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„Ach` noch ein Sohn…“

Noch ein Sohn

Die Mädchen sind die Lieben, die Jungen sind die Bösen – so einfach könnte man das gängige Klischee, was sich entwickelt hat, auf den Punkt bringen. Zählte früher der „Stammhalter“ als etwas Besonderes, dem sein mitunter rüpelhaftes Verhalten verziehen wurde, scheint diese Toleranz zunehmend verschwunden. Da hört man, wie von „richtigen Rabauken“ die Rede ist und oft schimpfen die Mädchenmütter über das Benehmen, die Ausdrücke, das Gerangel und Geschubse der Buben. Sehr zum Ärger der Jungenmütter, die Verständnis vermissen.

Laut Melitta Walter (Erzieherin und Sexualpädagogin, die langjährig Fachbeauftragte für „Geschlechtergerechte Pädagogik“ am Schulreferat München war) hat sich diese Situation in den letzten Jahren verschärft. Verständnis und Solidarität bei Müttern untereinander schrumpft. Als Grund benennt sie die neu und notwendig gewordene Definition von Männlichkeit. Kämpfen, jagen, beschützen, arbeiten, Familie versorgen, Häuser bauen, aber bitte auch: einfühlsam sein, gesprächsbereit, liebevoll, kochbegeistert, spielfreudig. Der heutige Mann hat im Zuge der Emanzipation seine feste Rolle verloren. So wie für Frauen alles möglich erscheint, muss auch er „vielfach einsetzbar werden“. Ein Dilemma gerade für die Mütter in der Erziehung der Söhne, denn: wie wird ein Sohn ein starker Typ ohne Macho zu werden und sich wie King Karl aufzuführen?

Zudem werden die Mädchen – gerade in der Schule – , oft als das Musterbeispiel für gute Noten und erfolgreiches Lernen hergezeigt. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass sie mit den Leistungsanforderungen besser zurechtkommen und in ihrer Gesamtentwicklung weiter sind. Jungen dagegen brechen mit 72% wesentlich öfter die Schule ab oder bleiben doppelt so oft sitzen. Eigentlich nicht schlimm, wenn man es nicht zu einem großen  „mein-Kind-soll-das-Beste-sein“ Konflikt ausarten lässt. Denn genau diese Einstellung macht es den Kindern schwer, sich einzufinden und möglichst frei zu entfalten. Dabei sollte doch nach den aktuellen Zahlen von Männern und Frauen in Führungspositionen klar sein, Jungen haben alle Chancen, auch wenn sie ein wenig anders ticken als Mädchen.

Deshalb müssen sich Mütter nicht beim kleinsten Anlass schuldig fühlen. Ihnen fehlt die instinktgeleitete Nähe zum anderen Geschlecht, was es perse schon schwieriger werden lässt.  Jungenmütter stehen heutzutage unter einem enormen Druck, einen perfekten Sohn in dem mannigfaltigen männlichen Rollenverständnis großzuziehen, aber wenn „die Gesellschaft“ noch nicht einmal weiß, wie Mann jetzt wirklich sein soll, wie kann dann eine Jungenmutter in diesem Chaos perfekt sein? Generell, Perfektion in der Mutterschaft ist undenkbar. Perfekte Kinder sind undenkbar. Also nehmen wir die Jungen doch einfach als das was sie sind: Jungen!

Jungen Mädchen

Typisch Jungen. Typisch Mädchen. Forscher suchen die Antworten

Mädchen und Jungen starten im Kleinkindalter mit ähnlichen Voraussetzungen. Alle Assoziationen und Eigenschaften, Beschäftigungen und Hobbies – d.h. alle möglichen Unterscheidungen werden erst mit zunehmendem Alter größer. Grund: die Erlebnisse der Kinder.  So vergleicht Lutz Jäncke von der Universität Zürich das kindliche Gehirn mit einem Stück Knete. So wie man Knete formt, so hinterlassen Erlebnisse und Erfahrungen ihre Abdrücke im Gehirn. Alles bestimmt mit, wie wir denken und wie wir sind.

