Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   Stille in der Stadt oder „Ruhe, sonst knallt‘s!“

Kolumnen

Stille in der Stadt oder „Ruhe, sonst knallt‘s!“

Ich mag die Stadt, also die Stadt an sich. Ich kenn es auch nicht anders. Man kann sich fünf Minuten vor der Angst noch überlegen, einzukaufen. Man sieht immer irgendeinen Menschen auf der Straße. Manchmal  kommt auch eine Straßenbahn.

Der Schein der Straßenbeleuchtung fällt ins Zimmer und die Laute von vorbeieilenden Spaziergängern und Autos verbinden sich zu einem beruhigenden Geräuschteppich. An den kann man sich offensichtlich sehr gewöhnen. Einmal, in einem kleinen Urlaub, wo ich nicht die Welt sehen wollte, führte mich der Weg ins Havelland. Es sollte ruhig und beschaulich werden. Sozusagen ein paar Tage des Ausruhens, des Laufenlassens, der Stille abseits großer Straßen mit Himmelbett und Brötchenservice. Was braucht man mehr in einem Hundertzwanzig-Seelen-Dorf an der Havel, wo die Straße, die eher eine Buckelpiste war, endet und das Muhen der dreitausend Kühe über das Feld weht? Nach der ersten Euphorie machte sich abends jedoch leichte Panik breit. Die Straßenlaternen gingen aus und es war dunkel. Also nicht nur ein bisschen dunkel, so dass man noch die Umrisse der Gegenstände sieht, sondern richtig gigantisch dunkel. Schwarz. Tiefschwarz. Es war leise, sehr leise, was die Dunkelheit noch verunsichernder und aufwühlender machte. Die alte Uhr tickte. Die Dielen im Zimmer knarzten. Ich hörte mich atmen und, ohne dass ich es wollte, musste ich an die Stieg Larsson Verfilmung der „Millennium-Trilogie“ denken. Verblendung, Verdammnis und Vergebung geisterten in meinem Kopf und das große alte Bauernhaus, das in diesem Moment viel zu viele alte Türen und Schränke und Ecken und Kammern hatte, machte es nicht besser. Die Idylle kann also auch sehr beängstigend sein, dachte ich, ging in die Küche, die ein Radio hatte, und schaltete jenes an.

Zurück in der Stadt umfing sie mich mit ihren bekannten Geräuschen. Ein wenig Lärm, ein bisschen Gehupe, ein Alarm irgendwo, das Rattern der Straßenbahn, ein grölender Besoffener, Hundebellen. Ach ja, wieder Zu Hause. Damals fand ich es wirklich beruhigend.

Jetzt, zwei Kinder später, bin ich zu einem „Lärmpolizisten“ mutiert, ein zusammenzuckendes Individuum bei Sirenen, Feuerwerk und coolen vorbeieilenden Motorrädern. Denn was ich als laut empfinde, lässt das Baby wach werden und schreien. Kein Mensch will ein müdes, schreiendes Baby. Aber der Reihe nach.

Man hatte mir erzählt, Kinder können immer und überall schlafen, egal wie laut es ist. Und was macht man, wenn man es nicht besser weiß? Man nimmt es so hin und glaubt es eben. Also kam Kind Nummer eins und siehe da, wenn mein Knie beim Verlassen des Zimmers knackte (so ein dummes Knie, der Sport ist Schuld), plopp, das geliebte Kind war wieder wach. Wenn das Knie mal nicht knackte, klackte die Zimmertür beim Schließen und plopp, ich hörte wieder das holde Babystimmchen. Mit Kind Nummer zwei ist es auch nicht viel anders. Der Hausmeisterdienst versammelte sich im Hof des Nachbarhauses und erzählte ein paar derbe Witze. Plopp, Augen auf. Die anderen Nachbarn bringen ihre Mülltonnen rein (warum muss das auch ausgerechnet im Mittagsschlaf passieren? Können die das nicht später machen?) Plopp. Mir fällt in der Küche etwas runter. Plopp. Die Klospülung. Plopp. Das Telefon. Plopp. Von wegen, Kinder können immer und überall schlafen. Also versuche ich es draußen. Da kann es ja wohl nicht am Knie, an den Schuhen oder an was auch immer liegen. Ein Park, Bäume, Vogelgezwitscher, eine grüne Wiese. Ach es kann so schön sein, wenn man ein wenig vor sich hin döst und das friedlich schlafende Kind sieht. Jetzt noch ein Kaffee to go und ein Buch. Die Bank hinten am Holunder sieht einfach traumhaft aus. Gesagt, getan. Das Kind schläft und ich bin bereits auf Seite 12 des Taschenbuchs. Gerade will ich mir selbst zu dieser großartigen Idee gratulieren als ein Fahrradfahrer vorbei kommt und grüßend klingelt. Ich zucke zusammen, das Kind zuckt auch, aber die Augen bleiben geschlossen. Puh, Glück gehabt.

Keine zehn Zeilen später kommt ein Krankenwagen lautstark um die Ecke und darauf ein roter hupender Opel. Plopp. Wieso nur? Wir gehen wieder nach Hause. Auf dem Weg treffen wir die Frau mit dem Pudel, die uns mit schriller Stimme entgegen läuft, um festzustellen, dass „die Kleine ja soooo süß ist. Und sooooo ein schöner Tag, oder?“ Ja, ja – Tür auf, Tür zu. Ruhe. Schuhe. Ausziehen.  Entspannung. Ein Stück Schoko. Gerade als ich ins Bad will, klingelt es an der Tür. Einmal, zweimal, dreimal. Was ist denn nun los? Steht einer angeschossen vor der Tür? Nein, es ist nur der Postbote, der einen plastikumhüllten Riesenmantel für Frau Schlehenbrink im Arm hält. „Das können Sie doch bestimmt entgegen nehmen.“ Was, dafür hat er jetzt Sturm geklingelt? Das ist doch nicht sein Ernst. Ich mache die Tür zu, lege dieses Plastikungetüm über die Couch und sehe, dass das Baby eingeschlafen ist. Ahhh, wie schön.

Ich lege sie hin und sie schläft weiter. Mein Knie knackt diesmal nicht als ich hinaus gehe und die Tür lehne ich nur an. Kein Ton. Es kann so schön sein. Was mach ich denn jetzt am besten mit so viel Ruhe und Freizeit, die sich gerade überraschenderweise vor mir ausbreitet? Seite 13 meines Buches, ich tauche ab. Seite 16: der Pudel der Nachbarin hat es bis auf den Balkon geschafft und bellt in der gleichen Tonlage wie sein Frauchen.

Fünf Sekunden später: Plopp.

Sabine Henriette Schwarz “ Stille in der Stadt oder „Ruhe, sonst knallt‘s!“ „


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.