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Das Sorgenmonster im Kopf oder einfach – Entspann dich!

Eigentlich ist es bereits vor mir wach. Ich schlage noch im Halbdunkel des Schlafzimmers die Augen auf, erinnere mich in Bruchstücken an meinen letzten Traum und habe aktuell Glück, wenn ich nicht von angeketteten Gefangenen oder von meinen verschwundenen Kindern geträumt habe. Aber auch ohne Alptraum, spätestens nach 10 Minuten dösen, hat es mich fest im Griff: Das Sorgenmonster in meinem Kopf. Was wird der Tag bringen? Wie wird das Wetter? Habe ich die richtigen Sachen rausgesucht? Werden sie frieren an diesem matschgrauen Tag? Und vor allem, wie wird sich meine Kleine heute bei der Eingewöhnung schlagen? Ja, wir sind in der Eingewöhnungsphase und inzwischen bin ich sehr sensibel. Bitte, keine Tränen mehr. Keine Hiobsbotschaften in der Art, dass die Maus nichts isst oder nicht mehr zum Mittagsschlaf da bleiben soll. Sie weint und stört. Ich bin bestürzt…  Bestürzt wie bestürzt der Drops ist. Es ist zum Haare raufen. Eigentlich will ich sie gar nicht abgeben. Uneigentlich muss ich, denn die Fron ruft.

Ehrlich, ich versuche ruhig zu sein. Der Helikopterfront fern zu bleiben. Sie sollen einfach machen. Rennen, toben, klettern, sich ausprobieren. Sie dürfen auch fallen oder kopfüber aus dem Hochbett hängen. Aber dennoch gibt es Situationen, wo das Herz bis zum Hals schlägt, die Luft knapp wird und die Hände sich kalt und gleichzeitig schwitzig in den Hosentaschen ballen. Das letzte, was ich dann brauche, ist ein gut gemeinter Rat in Form eines freundlichen Ausrufs wie: „Entspann dich!“ Ehrlich, ich kann fantastisch entspannen. Vor allem, wenn ich nichts weinen höre (auch nicht imaginär) und die beruhigende Gewissheit habe, dass es den kleinen Menschenkindern, die meine sind, gut geht. Aber diese Eingewöhnung zehrt an meinen Nerven, die es gern ein wenig liebevoll, ruhig und harmonisch hätten.

Nie hätte ich mir in meinem wilden Leben (ja, das gab es durchaus) vorstellen können, dass man sich so viele Gedanken um den eigenen Nachwuchs machen kann. Die Sorglosigkeit ist weg. Stattdessen breche ich bei jedem Krimi mit misshandelten, entführten, ermordeten Kindern in Tränen aus, um kurz darauf nur mühsam der Versuchung zu wiederstehen, augenblicklich ins Kinderzimmer zu rennen. Zart streicheln, etwas küssen, beobachten, wie sich gleichmäßig der Brustkorb hebt und senkt. Atem hören. Früher erzählten mir Mütter davon und ich hielt es (Verzeihung für die Wortwahl) für total bekloppt.

Heute weiß ich, dass Nähe Beruhigung bringt. Deshalb habe ich die kleinen Menschen einfach gern bei mir.  Ein verschwundenes Kind, das beim Verstecken im Park eben nicht wie angenommen hinter der hohen Hecke steht, verursacht Schnappatmung. Es ist fort (zugegebenermaßen nur für die nächste kleine Ewigkeit, aber eine Minute inmitten von Grün ohne Kind kann verdammt lang sein). Ich muss mit mir kämpfen, wenn der Herr Vater das Steakmesser vertrauensvoll in die kleinen Hände legt, damit ich nicht unkontrolliert schreiend einen hysterischen Eindruck erwecke.

Oder ich ringe innerlich mit mir und der mütterlichen Gefühlswallung, wenn die 110cm allein im Flugzeugkarussell auf der hiesigen Kleinmesse sitzen– glückselige mit dem strahlendsten Lächeln der Welt. Zwischen Kuscheltiergreifern und Geisterbahn hatte es mich am Wochenende aus der Kalten erwischt und erinnerte mich mit seinen offenen Flugzeugen an unschuldige Pioniertücher und FDJ-Blusen. Ich lächelte gequält und winkte als mein Mann sagte: „Jetzt entspann Dich. Du schaust wie ein angeschossenes Reh.“

Woher soll ich wissen, wie sich so ein Reh fühlt, wenn es vor des Jägers Korn gelaufen ist? Keine Ahnung. Dafür kann ich genau beschreiben, was alles in einen Kopf an Horrorszenarien in wenigen Minuten bangen Wartens passt. Eindeutig viel mehr als in die weiter rechts stehende Geisterbahn.

Mir fällt dieser abgegriffene Spruch ein: Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen. Einst rollte ich dabei mit den Augen und blies genervt ein wenig Luft ins Single-Universum. Jetzt frage ich mich, was noch so alles kommen wird?

Selbst, wenn Kindergarten und Schule überstanden sind, die Pubertät hoffentlich nur noch eine beißende Erinnerung ist und ich irgendwann schlotternd und mit Krückstock auf einer Parkbank sitze, vielleicht angegraut, faltenreich und verwirrt, wird mein Herz und mein Kopf bei den Menschen sein, die jetzt so klein und süß sind und einen mitunter wahnsinnig machen.

Ich habe also ein Leben lang Zeit, um mir Gedanken zu machen.

Vielleicht gehört das einfach zum Mensch sein? So wie Essen, Trinken, Schlafen, Träumen und die Liebe…

Auf die Liebe! Und nieder mit diesem „Entspann Dich-Spruch“.
Ihre Sabine Henriette Schwarz

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