Dabei sind die Erwartungen der anderen – Eltern, Lehrer, Erzieher – sehr wichtig. Denn die Meinungen, dass Jungen aggressiv und Mädchen ruhiger sind, bestimmen das Tun und Handeln. Jäncke ging der Frage nach, ob das wirklich so ist oder ob sich Kinder ähnlich einem Schauspieler nur in erwarteter Weise verhalten. Ein Experiment sollte helfen. So sollten Mädchen und Jungen am PC Angreifer mit Bomben abwehren. Eine Gruppe spielte mit Zuschauern, die andere ohne. Spannend, dass vor Publikum die Jungen wild drauf los ballerten. Die Mädchen hielten sich zurück und nutzten nur wenige Sprengkörper. Doch ohne Zuschauer war es genau umgekehrt: Die Jungen waren zurückhaltend, doch die Mädchen waren ganz wild aufs Bombenwerfen – sie kämpften viel heftiger als die Jungen vorher.

D.h. wenn alle hingucken, verhalten sich Mädchen und Jungen also offenbar so, wie die anderen es von ihnen erwarten.

Lego spielende Jungen erfahren beim Spiel viel Aufmerksamkeit, Lob und Anerkennung für ihre Kreativität und ihr Verständnis. Natürlich möchte man dann wieder gelobt werden und greift „typischerweise“ in die Legokiste. Und typische rosa Mädchenkleidchen mit Glitzerhaarspangen werden wohl deshalb so gern genommen, weil man damit besonders oft gesagt bekommt, wie niedlich man ist.

Doch die Forscher sind sich sicher, in Zukunft wird die Annäherung beider Geschlechter weitergehen. Das Umfeld muss nur offen und frei von Mustern und Rollen sein….

Gehirn

Wir haben nachgefragt, um uns einen kleinen Einblick zu verschaffen.
Zwei „Jungensmamas“ erzählen:

Anett aus Fürstenfeldbruck

Wie viele Söhne hast Du und wie alt sind sie?

Ich habe drei Söhne, die mittlerweile 12, 9 und 8 Jahre alt sind.

Wie ist es, in einem „Männerhaushalt“ zu leben?

Ich finde es großartig. Das Schlimme ist eigentlich nur, dass ich ein enormes Defizit an Fußballwissen habe. Die Drei wissen einfach alles und diskutieren sich die Köpfe heiß, welcher Spieler nun zu welchem Verein wechselt oder ob es nun Abseits war oder nicht. Da kann ich nicht mithalten, lehne mich zurück und freue mich, dass die drei Jungs ein Thema haben, das sie so miteinander verbindet. Generell glaube ich, dass ein Männerhaushalt ganz schön entspannt ist. Die Jungs lassen sich und mich einfach so sein wie wir sind. Da wird nicht andauernd aneinander rumgenörgelt. Klarer Vorteil außerdem: Ich bin die schönste Frau im Haus.

Fühlst Du Dich als Frau in Deiner Familie ein wenig einsam? Braucht es manchmal weibliche Unterstützung?

Nein, einsam fühle ich mich als einziges weibliches Wesen zuhause gar nicht, warum auch? Hier herrscht immer Trubel, es ist immer was los. Die Frage ist eher, ob ich für eine Tochter eine andere Mutter wäre als für meine Söhne. Ich glaube schon, dass Mädchen nochmal ganz anders sind, und dass man die eigenen Erfahrungen als Mädchen dann eben nochmal ganz anders einbringt und sich selbst reflektiert. Manchmal ist es interessant, wenn meine Mutter zu Besuch ist und sie dieselben Maßstäbe an die Jungs setzt wie ich. Da bekommen sie auf einmal große Augen und sehen, dass ihre Mutter nicht die Einzige ist, die auf etwas Ordnung im System setzt. 🙂

Wie würdest Du Deine Aufgabe als „Jungensmama“ beschreiben?

