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Auf den Spielplatz , fertig, los!

Das Kind „hat Hummeln im Hintern“ und will sich austoben. Da wird der Ruf nach einem geeigneten und wirklich schönen, passenden Spielplatz schnell laut. Oft einfacher gesagt als getan. Denn neben Kriterien wie sauber, ordentlich oder gut erreichbar, sollte er im besten Fall auch die Fantasie anregen und zu Abenteuern einladen.

Übrigens: nach unserer Info soll es – rein theoretisch – auf 1000 Einwohner einen Spielplatz geben, d.h. Ende 2014 gab es 539 039 Einwohner in Leipzig. Nach einer Mitteilung der Stadt stehen in Leipzig leider nur 417 Anlagen zur Verfügung, davon sind 297 öffentlich. Die restlichen 120 Spielplätze werden in kommunalen Kleingartenanlagen von den Vereinen betreut. Da wäre also noch ein wenig Luft nach oben, auch wenn die Info, dass in den kommenden vier Jahren 1,78 Millionen investiert werden für die „Auffrischung“ bestehender Spielplätze, durchaus erfreulich ist.

Spielplatz-Designer Günter Beltzig*  will Abenteuer und Matsch statt Schaukeln

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(Günter Beltzig ist ein deutscher Designer, der in den 60er-Jahren vor allem durch neues Design von Kunststoffmöbeln bekannt wurde. Seit 1977 entwirft er Spielgeräte und Erlebnisflächen für Kinder.)
Spielplatz-Designer Günter Beltzig ist bei seiner Beurteilung von Spielplätzen sogar noch radikaler. Seiner Meinung nach sollten Rutschen und Schaukeln verbannt werden. Sie sind reine Sportgeräte, die einen bestimmten Zweck haben, d.h. die Rutsche ist zum Rutschen, aber eben auch nicht zu mehr zu gebrauchen. Auf der Schaukel wird geschaukelt, aber auch dort ist nicht mehr rauszuholen. Zudem fördern diese Spiel- und Sportgeräte den Streit. Natürlich kann immer nur ein Kind schaukeln und zumeist ist das Alphakind Herr über den Kletterelefanten oder das Trampolin. Alle anderen Kids stehen wartend, missmutig oder gar weinend daneben.
Für Günther Beltzig braucht es deshalb mehr „Fantasieelemente“, die alles sein können zum Beispiel: Hügel, Höhlen, Wasserpfützen, die dann je nach Wunsch zum Meer, zum Schloss, zum Piratenschiff oder zum Land der Riesen werden. Seiner Meinung nach können Kinder überall spielen und der Wald steht auf ihrer Wunschliste nach spannenden Orten ganz weit vorn. Sie spielen aber auch im Supermarkt, in der heimischen Küche oder profan auf der Straße zwischen den Autos. Lediglich die Erwachsenen wollen gern einen für die Kinder sicheren, geschlossenen Raum, damit die Gefahren überschaubar bleiben und das Spielen in bestimmten Grenzen erfolgt. Beltzig ist deshalb für möglichst wilde, einladende Plätze, die vielleicht für den einen oder anderen unfertig aussehen

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Und die Sicherheit?

Seiner Meinung nach muss es ein wenig Gefahr geben, sonst ist es langweilig. Die Regeln und Normen hatten nämlich nicht unbedingt weniger Unfälle zur Folge. So gibt es zum Beispiel die Regel, dass Klettergeräte ab einer bestimmten Höhe einen Handlauf brauchen. Nur halten sich die Kinder daran nicht fest. Sie klettern darauf und fallen womöglich noch tiefer. Deshalb sind diese Normen heute nur noch Empfehlungen. Für Beltzig ist es viel wichtiger und zielführender, wenn Kinder die Gefahren richtig einschätzen können, um dann entsprechend zu reagieren. So ist eine Strickleiter gar kein Problem, denn man weiß, dass es wackelt und dass man sich gut festhalten muss. Eine stabil aussehende Leiter, die dann aber doch nicht richtig fest montiert wurde, ist in diesem Fall wesentlich gefährlicher.

Und die Sauberkeit?

Da gibt es einen großen Unterschied zwischen den Wünschen der Kinder und denen der Eltern, Großeltern, Nachbarn und Anwohner. Die ersten machen sich gern schmutzig. Matsch ist prima. Die Letzteren wollen möglichst Materialien, wie Gummi oder Plastik und das Umfeld soll so aufgeräumt und sauber wie möglich sein. Auch Eltern sind nicht immer begeistert, wenn das Kind wie ein Wildschweinchen aussieht, deshalb gilt hier, Kompromisse zu finden. Einfach ist es aber nicht.

Wie sieht es mit den Spielplätzen im europäischen Vergleich aus?

Laut dem „Spiel-Institut“, einer wissenschaftlichen Einrichtung des dänischen Spielgeräteentwicklers und –produzenten Kompan, weiß man sehr genau, welchen Platz Deutschland bei Spielflächenanzahl, -größe und –budget im Verhältnis zu Bruttoinlandsprodukt und Bevölkerungsdichte einnimmt: leider ist es nie besser als Platz 36.

