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Stillen: Eine Gewissensfrage oder von schmerzenden Versuchen und ihren Erfolgen

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Vorabend-TV. Glücklich hält die junge Mutter das Baby, es liegt friedlich und leise und zufrieden an der Brust. Trinkt. Ein schöner, harmonischer Anblick, der als das Nunplusultra verkauft wird. Es scheint selbstverständlich.

Selbstverständlich ist es aber gar nicht, denn tatsächlich haben mehr Mütter mit dem Stillen Probleme als angenommen. Und hier ist nicht die Rede von einer bewussten Entscheidung für die Flasche. Hier ist eher die Rede von überraschenden Problemen, den kleinen Liebling satt zu bekommen, ihn irgendwie mit Milch ernähren zu können. Hier ist die Rede von blutenden Brustwarzen und Tränen, denn nichts fühlt sich schrecklicher an als das eigene hungrige Baby…

Ein Erfahrungsbericht:

In der letzten Woche vor der Geburt verbrachten mein Freund und ich noch einen wundervollen (Ironie) Nachmittag wartend auf dem Standesamt Kreuzberg, um auf den letzten Drücker die Vaterschafts-Anerkennung zu machen. Wir teilten uns das Wartezimmer mit unzähligen Neu-Eltern, alle hatten kleine Mini-Säuglinge dabei, die sie anmelden wollten und: keine Frau stillte. Doch, eine einzige. Alle anderen schüttelten Fläschchen zusammen und da wir alle ziemlich lange warten mussten, waren es einige, viele, unzählige Fläschchen.
Und ich sagte später zu meinem Freund: Wahnsinn, die stillen alle nicht! Warum? Dabei ist es so praktisch und die Pulvermilch kostet ja auch einen Haufen Geld!

Don’t judge…
Nun, ein paar Tage später sollte ich mich schämen für diese Sätze. Denn Stillen ist nicht einfach. Es läuft nicht immer “von selbst”. Eigentlich sogar eher selten. Und es kann auch einen Haufen Geld kosten. Vor allem braucht man sehr viel Überzeugung, eine sehr gute Betreuung, gutes Zureden und Durchhaltevermögen, wenn es nicht läuft. Wer das nicht alles hat – stillt eben ab. Und ganz ehrlich: ist ja auch völlig okay so. Breast is best? Das Zweitbeste ist auch super.

Was war passiert? Nun, wir hatten richtig dolle Stillprobleme. Ich erinnere mich daran, dass es mit Xaver auch in der ersten Woche durchwachsen war, dass der Vormilch-Tag die Hölle war, weil meine Brustwarzen so weh taten und weil Xaver schrie vor Hunger. Dass ich danach die ein oder andere kleine Brustentzündung hatte. Dass mir der Rücken weh tat und ich wochenlang nur im Liegen stillen konnte. Dass es beim Andocken auch nach einiger Zeit immer noch höllisch brannte. Dass ich oft in meiner eigenen Milch lag, wenn ich nachts aufwachte.

Irgendwann hatten wir uns aber eingependelt. Und dann habe ich erfolgreich und problemfrei gestillt. Wir waren ein sehr harmonisches Team, mein Sohn und ich. Er stillte ziemlich “nach der Uhr”, alle drei Stunden nämlich. Er trank gut und schnell, war immer satt und nahm rasant zu. Und nach etwa sieben Monaten ließ er sich völlig problemlos abstillen. Ich habe gerne gestillt, und aber auch genauso gerne abgestillt. Und natürlich dachte ich, dass es mit dem zweiten Kind eher einfacher würde.

Falsch gedacht.
Wahrscheinlich hatte Quinn von Anfang an ein bisschen falsch angedockt. Am zweiten Tag war auf jeden Fall schon richtig der Wurm drin, es tat WEH und ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Da das Kind aber schrie vor Hunger und am nächsten Tag zum Glück die Milch da war, stillte ich fleißig weiter. Bei Xaver hatte es ja auch weh getan am Anfang… Am Abend waren die Brustwarzen schon wund, am nächsten Tag blutete es bereits. Ich hatte regelrecht Angst, sie weiter anzulegen. Und sie schrie.