Ich wurde ja nicht als Mama geboren und auch sonst habe ich es tunlichst vermieden, mich mit Erziehungsratgebern einzudecken oder Elternkurse zu besuchen (Was sich in der Pubertät meiner Söhne ja durchaus nochmal ändern könnte). Ich vertraue auf meine Intuition, meinen gesunden Menschenverstand und darauf, dass die Persönlichkeiten meiner Kinder so wertvoll sind, dass sich keiner von uns verbiegen muss, um sie zu besseren Menschen zu machen. Jungs sind nicht weniger sensibel als Mädchen. Meine Kinder reden ganz offen über ihre Gefühle, manchmal braucht es dazu aber auch die Zweisamkeit mit Mama oder Papa, damit man vertrauensvoll miteinander sprechen kann. Was ich an Jungs so faszinierend finde ist, wie schnell sie unschöne Situationen in angenehme Situationen verwandeln können. Gab es mal einen Streit, dann wird das geklärt, manchmal lautstark, manchmal mit ruhigen Worten, manchmal fließen Tränen. Aber hinterher ist alles wieder gut und sie spielen wieder gemeinsam. Davon könnten sich einige Erwachsene etwas abgucken. Da ich den Vergleich zum Mamasein für eine Tochter nicht habe, kann ich nicht sagen wie der Unterschied wäre. Aber ich glaube ich würde es sehr genießen ein Mädchen zu haben und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken.

Wie erziehst Du Deine Jungen? Was sollen sie später einmal für Männer werden?

Ich habe gerade ein sehr interessantes Interview mit Prof. Hüther gelesen, in dem es genau um die Bedürfnisse von kleinen und großen Jungs ging. Daraus stammen auch die folgenden Sätze, die mich sehr nachdenklich gemacht haben: „In jeder neuen Generation muss jeder Junge, der auf die Welt kommt, die schmerzhafte Erfahrung machen, dass er den nötigen Halt nur findet, wenn er gewisse Erwartungen erfüllt. Aber das ist kein Wachstum, sondern Verbiegung oder Selbst-Abrichtung. Wenn man das weiter so machen will – meinetwegen. Ich würde mir für unsere Jungs allerdings wünschen, dass sie statt Rollenspielern authentische Männer werden.“ Wenn ich so etwas lese, mache ich mir doch Gedanken inwieweit wir als Eltern alles richtig machen. Welche Ansprüche stellen wir als Mutter und Vater. Erziehen wir starke Jungs, die später ihren Weg gehen werden oder erwarten wir manchmal einfach zu viel von ihnen oder muten ihnen zu viel zu? Müssen Kinder im Alltag manchmal schon zu viel funktionieren? Tut ihnen die Selbständigkeit, die alle drei meiner Jungs schon sehr ausgeprägt haben, gut? Ich kenne darauf keine befriedigende Antwort. Ich kann sie nur jeden Tag, jede Woche beobachten und schauen, dass es ihnen gut geht.  Ich hoffe, dass sie sich später in einem Umfeld bewegen können, in dem sie nicht zu Rollenspielern werden müssen. In dem man sie Persönlichkeit sein lässt, die sich frei entfalten kann und die ihre Umwelt mit prägen kann.

Was macht Dir mit Deinen Jungs besonders Spaß?

Ich liebe es draußen mit ihnen in der Natur zu sein und mit ihnen neue Orte zu entdecken. Eigentlich beginnen solche Ausflüge regelmäßig mit Nörgeleien. Sobald ich nur erwähne, dass ich wandern gehen oder in eine neue, noch unentdeckte Stadt fahren will, stehen drei gutgelaunte Jungs vor mir. 😉 Davon lasse ich mich aber wenig beeindrucken. Kinder müssen raus in die Natur, die Welt sehen und sie lieben lernen zu entdecken. Das ist meine Strategie. Und es gab nur ganz selten Ausflüge, bei denen am Ende des Tages keine Kinderaugen leuchteten – auch wenn wir meist mit Startschwierigkeiten kämpfen.