Und beim Thema Kinderorientierung sieht es noch schlechter aus, denn in dieser Kategorie belegt Deutschland innerhalb der westeuropäischen Industrienationen den letzten Platz. Grund dafür ist, dass die Spielflächen in Deutschland überwiegend nicht den aktuellen Bedürfnissen der Kinder  entsprechen. Nach Aussagen des Unternehmens wird der Anteil von nicht zielgruppenorientierten und vermeidbar unterhaltskostenträchtigen Spielflächen in Deutschland auf etwa 65 bis 70 Prozent geschätzt.

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„Deutschland ein kinderfeindliches Land. Nach wie vor bekommen wir die Defizite um die Entwicklung des Menschen bis zum Erwachsenenalter nicht in den Griff: Ob mütterfeindliche Arbeitsplätze, Kinderbetreuung, Schulbildung, Spielflächen, Jugendzentren, Sportanlagen etc.: Unsere Leistungsgesellschaft will mit Kindern möglichst wenig zu tun haben. Was man von Kindern will, ist ihr Taschengeld. Dann ist aber auch Schluss. Und diese Einstellung projiziert sich hinein in die Einzelthemen wie Spielflächenbudget, Betrieb von Jugendzentren usw. Ich meine, es wäre in Deutschland dringend Zeit für die Gründung einer Kinderpartei, um den Kindern, ähnlich wie in den skandinavischen Ländern, endlich eine feste Lobby zu geben.“ Uwe Lersch, Spielflächenplaner

 

Für jeden das seine!
Alterskategorien für Spielplätze, damit es weder über- noch unterfordert

0-3 Jahre:

Wie auch in der Kita oder bei der Tagesmutter, Kinder von 0-3 Jahren brauchen einen gesonderten, abgetrennten Bereich, da sie motorisch noch nicht so weit entwickelt und auch wenig orientierungsfähig sind. D.h. die Spielgeräte müssen dieser Entwicklung durch Fallhöhen unter 60 cm, durch flache Stufen, idealerweise mit Haltegriffen, kurzen Rutschabgängen oder durch eine dezidierte farbliche Abstimmung, Rechnung tragen. Auch Federgeräte sind für diese Altersklasse deutlich gedämpft.

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2-6 Jahre:
Für Kinder in diesem Alter sollte es eine gesunde Mischung aus statischen und dynamischen Spielgeräten geben. Klettergerüste, die die kognitive Entwicklung fördern, sind deshalb genauso gut und wichtig, wie Spielgeräte, die mit eigener Körperkraft in Bewegung gesetzt werden können. Egal wie beweglich alles ist, eine mittlere Fallhöhe von 1,50m – 2,20 ist wichtig, ebenso eine ausdrucksstarke Formensprache.

6-12 Jahre:
Körperbetonte Herausforderungen, intelligente Aktivitätssysteme, die unterschiedliche Ansprüche an Kraft und Bewegung kombinieren, vielschichtige Aufbauten, die auch für Kinder möglich sind, denen es schwerer fällt – so sieht der ideale Spielplatz für ältere Kinder aus und…
…spielen auf Spielplätzen hört nicht mit 12 Jahren auf. Die allgemeine Ablehnung von Jugendlichen auf Spielplätzen schätzen Experten als bedenklich ein. Denn gerade komplexe Kletterherausforderungen und intelligente Spielsysteme sind in den westeuropäischen Nachbarländern beispielsweise in Jugendtreffpunkten „der Renner“. Ein Angebot für 12 – 16-jährige wäre also durchaus wünschenswert.

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(Quelle: http://blog.spielplatztreff.de, http://www.aba-fachverband.org)

Musterbeispiele an Kreativität und Schönheit
Warum geht das in Skandinavien und bei uns so selten?

Schade, wirklich schade. Wenn man sich die kreativsten und sichersten Spielplätze anschaut, sind die Skandinavier (mal wieder) Meilen voraus und an der Spitzenposition. Holz und Fantasie bestimmen dabei alle Konstruktionen, die im Übrigen keineswegs die Stadtteile „verschandeln“. Sie bereichern, sind hübsch anzuschauen und laden in der Tat auch Eltern und Großeltern in ihrem Ambiente ein, auf den Bänken ringsumher Platz zu nehmen.

Wir fragen uns, was daran so schwer ist und haben leider keine Antwort. Vielleicht müssten sich einfach mehr Eltern schöne Spielmöglichkeiten für ihre Kinder wünschen und den Stadtplanern sollte der Blick für das Wesentliche nicht verloren gehen – denn: Kinder sind wesentlich!

Die Türme von Kopenhagen:

Die Kinder klettern auf fünf charakteristischen Türme der dänischen Hauptstadt, getragen wird die Konstruktion von Holz und dicken Seilen. Ringsumher gibt es Bäume und Sträucher.

