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Osteopathie – Hilfe bei kleinen Sorgenkindern?

Osteopathie ist in aller Munde, auch für Babys und Kinder. Die ganzheitliche Medizin, die nur mit den Händen ausgeführt wird, hat viele Anhänger und wird immer beliebter. Aber was bedeutet sie überhaupt und wann kann sie erfolgreich angewendet werden?

Zu den grundlegenden Annahmen der Osteopathie gehört, dass der Körper als Funktionseinheit zu betrachten ist.  Nach Andrew Taylor Still (amerikanischer Urvater und Arzt) hängen alle Körperfunktionen von der Ver- und Entsorgung vom Gefäß- und Nervensystem ab. Arterienverkalkung, blockierte Gelenke oder verspannte Muskeln können die Versorgung des Körpers behindern und so zu Problemen führen. Diesen Problemen versucht der Ostheopath entgegen zu wirken, indem er Grundspannung von Muskeln, Knochen und Gelenken feststellt, gestörte Funktionen erkennt und ihnen entgegen wirkt.

Hilfe für kleine Sorgenkinder?

Ob bei nächtelangem Schreien und Schlafstörungen, bei Wachstumsschmerzen, Beckenschiefstand oder Zahnregulierungen, auffälligem Verhalten oder Schielen – kann da die Osteopathie wirklich helfen? „Die Erklärungen, wie Osteopathie funktioniert, muten leider manchmal noch primitiv und populäresoterisch an“, sagt Torsten Liem, erfahrener Kinderosteopath aus Hamburg und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderosteopathie (DGKO).

Dabei sind die Grundlagen der Osteopathie sehr real und komplex: Sie orientiert sich exakt an der Anatomie, Physiologie und Biochemie des Menschen, studiert detailgenau Blut- und Nervenbahnen, Gewebe und Muskeln, Skelett und Organe, wie sie aufgebaut sind, wie sie funktionieren. Und vor allem: wie durch Bindegewebe und Flüssigkeiten alles in unserem Körper miteinander in Verbindung steht. Blut und Co. reichen dabei in jede Zelle und versorgen sie so mit Nährstoffen, so dass alle ihren Dienst verrichten können. Nur so wird unser Körper gesund und am Leben gehalten. Immer wieder aber kommt es vor, so sagen Osteopathen, dass Fluss und Bewegung beeinträchtigt werden, beispielsweise durch eingeengte Nerven. Das kann natürlich auch bei Babys der Fall sein.

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„Bei Kindern scheinen Blockaden sehr oft bei schweren Geburten oder Geburtskomplikationen zu entstehen“, erklärt Torsten Liem. Der Körper – stets darauf bedacht, gesund zu bleiben – versucht dann, die Störung auszugleichen: Andere Stellen müssen die ausgefallene Funktion mit übernehmen. Das endet oft in Überlastungen, die über Kettenreaktionen an ganz unterschiedlichen Punkten Beschwerden auslösen können. „Am häufigsten kommen Babys mit Schädelasymmetrien, Entwicklungs-, Schlaf- und Verdauungsstörungen, Ohrenbeschwerden und übermäßigem Weinen und Schreien in unsere Praxis“, zählt Liem auf.

Drei Mütter berichten zu ihren Babys:

„Karl war ein paar Wochen alt als wir feststellten, dass er seinen Kopf kaum nach rechts drehen konnte und sich einseitig platt lag“, erzählt seine Mutter Vera. „Nachts hat er geschrien und wir konnten ihn kaum beruhigen. Der Osteopath hat dann eine Schädelasymmetrie durch Rotationseinschränkungen diagnostiziert und erspürte Gewebeveränderungen, die auf Störungen hinwiesen. Bei Karl waren es Blockaden an der Wirbelsäule. Schon nach kurzer Zeit konnte Karl seinen Kopf weiter drehen und auch die Nächte wurden ruhiger.“

Sophie wiederum verweigerte mit ihren vier Monaten rigoros die Bauchlage und auch beim Babyschwimmen waren keine Übungen auf dem Bauch möglich. „Sie schrie und wehrte sich nach Leibeskräften.“ so ihre Mutter Antje, die dann zum Osteopath von der Leiterin des Schwimmkurses geschickt wurde. Becken und Kreuzband wurden befühlt,  ertastet und vorsichtig behandelt. „Bereits kurze Zeit danach konnte ich Sophie auf meinen Knien auf den Bauch legen. Sie mochte es zwar nicht besonders, aber mit ein wenig Übung war es irgendwann ganz selbstverständlich.“

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Auch Katja hat ihre Erfahrungen. Mit ihrem zweijährigen Sohn hat sie bei verschiedenen Ärzten Hilfe gesucht, denn Max ist immer unruhig und hat oft Gleichgewichtsprobleme. Kein Arzt bis hin zum Neurologen und Genexperten konnte den Grund dafür finden. Der Osteopath, empfohlen von einer Hebamme, diagnostizierte nun eine Verhärtung im hinteren Schädelbereich…

Aber laut Torsten Liem: „Erwartungen, dass sich Beschwerden einfach so in Luft auflösen, wären aus meiner Sicht überzogen“. In der Tat kann die Osteopathie sehr sanft wirkungsvoll Gesundungsprozesse einleiten und gerade bei Kindern oft schnelle Heilungsreaktionen erzielen. Denn: Blockaden haben sich bei ihnen noch nicht lange festgesetzt, die Gewebe und Organe sind noch nicht fertig geformt und sprechen selbst auf behutsamste Impulse leicht an.

