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Spezialthema

Stark und alleinerziehend – Teil 1

Alleinerziehend – hört sich wie ein Stempel an, der imaginär auf die Stirn tätowiert wird. Dabei kann es so schnell gehen. Wie groß die Belastung ist, kann man von außen nur erahnen. Wie schwer die Entscheidungen fallen, ist nicht nachvollziehbar (wir berichteten, wie die Mutter zweier kleiner Söhne diese in eine Pflegefamilie gab, weil sie einfach am Ende ihrer Kraft war). Aber wir können das Leben nachvollziehen, wir können uns erzählen lassen, wie es dazu kam und wie es ist… nur kleine Sprachfetzen und Wortgefechte, die helfen, zu verstehen – für mehr Mitgefühl, für mehr Verständnis und letztlich vielleicht auch für mehr gesellschaftliche Angebote für Väter und Mütter, die einfach alleine dastehen….


Die Umstände in denen ich meine Kinder groß ziehe sind, konkret ausgedrückt, schlecht. Man könnte sie auch mit dem Beitragsbild beschreiben und sagen, da ist Licht und (viel) Schatten.

Ich komme aus einer Familie, in der sowohl Mutter, als auch Großmutter alleinerziehend waren. Ich bin sozusagen die 3. Generation, die ihre Kinder alleine großzieht. In unserer Familie ist das mit dem gegenseitigen unterstützen schwierig bzw. nur bedingt möglich. Zum einen ist meine Oma schon seit einigen Jahren gesundheitlich stark beeinträchtigt und zum anderen ist meine Mutter berufstätig und hat ihr zweites Kind auch alleine großgezogen, da ihr zweiter Ehemann verstorben ist, als meine (Halb)Schwester 5 Jahre alt war. Unser familiäres Netz ist löchrig.

Meine Mutter ist mit mir als Kind viel umgezogen, daher, habe ich in meiner Geburtsstadt (in die ich vor 10 Jahren wieder gezogen bin), nur 2 Jahres meines Lebens verbracht. Als mein Großer ein gutes Jahr alt war, habe ich angefangen freiberuflich in der Erwachsenenbildung als Dozentin zu arbeiten. Damals war ich sehr froh über diesen Job, da der Vater vom Großen von einem Monat auf den anderen Gehaltseinbußen in Kauf nehmen musste wegen der Krise in der Automobilindustrie Ende 2008. Aus meinem löchrigen sozialen Netz aus Kindertagen hat sich auch als Mutter kein stabiles soziales Netz gebildet, da ich von da an immer mindestens 30 Wochenstunden und mehr berufstätig war. Um Kontakte knüpfen zu können braucht es jedoch Zeit. Mein soziales Netz ist daher genauso löchrig wie mein familiäres Netz.

Im Mai 2009 hat sich der Vater von meinem großen Sohn, für mich unerwartet, getrennt. Ich war plötzlich alleinerziehend und damit etwas, was ich niemals hatte sein wollen. Es bewahrheitete sich der Satz: „Sag niemals nie!“ Mit dem Umzug des Kindsvater 2010 in eine über 300 Kilometer weit entfernte Stadt, wurde ich noch „alleinerziehender“, als ich es vorher schon war – Folge, noch löchrigeres familiäres Netz. Erschwerend kam hinzu, dass der Vater unseren Sohn zwar alle 2 Wochen abgeholt hat, was augenscheinlich gut aussieht, mein Großer dafür aber immer über 600 Kilometer (hin und zurück) an einem Wochenende fahren musste. Die Auswirkungen auf die Beziehung zwischen mir und meinem damals 2-jährigen Sohn waren dramatisch. Jedoch habe ich mich nicht getraut, mich zu wehren, da ich Angst hatte mir wird unterstellt, dass ich dem Vater das Kind vorenthalten will. Mein Sohn war damals nach den Wochenenden immer außer Rand und Band, dass war auch im Kindergarten aufgefallen. Ich dachte er ist aggressiv, weil er seinen Vater vermisst. Viele Jahre später, im Sommer 2017 habe ich einen Bericht von einem Kinderpsychologen gelesen, der beschrieb, dass Kinder in dem noch sehr jungen Alter, wie mein Großer damals war, aggressiv reagieren auf die Trennung von der gewohnten Bezugsperson (das war ich) – meine Einschätzung war damals also total falsch. Geholfen hat uns da keiner. Ich habe mich unendlich geschämt, dachte, ich habe versagt und gehofft, dass alles irgendwie vorbeigeht.