Ich will euch das Dilemma der folgenden Tage im Detail ersparen, aber ich bin zum Glück mit einer sehr motivierten Hebamme gesegnet, die völlig ohne Druck zu machen, alles daran setzte, dass wir es trotzdem hinbekamen. Zusammengefasst: Abpumpen. Die teure Pumpe aus der Apotheke besorgen (Danke, duweißtschonwer!!). Salzbäder. Rotlicht. Zinnhütchen. Kompressen. Laser-Behandlung für die Brustwarzen. Diverse Stillhütchen, Cremes und Stillkissen. Medikamente für die Milchbildung. Ein schreiendes, unruhiges Kind. Und: Pre-Milch. Ich war nie gegen Pulvermilch und ich wollte nicht, dass mein Kind vor Hunger schreien muss, also schickte ich den Mann in die Drogerie. Die Pulle war innerhalb von fünf Minuten weggezischt und dann: Aha. Ruhe!!! Zufriedenheit!!! Wer das erlebt hat, dass er um seine Milch kämpft (denn die versiegt natürlich auch, wenn das Kind nicht richtig trinkt – Quinn nuckelte stundenlang am Stillhut ohne wirklich etwas rauszubekommen – und das Abpumpen fast genauso weh tut wie Stillen), dass das Baby schreit vor Hunger und dann sieht wie unfassbar EINFACH es mit der Pulvermilch zufrieden ist, der stellt doch Einiges in Frage. Nämlich: warum ist das so? Warum ist Stillen so schwer? Da war die Natur doch wirklich nicht besonders clever. Und: Warum tu ich mir das überhaupt an? Ist Stillen immer das Beste?
Nicht jede Frau kann stillen, nicht jedes Kind kann es.

Weil ich ja so erfolgreich gestillt hatte bei Xaver, habe ich oft zu Freundinnen, die schworen, sie bekämen ihre Kinder nicht satt, gesagt: nein, das kann nicht sein. JEDE Frau kann doch stillen. Und es ist immer genau richtig viel Milch da. Jetzt weiß ich: das stimmt nicht. Weder kann jede Frau gut stillen, noch kann es jedes Kind. Und niemand muss sich den Wahnsinn antun, um das Stillen zu kämpfen, wenn es nicht funktionieren will. Ich kann es sowas von gut nachvollziehen, wenn man sich einfach für die Flasche entscheidet. Es ist oft einfacher, stressfreier, schmerzfreier. Es ist absolut legitim, sich genau zu überlegen, in welchem Verhältnis die Vorteile des Stillens zum eigenen Leiden stehen. Wenn es einfach nicht klappen will, wenn man wochenlang pumpen und arbeiten muss, wenn das Kind nie ruhig wird – dann ist es toll, einfach die Pre auszupacken und zu sagen: ich habe es versucht und es hat nicht geklappt. Nicht nur das. Auch wenn man einfach keine Lust hat auf Stillen, den Gedanken, dass Milch aus der Brust läuft, absurd findet – auch dann nimmt man halt die Flasche. Niemand hat das doch zu beurteilen. Jede Frau kann mit ihrem Busen machen, was sie will.

Ach ja, wir waren dann auch noch bei einer Osteopathin mit Quinn (ich erwähnte bereits, dass ich mehrere hundert Euro in die Stillerei investiert habe? Entgegen der gängigen Meinung ist Stillen NICHT umsonst…). Tatsächlich klappte das Trinken danach viel besser, aber die Osteopathin sagte vor allem als allererstes zu mir: “Ich kann nicht garantieren, das wir das noch hinbekommen. Sie machen sich bitte keinen Stress, ja? Flaschenkinder sind ganz genauso glücklich wie Still-Kinder!”

Ich bin wirklich keine Still-Fanatikerin und ich glaube das auch. Ich versicherte ihr also, dass ich überhaupt kein Problem damit hätte, eventuell abzustillen, nur war sie halt noch so klein, ein bisschen wollte ich es noch versuchen.

Wie? Die sagt, Stillen ist nicht das BESTE? Ja, ich bin nicht vollends überzeugt vom Stillen. Es gibt tausend gute Gründe, um zu stillen, und tausend gute Gründe, um nicht zu stillen. Von den gesundheitlichen Vorteilen der Muttermilch bin ich persönlich gar nicht überzeugt. Dafür kenne ich viel zu viele kerngesunde Menschen, die nicht gestillt wurden (meine Mutter wurde mit Kuhmilch großgezogen!) und ich bin das beste Beispiel für das andere Extrem. Ich wurde nämlich gestillt, sogar nach Bedarf (was in den Achtzigern revolutionär war) und habe Asthma, alle möglichen Autoimmunerkrankungen und Allergien en masse.

Trotzdem ist Stilen natürlich so, wie es die Natur gedacht hat. Muttermilch ist ein komplett natürliches Produkt, während Pulvermilch komplett künstlich ist. Stillen tut Mutter und Kind gut, es hilft bei der Rückbildung. Die Brust ist immer steril und die Milch immer perfekt auf das Baby abgestimmt.

