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Kolumnen

Sport und Stuhl oder die Popo-Explosion

Es gibt manchmal Momente, da muss man die guten Vorsätze für das neue Jahr wenigstens in Teilen (mitunter auch in Miniteilen) angehen. Mein Vorsatz für dieses Jahr lautete: mehr Sport.

Sport ist immer gut, verbessert die Kondition und kann nach einem neuen Menschenkind, was entschlüpft ist, nicht schaden. Nach vier Monaten, wo es einfach immer irgendetwas Wichtigeres zu tun gab, war es dann endlich soweit. Ich hielt meine neue Chipkarte in den Händen, die mir fortan die Welt zu straffen Körperproportionen, aktiver, genutzter Muskulatur (ok, der Babytragearm ist bereits aktiv und fit wie nie, aber dafür lässt sich die andere Hälfte ganz schön hängen) und stählerner Leistungsfähigkeit eröffnen sollte. Sie tat es, wenngleich die Zeiten meiner Aktivität stark reglementiert waren und streng einem vierzig Minuten Plan folgen mussten. Mehr war dem kleinen Menschenkind trotz liebevollster Kinderbetreuung nicht zuzumuten. Dementsprechend war die Planung bis der Fuß den Crosstrainer berühren durfte ein ausgeklügeltes System aus: Sportsachen bereits zu Hause anziehen (denn wenn Menschenkind noch in Umkleide warten müsste, wäre die Sache sowieso gelaufen. Ich sage nur: Haare föhnende weibliche Athleten, die mächtigen Unmut herauf beschwören), Essen, Trinken, frische Sachen, Deo und das ganze andere Zeugs einpacken, Frühstück, noch einmal ein frischer Po fürs Kind, Kind in Wagen, Wagen in Straßenbahn, voraussichtliche Ankunftszeit beim Empfangstresen zehn Uhr fünfzehn, eine ganz ruhige Übergabe des Kindes ohne jede Form von Hektik bis zehn Uhr dreißig. Dann: aus der Kinderbetreuung rennen, Turnschuhe „nebenbei“ anziehen und los, damit es wirklich vierzig Minuten werden dürfen. Nur so der Form halber, um es zu vervollständigen…  elf Uhr fünfzehn hätte ich die Maus abgeholt, um dann gegen zwölf zum Mittagsbrei wieder pünktlich heimische Gefilde zu erreichen.  Ja, hätte, Konjuktiv II des Verbs >haben< oder anders formuliert: es kam alles anders als gedacht, denn…

Ich bin mit dem Auto in die Stadt gefahren, lief mit der Maus einmal quer durch den Stadtfestwahnsinn, erreichte wohlbehalten den Empfangstresen, stellte gerade meine Schuhe bereit als mich die sehr, sehr dicken Augen meines kleinen  Menschenkindes ansahen. Es presste. Nicht schlimm, dachte ich noch, bevor es sich laut und übelriechend auf meinem Arm erleichterte. Ich kramte in der Tasche und aaaahhh`, die Wickeltasche lag noch im Auto. (Alle gut organisierten Mütter werden jetzt mit den Augen rollen, aber ich neige manchmal zu einem Hauch Vergesslichkeit.) Was tun? Ok, in einer Kinderbetreuung wird es bestimmt was zum Wickeln geben, oder? Oder nein. „Leider dürfen wir nicht wickeln und haben auch gar nichts hier.“ Sagte die supernette Brünette, was uns leider keinen Schritt weiter brachte. „Aber warum hast Du denn nichts mit?“ fragte sie. Ja, warum hatte ich denn nichts mit? Weil es im Auto lag, das Auto im Parkhaus stand und weil das Parkhaus weit weg war… deshalb hatte ich nichts mit. Ist doch ganz klar oder?

Okay, Plan B. Ein Drogeriemarkt mit Wickelplatz in der Nähe.

Kurze Zeit später stehe ich mit meinen Sportklamotten, der Tasche und dem Lieblingsstinker auf der Rolltreppe, die zum begehrten, gut ausgestatteten Wickelplatz führt. Sportlich noch hochmotiviert ziehe ich den Stinker aus, um nach der neuen Reinheit und Frische wieder zurück zu gehen. Aber als ich Hose und Body entferne, sehe ich, dass allein die bunte Baumwolle das komplette Elend verhindert hat. Alles voller Kacke. (Verzeihung, das liest sich jetzt nicht schön, aber es war nicht schön und tatsächlich klebte es an Rücken, Bauch und Beinen braungrünbeige.)

Also alles ausziehen und bitte die Kacke nicht noch in die Kinderhaare schmieren; macht sich doch prima, wenn die anderen Drogeriebesucher teils amüsiert teils angeekelt vorbei laufen. Zum Schluss sitzt das Baby nackt mit seinen einigermaßen gereinigten Fettfalten und kleinen Wurstbeinchen da. Windeln sind da, aber keine Creme. Ich schaue verzweifelt umher und überlege gerade, ob ich mit dem Nackedei einmal quer durch den Markt zum Babypopocremeregal laufen soll. Aber was ist, wenn ich dann auf dem Weg auch noch angekackt werde? Angekackt zum Sport geht gar nicht. Zum Glück hilft eine nette Dame, die meinen Blick zu deuten weiß und macht sich auf die Suche (ich danke aus tiefstem Herzen). Creme auf den Po, Windel zu, Affe tot. Nun sitzt das Menschenkind aber leider nackt da, was bei den jetzigen Temperaturen ein wenig vermessen ist.  Zu diesem Zeitpunkt ist mir übrigens gar nicht mehr nach Sport, mir ist warm, ich schwitze und säße jetzt gern mit einem angezogenen Kind auf einer von Menschen wenig frequentierten Wiese. Also gut, Kind mit Windel schnappen und zum überschaubaren Klamottenregal. Ja, verehrter Herr, mein Baby ist nackt. Nein, das muss nicht so sein. Aber ich versuche es gerade zu ändern….. Hastig suche ich nach der Kindergröße, die wie vom Erdboden verschwunden ist.  Tatsächlich gibt es einen Body nur eine Nummer zu klein und eine Hose, ebenfalls ein wenig eng und kurz. Puh, geschafft. Das liebe kleine Baby sieht jetzt zwar aus wie Wurst mit Pelle, aber immerhin, es ist angezogen.

Ich zahle, antworte artig als mich die Kassiererin nach den Klamotten zu den einzelnen Preisschildern fragt, gehe zurück durch den Stadtfestwahnsinn und fahre ohne Sport nach Hause. Sport ist auch überbewertet, oder?

Sport und Stuhl oder die Popo-Explosion von Sabine Henriette Schwarz


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