Stark und alleinerziehend: Wie du der Erschöpfung entkommst und mutig neue Wege gehst

Wenn ich heute diese Zeit Revue passieren lassen, kann ich sagen, dass ich heillos überfordert war mit Trennung, Berufstätigkeit und Kindererziehung. Hinzu kam, dass ich mich geschämt habe dafür, alleinerziehend geworden zu sein. Die Scham saß tief, dass spüre ich noch heute, denn mir laufen beim Schreiben die Tränen übers Gesicht. Dass ich die Scham darüber alleinerziehend geworden zu sein, überwinden muss und kann, habe ich erst viele Jahre Später (2015) durch das Projekt „Stark und Alleinerziehend“ von Dr. Alexandra Widmer gelernt (wurde im August 2017 leider eingestellt, aber es gibt noch das gleichnamige Buch). Heute kann ich sagen, dass ich zuletzt vor allem durch das Bloggen, die Scham hinter mir lassen konnte. Schreiben hilft.

Nun wäre da noch das Gefühl der Schuld, dass mich viele Jahre begleitet hat und mich auch heute noch manchmal einholt. Ich empfinde Schuld meinen Kindern gegenüber, wenn ich ungeduldig oder grob reagiere, weil in einem Moment alles zu viel ist. Wie sehr wünsche ich mir auch heute noch manchmal, dass jemand da wäre, zu dem ich einfach sagen könnte: „Du ich merke, ich werde ungeduldig, übernimm mal.“ Ich weiß schon, dass auch bei Eltern, die nicht getrennt sind, nicht immer beide zeitgleich anwesend sind. Ich habe erfahren, dass es auch hier Ungeduld und eine gewisse Grobheit gibt. Dennoch haben diese Eltern in manchen Situationen die Möglichkeit mit Bewusstheit gegen zu steuern, weil noch ein zweiter Erwachsener da ist, der dann „übernehmen“ kann. In unserer Familie ist wirklich nie jemand da, durchgängig, seit 9 Jahren. Für diese Zeit, kann ich sagen, dass ich alle Kämpfe, die ich mit meinen Kindern ausgefochten habe, alleine mit ihnen ausgetragen habe. Immer. Das kostet Kraft.

Mein Empfinden der schweren Schuld gegenüber meinen Kindern, hat sich verwandelt in den letzten 2 Jahren. An die Stelle der Schuld ist das Gefühl getreten, dass ich natürlich verantwortlich bin für mein Verhalten, wenn ich nicht richtig reagiere. Jedoch sind die Umstände, in denen ich meine Kinder erziehe so schlecht, dass ich heute freundlicher mit mir umgehen kann, wenn ich merke, dass ich falsch reagiert habe. Ich mache Fehler, leider. Meine Kinder wären es wert, dass ich bei ihnen keine mache und dennoch ist das keine realistische Vorstellung. Ich weiß schon. Ich lerne. Stetig.
Die Gesellschaft möchte selbstverständlich, dass es allen Kindern gut geht. Ob der richtige Weg dahin die Anzeige beim Jugendamt ist? Was meint Ihr?

Ich hatte vor einigen Jahren einen Nachbarn, der mich zwei Mal beim Jugendamt angezeigt hat. Er hat es mir sogar vorher angekündigt, weil er der Meinung war, dass ein Kind nicht angeschrien werden soll. Da hat er natürlich zu 100 % recht. Es gab aber viele Situationen, in denen ich einfach überfordert war in der Zeit nach der Trennung. Vor allem auch deshalb, weil ich wenige Monate später 3 Mal operiert werden musste und alleine war mit einem 2-Jährigen und einer über Monate offenen Wunde. Mir wurde keinerlei Hilfe für zu Hause angeboten im Krankenhaus. Da half auch nicht der Gang in die Erziehungsberatungsstelle. Überfordert zu Hause bleibt überfordert zu Hause, wenn es keine Hilfe gibt. Da bräuchte es ein Hilfesystem, dass sofort greift. Jedoch haben wir ein System, dass erst eingreift, wenn die Kinder schon schwer geschädigt sind (z. B. verwahrlost, verhaltensauffällig usw.). VORHER gibt es KEINE Hilfe.
In unserem Gesundheitssystem wird Prävention ganz großgeschrieben, in der Familienhilfe gibt es leider nur Schadensbegrenzung.

