allem in drei Hauptformen auf, das sind die Wie – Wie – Wiederholungen, die Deeeeeeeeeeeehnungen, die angespannten Sprech – – – – Pausen.“

Sprache ist ein komplexes System, das fehleranfällig ist. Klar gibt es schwierige Wörter und ein problematische Situationen wie beispielsweise einen Vortrag, eine Prüfung oder viele fremde Menschen, aber generell ist nicht vorauszusagen, wann der „Fehler im System“ zuschlägt. Das macht die Betroffenen oft wütend, hilflos und die Freunde, Bekannte oder Eltern ungeduldig. Dabei wissen die Stotternden ganz genau was sie sagen wollen. Es ist ein Missverständnis zu glauben, stotternde Kids und Erwachsene seien sich über die Inhalte, die sie sagen wollen, unsicher oder zweifelten daran. Es bleibt lediglich die Sprache hängen, die Artikulationsbewegung, nicht die Idee oder der Gedanke. Das macht was mit den Betroffenen.

Deshalb hat vor über 40 Jahren Wolfgang Wendlandt die Berliner Stotterer-Selbsthilfe gegründet – er forscht und publiziert zum besseren Verständnis.

„Wenn man selbst stottert, dann ist man voller Ideen, voller Gedanken, voller Gefühle, aber man kann die oft gar nicht an die Frau/an den Mann bringen. Also ist man bezüglich der eigenen Spontanität blockiert. Das berührt, das ärgert. Das macht wütend. Aber es tritt auch ganz viel Scham auf. Und das Gegenüber ist genauso betroffen. Das Gegenüber hört plötzlich die Blockade, hört Wiederholungen, sieht die Person, wie sie den Mund auflässt, aufreißt, wie die Zunge raus kommt, wie Laute nicht rauskommen und das Gegenüber ist erst mal hilflos, wenn es eine fremde Person ist und nicht klar ist, dass es sich um einen Stotternden handelt. Dann ist das Gegenüber erst mal irritiert, weil das übliche Muster zu reagieren nicht da ist.“

„Das hat alles mein Stottern wachsen lassen, meine Angst davor, mein Schamgefühl davor, das Stottern zu zeigen. Und dadurch wurde es immer schlimmer – ja hab ich mir nicht viel zugetraut, hab gedacht: Okay du stotterst und das ist so schlimm. Ja du musst funktionieren. Damit dich die Leute akzeptieren und mögen, musst du das so machen, wie sie das wünschen. Und ich hatte ein gutes Gespür und wusste genau was die Leute von mir erwarten und das hab ich dann gemacht, um also diese Behinderung einfach kleiner zu machen. Das war der Weg. Immer angepasst sein, bloß nicht auffallen.“

Wendlandts Forschungen ergaben, dass ein Bereich des Gehirns wesentlich fürs Stottern verantwortlich ist.

„Wir haben uns dann die letzten Jahre gefragt, was bezüglich der Sprechbewegungen bei Stotternden nicht klappt oder wo jetzt der Hase im Pfeffer liegt. Da haben wir gefunden, dass der Motorcortex, also der Bereich des Gehirns, der die Bewegung steuert, sich bei Stotternden nicht gut auf das Sprechen vorbereitet. Man sieht bei Flüssigsprechern die Vorbereitungen auf den nächsten Sprechvorgang und der fehlt den Stotternden, und zwar je mehr sie stottern umso mehr fehlt der… Das heißt, ehe Sie sprechen, wird das motorische Areal im Gehirn, was die Zunge steuert, erregbarer.“

Bei stotternden Kindern und Erwachsenen passiert genau dies in einer sehr abgeschwächten Intensität. D.h. das Gehirn ist „schuld“, keiner der Betroffenen hat psychische Probleme oder einen schwachen Charakter, was oft als Klischee herhalten muss. Auch dieser oft gehörte Satz: „Hol mal tief Luft und dann sag es noch mal.“ verstärkt das Problem eher. Besser ist, dem Stotternden die Angst zu nehmen und offen damit umzugehen. Denn der offene Umgang führt zum Angstabbau und damit zu weniger stottern. Und das sollte das Ziel aller Eltern sein – statt Vermeiden, Verstecken oder Schweigen, was die meisten Strategien sind, um den Alltag zu meistern.

Stottern im Vorschulalter:

Bei den meisten Kindern ist es wirklich nur eine Entwicklungsphase, sozusagen entwicklungsbedingtes Stottern, das vier bis sechs Monate anhalten kann. Der Grund: In diesem Alter suchen Kinder noch nach der richtigen Satzstruktur. Wenn sie einen Satz unterbrechen oder Pausen machen, dient das der Satzplanung. Stottert ein Kind allerdings länger als sechs Monate, sollte man mit einem Logopäden sprechen.

Stottern ab 6 Jahre:

Ist das Kind älter als 6 und hat Probleme mit dem Redefluss, sprechen Experten von der Sprachstörung des Stotterns. Etwa fünf Prozent aller Kinder zwischen zwei und sechs Jahren stottern, Jungen deutlich öfter als Mädchen. „Bei 80 bis 85 Prozent der Betroffenen geht das Stottern von selbst wieder weg“, sagt Thum, der als Sprachtherapeut arbeitet. Alle anderen haben die Sprachstörung ein Leben lang, denn sie ist nicht heilbar. Ziel ist hier, das Kind zu stärken und souverän mit den Stottern umzugehen.

Zauberwörter, um den Stotterberg zu überwinden? Hier mehr:

Übrigens:

Eltern von stotternden Kindern haben nichts falsch gemacht. Wie dargestellt, ist es eine Veranlagung im Gehirn. Lediglich die Gesellschaft braucht hier noch Nachhilfe, damit Vorwürfe und Klischees keinen Bestand mehr haben.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.