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Ein Hechtspielplatz in Stockholm

Umgeben von Holzsäulen, die Algen darstellen, wartet der Hecht mit einer großen Kletterwand auf seinem Rücken und mit einer Rutsche auf dem Fischschwanz auf seine Gäste.

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Ein Wal in Göteborg

Wie fühlt man sich wohl, wenn man von einem Wal verschluckt wird? Hier kann man es erfahren und man sieht auch, wie großzügig der Platz angelegt ist.

Göteborg

(Quellen: http://greenspired.de, Fotos: www.pinterest.com, www.winwingroup.com.hk)

Jeder kann etwas tun – eine Vorstellung der Fanta Spielplatz-Initiative

Sich für Deutschlands Spielplätze stark machen – das ist das Leitbild der Initiative. Denn was gibt es Schöneres und Wichtigeres für die Kleinen als Klettern, Toben, Buddeln?… Die Fanta Spielplatz-Initiative stellt das freie, kreative Spielen in den Vordergrund. Einfache, aber sinnvolle Raumkonzepte sollen der kindlichen Fantasie Freiraum lassen und die Kreativität der Kleinsten fördern. Denn das Spielen macht nicht nur Spaß, sondern fördert die sozialen, kognitiven und motorischen Fähigkeiten der Kinder.

Vielgestaltige Erfahrungen vor ästhetischen Ansprüchen der Erwachsenen

„Ein guter Spielplatz muss vielgestaltige Erfahrungen und Bewegung bieten, anstatt den ästhetischen Ansprüchen von Erwachsenen gerecht zu werden“, weiß Holger Hofmann, Spielraumexperte und Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes. „Er zeichnet sich nicht durch kostenintensive Gerätelandschaften aus.“

Veraltete Spielplätze mit standardisierten Spielgeräten

Bedauerlicherweise fehlt es vielen Kindern an Raum zum Spielen. In Städten bleibt dann nur der öffentliche Spielplatz, der leider zu oft nicht besonders kreativ ist. Genau dort möchte die Fanta Spielplatz- Initiative ansetzen. Fanta setzt sich gemeinsam mit dem Deutschen Kinderhilfswerk für Spaß, Spiel und für die Unbeschwertheit der Kids ein. Mehr als 300 Spielplätze konnten bereits kreativ aufgewertet werden und auch 2015 geht es weiter: „100 Spielplätze in 100 Tagen“, unter diesem Motto werden wieder 100 sanierungsbedürftige Spielplätze gefördert.

Darum geht’s: die acht Leitlinien für kreative Spielplätze – von den Experten der Fanta Spielplatz-Initiative (Quelle: http://spielplatzinitiative.fanta.de/uber-die-initiative/)

  1. Kinder mitreden lassen
    Wer, wenn nicht die Kinder selbst, weiß besser, was ihnen beim Spielen Spaß bereitet?
  2. Natur als Vorbild nutzen
    Eine naturnahe Raumgliederung mit Hügeln, Büschen und Gehölz macht einen Spielplatz unübersichtlich – und damit umso spannender und anregender für Kinder.
  3. Rückzugsorte schaffen
    Wer viel spielt, braucht auch mal eine Pause. Nischen, kleine Verschläge oder versteckte Netzbänke, aus denen man aber dennoch das Treiben auf dem Spielplatz verfolgen kann, sind tolle Rückzugsorte.
  4. Raum für eigene Ideen anbieten
    Mit Wasser matschen, auf Stämmen balancieren: Vielfältige Nutzungsmöglichkeiten von Spielelementen fordern Kinder heraus, zu experimentieren und fördern die Kreativität.
  5. Fantasieanregende Vielfalt
    Unterschiedliche Elemente in Kombination wie Stämme, Steine oder Sand regen die Fantasie an und trainieren die Geschicklichkeit.
  6. Treffpunkte schaffen
    Ein Ort, an dem alle Kinder jeden Alters zusammenkommen können, schafft Platz zum Austausch und zum voneinander Lernen.
  7. Sinn für Natur wecken
    Fühlen, Riechen, Sehen, Hören: Naturnahe Elemente wie Bäume, Hügel und Wasserstellen bieten jede Menge Eindrücke, die die Sinne der Kinder nachhaltig schulen.
  8. Bestehendes sinnvoll ergänzen
    Klassiker wie Wippe oder Sandkasten bringen vielen Kindern Spaß. Um freies und kreatives Spielen zu fördern, bedarf es jedoch etwas mehr: Schon unebene Baumstämme, Gehölz oder große Steine bieten Abwechslung und Raum fürs „Selbermachen“.

Die Bewerbungsphase für 2015 und aufzupeppende Spielplätze ist leider vorbei. Aber sicher gibt es auch im nächsten Jahr wieder Projekte, die es mehr als wert sind.

!Hier geht’s zur Spielplatzübersicht in Leipzig!

 


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