Ich bin ein verständnisvoller Mensch, daher konnte ich den Nachbarn sogar verstehen, dass er das Jugendamt verständigt hat. Er wusste ja nicht, dass es meinem Sohn ansonsten, gut geht. Als mich dieser besagte Mann jedoch danach nochmals dem Jugendamt meldete, habe ich meinerseits bei der Polizei Anzeige erstattet. Meiner Meinung nach musste sich der Nachbar damit zufriedengeben, dass das Jugendamt einmal unangekündigt vor meiner Haustüre stand und bei diesem Besuch alles für gut befunden hatte. In der Fachsprache ausgedrückt also keine Kindeswohlgefährdung vorlag. Zu der Anzeige gegen meinen Nachbarn wäre es jedoch fast nicht gekommen, da sich der diensthabende Polizist erst einmal geweigert hat, diese aufzunehmen mit der Begründung, dass man ja Bürger, die ihre Pflicht tun, nicht anzeigen könne. Müttern und natürlich auch Väter in schwierigen Lebenslagen ist jedoch auch nicht damit geholfen, ihnen ihr Fehlverhalten gebetsmühlenartig vorzuhalten. Viel mehr wäre Unterstützung notwendig, die es jedoch weder in der Familienhilfe beim Jugendamt gibt, noch gesellschaftlich. Der Nachbar hätte mir ja auch seine Unterstützung anbieten können, er war Rentner. Mein Sohn hätte sich sicher über einen „Leihopa“ gefreut, da sein eigener sehr weit weg wohnte und mittlerweile verstorben ist. Das gesellschaftliche Netz ist also auch löchrig. Als Alleinerziehende/r kann man nicht automatisch auf Hilfe hoffen.

In diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, dass Eltern, die zusammenleben eine größere Akzeptanz in der Gesellschaft genießen was Fehler angeht. Meine Mutter hatte Nachbarn, da lebten 2 Generationen unter einem Dach, die Großeltern unten, die Kinder und Enkel oben. An einem Sommertag habe ich einmal folgenden Dialog unfreiwillig mit angehört (Fenster und Türen sind zu dieser Jahreszeit ja offen): „Und wenn Du jetzt noch weinst, bekommst Du noch eine.“ Der Vater (Sozialpädagoge) hatte sein Kind anscheinend nicht zum ersten Mal gehauen und mein Eindruck war, dass in diesem Fall alle Augen zugedrückt werden, während sie bei mir als alleinerziehender Mutter immer besonders aufgerissen wurden.

Eine Sache, die meinem Leben viel Sicherheit geben würde, wäre ein unbefristeter Arbeitsvertrag. Stattdessen arbeite ich seit 2008 freiberuflich oder befristet in der Erwachsenenbildung. Das berufliche und damit finanzielle Netz ist auch sehr löchrig.

Minus + Minus + Minus gibt in diesem Fall leider nicht Plus. Wir haben nie 100 % Einfluss auf eine Situation und daher bin ich auch „nur“ die Mutter, die ich aufgrund der schwierigen Umstände sein kann. Ich weiß, dass ich eine andere Mutter gewesen wäre, wenn das familiäre, gesellschaftliche, berufliche und finanzielle Netz stabiler wären.

Was übrig bleibt ist meine Hartnäckigkeit in der Hinsicht, dass ich mich nicht mit den schlechten Umständen abfinden will, gepaart mit dem Willen, die Kindheit meiner Jungs liebevoll zu begleiten trotz aller Schwierigkeiten. Mir persönlich ist ganz sehr bewusst, dass ich die Zeit mit meinen Kindern später nicht nachholen kann. Wir leben JETZT und es gibt die berührenden, zärtlichen, lustigen Momente in unserer Drei-Familie (Wortkreation vom Kleinen), die ich mir bewahren werde in meinem Herzen, denn darauf habe ich zu 100 % Einfluss. Die aktuellste „Liebeserklärung“ von meinem kleinen Sohn lautete: „Mama, is hab dis feierlieb.“ Ich habe meine Jungs auch unendlich lieb und dennoch würde ich mir wesentlich einfachere Umstände wünschen und daher trete ich immer mehr dafür ein…

(Danke, Mamastreikt)

 


Stark und alleinerziehend: Wie du der Erschöpfung entkommst und mutig neue Wege gehst


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