Was magst Du gar nicht?

Ganz ehrlich? Für mich war es ein echter Graus, mit ihnen auf Spielplätze zu müssen. Dort rumzustehen und am Ende vielleicht noch mit anderen Müttern Verlegenheitsgespräche führen zu müssen, ohje. Das war wirklich nicht mein Ding. Heute sind sie zum Glück aus dem Alter raus bzw. brauchen mich nicht, um daneben zu stehen.

Was sind Deine Jungs für Typen? Unterscheiden sie sich stark?

Alle drei sind komplett unterschiedlich. Ich finde das großartig. Der eine ist eher introvertiert, wenn er sich in einer ungewohnten Umgebung befindet und dreht zuhause voll auf. Der andere ist so Mr. Charming – ein Geschenk für die Frauen dieser Welt. Und Nummer Drei ist sehr bedacht, analysiert seine Umwelt bis ins kleinste Detail. Alle drei sind sehr fröhliche Jungs, denen aber keiner so schnell etwas vormacht. Sie wissen, wo der Hase lang läuft und ich bin ziemlich stolz auf sie.

Oxana aus Leipzig

Wie viele Söhne hast Du und wie alt sind sie?

Ich habe drei Söhne: fast zehn, fast drei und fast ein Jahr (bei Kindern ist ja jeder Monat wichtig, deswegen tendiere ich lieber zum nächsten Jahr)

Wie ist es, in einem „Männerhaushalt“ zu leben?

Da ich als erwachsene Frau nie in einem „Frauenhaushalt“ gelebt habe, ist es für mich schwer den „Frauen- und Männerhaushalt“ zu vergleichen. Bei uns waren die Aufgaben von Anfang an klar getrennt: mein Mann ist der Chef für Draußen, ich bin die Chefin für das Zuhause. Das heißt, für alle Haushaltstätigkeiten bin ich verantwortlich. Altmodisch…

Ich wasche, bügele, putze, koche, plane die Einkäufe… Huh! Ist Der Chef der Sklave geworden? Jain. Meine Männer (der Mann und der große Sohn) unterstützen mich schon. ABER – ich muss sagen, hier kommt eine sehr kuriose Sache ins Spiel. Ich habe festgestellt, dass (fast) ALLE Männer die Hausarbeit absichtlich schlecht machen. Und dann hört die unzufriedene Frau nach zwei oder drei Mal mit Fragen auf. Genial, oder?

Bei meinen kleinen Söhnen habe ich allerdings die Hoffnung noch nicht verloren. Die sind jung und lassen sich erziehen. Eldar (wird bald drei) holt gern die Wäsche aus der Maschine, um sie auf den Dachboden zu hängen. Dabei macht er alles sehr gut nach. Oder beim Kochen will er unbedingt den Brei im Topf umrühren. Seine Lieblingsaufgabe ist allerdings, das Besteck aus dem Besteckkorb nach dem Spülen in den Kasten zu sortieren. Er wird wirklich bockig, wenn er das verpasst. Der Kleinste (wird bald ein Jahr) krabbelt jetzt schon zur Waschmaschine, wenn ich die Wäsche ausräume. Früh übt sich… Meinem Großen (wird 11) muss ich wirklich zu Gute halten, dass er auf seine Brüder sehr gut aufpasst und die beiden lange und sehr kreativ beschäftigen kann, sodass ich etwas erledigen darf ohne das Kind durch die Wohnung mitzuschleppen. Und das Aufräumen des Kinderzimmers ist ebenfalls seine Aufgabe.  Er kommt ziemlich regelmäßig und fragt, ob er mir helfen könnte. In solchen Momenten erinnere ich mich an mich selbst in seinem Alter. Ich sollte immer fragen, ob ich hilfreich sein kann, wollte aber nicht unbedingt Kartoffeln schälen oder Müll rausbringen. Dann habe ich DIE Lösung gefunden: Ich habe auf den richtigen Moment gewartet, z. B. wenn das Abendbrot schon fast fertig war und dann lief ich hilfsbereit in die Küche… Schon nichts mehr zu helfen?!.. Schade! ;o) Und ich war ein Mädchen.