Und nicht-Stillen hat auch viele Vorteile: man kann das Füttern gleichberechtigt mit dem Papa teilen, man muss nicht in der Öffentlichkeit den Busen freilegen, man ist als Mutter viel unabhängiger, man kann Wein trinken. Mir persönlich machten auch die Hormone in der Stillzeit ziemlich zu schaffen. UND: man muss sich den Stress am Anfang nicht antun. Mag sein, dass das Stillen Einigen von euch zugeflogen ist, bei den meisten ist das aber nicht so. Und JA, es gibt auch Frauen, die einfach wirklich keine Milch haben. Wieder andere wollen einfach nicht stillen. Auch verständlich.

Es gibt für beide Entscheidungen sicher gute Gründe und jede Frau darf das ganz individuell für sich entscheiden. Ich persönlich finde es auch etwas nervig, dass überall “Stillen ist das Beste für ihr Kind” steht. Ich will mir nicht ausmalen, wie schlecht man sich als Erst-Mama, die den Kampf um das Stilen verloren hat, fühlt, wenn man das immer lesen muss. Was soll der Druck? Für mich ist es keine große Sache, wenn das Kind mal eine Pulle Pre bekommt und es kann den Stress wahnsinnig aus der Situation nehmen. Eine Freundin von mir hat geweint vor Glück, als ihr Baby nach wochenlangem Drama in Papas Arm an der Flasche hing und endlich zufrieden war! Ja, ich weiß, viele Babies bekommen im Krankenhaus ein Fläschchen und danach ist der Wurm drin beim Stillen, für viele Hebammen ist Pulvermilch Teufelszeug. Aber es gibt doch mal wieder kein falsch oder richtig, in unserem Fall war es total hilfreich, als Übergangslösung das Kind mit Pre einfach mal satt zu machen.

Erfolgreicher Kampf

Ach ja genau: wie läuft es denn jetzt bei uns? Nun, die viele Zeit, Geduld und Kraft haben sich zum Glück gelohnt: Quinn wird mittlerweile quasi voll gestillt. Dank Sissi und ihrer Zuversicht, dank der vielen Maßnahmen, um meine Brustwarzen wiederherzustellen, dank der Osteopathin und dank viel harter Still-Arbeit, Geduld, Pumpen, etcetera – haben wir es also doch noch geschafft. Ursprünglich wollte ich beim Mix bleiben und ab und zu Fläschchen füttern (für den Papa wäre das sehr schön gewesen!), aber dann war ich doch zu faul.

Und ja, ich bin auch froh, dass es jetzt klappt. Nicht, weil ich dadurch eine bessere Mutter bin oder weil die Bindung zu meiner Tochter sonst geschädigt gewesen wäre. Sondern weil es eben doch praktisch ist (bei so einem kleinen Baby läuft der Sterilisator ja sonst durch! Und dann immer das Getue, bis das kochende Wasser die richtige Temperatur hat!) und ich habe auch das Gefühl, dass Quinn das Stillen zum Stressabbau sehr gut tut. Xaver war ein Turbo-Trinker, der sich nie wirklich an der Brust beruhigt hat (hatte ich ihm auch ein bisschen antrainiert, aber er hat es auch nie eingefordert), Quinn ist da anders, sie schläft nach wie vor oft nur an der Brust richtig gut ein, sie braucht die Wärme und das Nuckeln, um runterzukommen, mit der Flasche klappte das nicht so gut.

Ich empfinde es aber nicht als Triumph oder als meine eigene Leistung, dass es jetzt so gut klappt. Es hatte vielmehr damit zu tun, dass ich die Möglichkeit dazu hatte: eine warmherzige Rundum-Betreuung von lauter Profis, genug Zeit, einen Mann, der mich unterstützt hat und eben auch die finanziellen Mittel. Es wäre ganz sicher auch ohne Stillen alles gut geworden und Quinn wäre genauso gut groß und glücklich geworden. Stillen ist schön, natürlich, praktisch. Aber nein, es ist nicht immer und in jedem Fall das Beste für Mutter und Kind. Wenn es zu anstrengend, zu schmerzhaft, zu kompliziert ist. Wenn Frau einfach überhaupt nicht will oder kann. Wenn das Kind nicht gut trinken kann und nicht richtig satt und zufrieden wird oder kaum zunimmt. Dann freuen wir uns doch einfach, dass wir so gut kontrollierte Baby-Nahrung haben, so gute hygienische Bedingungen, eben dass wir Kinder auch ganz ohne Brust ganz wunderbar großziehen können.
Und ich werde den Teufel tun, noch mal jemals eine Flaschen-Mama heimlich ein kleines bisschen schief anzuschauen. Das schwöre ich!

www.littleyears.de


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