Wir fragen weiter nach zur Osteopathie bei Säuglingen – Jörn Birkenmeier, Praxis für Physiotherapie & Osteopathie Pro Salus, Leipzig: „Babys sollten nicht wie sterile Porzellanvasen behandelt werden“

Warum können Osteopathische Behandlungstechniken bei Säuglingen notwendig sein?

Im Mutterleib ist während der embryonalen Entwicklung nicht wirklich viel Platz. Die Kinder verdrängen im Bauch nicht nur die Organe der Mutter sondern können sogar auf den Ischias oder andere Nerven drücken. Weiterhin können sogar Blutgefäße verengt werden. So das auch einige Mütter geschwollene Beine und Füße bekommen (Hinweis der Red.: Schwangerenosteopathie kann helfen)

Eine Folge kann sein, dass durch die mütterliche natürliche Enge im Bauch einzelne Strukturen wie beipielsweise der Schädelknochen des Kindes komprimiert werden. Weiterhin sind leichte Achsenabweichungen an Gelenken wie Hüfte, Knie oder Füßen möglich.

Natürlich kommt es beim eigentlichen Geburtsprozess auch zu großen Spannungsunterschieden. Hierbei kann der Schädel des Babys, ebenso wie schon vorab im Mutterleib, zusammengedrückt werden. Diese Vorgänge sind aber normal und haben meistens keine negativen Nachwirkungen, da sich die Systeme nach der Geburt wieder entfalten und selbst regulieren

In einigen Fällen jedoch „verhaken“ sich einzelne der 120 Knochengelenke oder 29 Schädelknochen untereinander. Folgen können Kopfasymmetrien mit z.B. abgeflachter Schädelbasis,  unterschiedlich großen Augen oder unterschiedlich hohe Ohren sein. Andere Funktionsstörungen können durch eingeklemmte Nerven entstehen, wie z.B. Saug- und Schluckstörungen, Verdauungsprobleme mit Hartleibigkeit, schiefe Hals- / Kopf- / Körperhaltung, Schrei- und Speikinder. Den meisten Babys geht es allerdings nach der Geburt sehr gut.

Auf welche Warnsignale sollten Eltern bei ihrem Baby achten?
Ein gesundes Baby kann sich frei bewegen. D.h. es nimmt keine einseitigen Körperhaltungen ein und ist nicht übermäßig schreckhaft, krampft nicht und schreit nur, wenn Grundbedürfnisse wie saubere Windeln oder Nahrung fehlen.
Liegt Ihr Baby also viel in C Form, schreit stundenlang, saugt/trinkt schlecht und füllt die Windeln über einen längeren Zeitraum nicht täglich mit großen Geschäften, sollte eine Fachkraft konsultiert werden. Beim Erkennen o.g. Probleme helfen Ihnen Ihr Kinderarzt, Ihre Hebamme oder Ihr Osteopath.

Der kleine menschliche Körper ist ein komplexes System, was braucht es Ihrer Meinung nach für eine gesunde Entwicklung?

Wir stellen häufig fest, dass Babys wie „sterile Porzellanvasen“ behandelt werden.
Das regelmäßige desinfizieren, sterilisieren und überreinigen der Kinder führt häufig nicht nur zu einer Schwächung des Immunsystems sondern führt auch zu einem unnötigen Kontakt mit Chemikalien, die auch in Badezusätzen, Feuchttüchern  Pflegemitteln und Fertigbabynahrung enthalten sind. Als Folge davon treten immer früher immer mehr Allergien und Unverträglichkeiten auf.
Zur Stärkung des Immunsystems ist frische Nahrung und der Kontakt mit frischer Luft beim Spaziergang und im Schlafzimmer täglich mehrere Stunden empfohlen. Einseitige Dauerlagerungen wie die permanente Rückenlage sind unnatürlich und können zu Abflachungen der Schädelbasis und damit zu Folgeschäden führen. Die beaufsichtigte Bauch- und Seitenlage sollte daher möglichst häufig durchgeführt werden.

Woher weiß ich, welcher Osteopath qualifiziert ist um Kinder zu behandeln?

Prinzipiell erlernen alle Osteopathen während es Grundstudiums Basiswissen zur Behandlung von Kindern. Allerdings gibt es Zusatzweiterbildungen die zur Qualifizierung  der Kinderosteopathie führen. Dabei handelt es sich um Schulungen die postgradual über min 152 Unterrichtseinheiten über 2 Jahre stattfinden. Diese Osteopathen erkennen sie an einem Kinderlogo und sie werden z. B. beim VOD (Verband deutscher Osteopathen) gelistet.


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Jörn Birkenmeier
Praxis für Physiotherapie & Osteopathie Pro Salus
www.ihre-physiotherapie-leipzig.de

Osteopathie ist eine Möglichkeit, die den Eltern und Kindern zur Verfügung steht. Dennoch ist der Erfolg einer Behandlung nicht nur vom guten Osteopathen abhängig. So betont Torsten Liem:

Wir müssen immer die Möglichkeiten der Osteopathie, das Heilpotential des Kindes, die Erwartungen der Eltern sowie ihre eigene Verantwortung und Mitarbeit abwägen

Eltern sollten ihre Babys beispielsweise auf den Besuch mit Berührungen vorbereiten, auch regelmäßige Übungen können notwendig sein. Hier gilt wie so oft, nur im Zusammenhang aller Elemente und Einflüsse ist eine positive Entwicklung und ein gesunder Körper möglich.

Mehr Informationen:

Kinderosteopathie: Sanfte Berührung in der ersten Lebensjahren


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