Fühlst Du Dich als Frau in Deiner Familie ein wenig einsam? Braucht es  manchmal weibliche Unterstützung?

Nein, einsam fühle ich mich nicht. Es gibt sehr viel, was ich mit meinen Männern machen kann. Und wenn es mir zu viel und zu laut wird, dann ziehe ich mich einfach zurück mit dem Buch oder Pinsel in der Hand und genieße… Ich bin außerdem kein großer Bastelfan. So passt es mir gut, dass meine Jungs lieber Lego spielen oder im Hof rumtoben. Und wenn wir mal Kuchen backen oder Pralinen machen, dann ist der Große gern dabei (der Zweite und der Dritte sind noch ein wenig zu klein dafür)!

Unterstützung oder eher Hilfe hätte ich mir manchmal gewünscht, aber bei meiner Mutter oder Schwiegermutter ist das schwierig (die Erste lebt in St. Petersburg, Russland, und kann nicht jeden Monat kommen, aber macht wirklich viel, auch wenn sie nicht da ist; die Zweite lebt in Deutschland, 200 km von uns entfernt, aber kommt seltener, als meine Mutter). Das ist sozusagen ein Problem der ausgestorbenen Mehrgenerationsfamilie, wo jeder seinen Platz miteinander finden könnte. Und wenn ich meine Frauensorgen wegquatschen möchte, habe ich Freundinnen und Bekannte.

Wie würdest Du Deine Aufgabe als „Jungensmama“ beschreiben? Denkst Du,  es gibt Unterschiede im Mama-sein, wenn man Mädchen hat?

Aufgabe jedes Elternteiles ist, wie ich denke, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit und Gerechtigkeit dem Kind zu geben. Das ist die Grundlage, um ein Kind zu einem Mensch im großen Sinne zu erziehen. Und das ist eine harte Arbeit. Mutter zu sein scheint mir allerdings keine Aufgabe zu sein, sondern ist es eine Lebensweise, eine Berufung. Da gibt es keine feste Regeln, kein Muster.

Jede Familie ist anders, sowie jedes Kind anders ist. Ich weiß nicht, welche gravierenden Unterschiede bei Mädchen- oder Jungenmamas vorhanden sein könnten. Letztendlich, wenn man beide hat, geht man nicht sehr unterschiedlich mit beiden um. Andererseits, Mädchen und Jungs haben oft tatsächlich andere Interessen, was auch verschiedene Mama-Kind-Aktivitäten verlangt. Das klassische Beispiel ist Fußball mit Jungs und Basteln mit Mädels. Und als ich erfahren habe, dass das dritte Kind ein Mädchen wird, war ich ein wenig erschrocken – ich soll ab jetzt ein direktes Vorbild für die kleine Frau werden, denn sie wird gewissermaßen nach mir kommen, mich kopieren.

Dann war es eine Erleichterung, als es doch ein Junge geworden ist. Mit Jungs habe ich bereits Erfahrung!

Wie erziehst Du Deine Jungen? Was sollen sie später einmal für Männer werden?

Meine Jungen versuche ich in der humanistischen Tradition zu erziehen: selbstbewusst, und nicht selbstsüchtig zu agieren, Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen und tolerant zu bleiben, respektvoll mit der Natur umzugehen, Verantwortung für eigene Taten zu übernehmen und selbstständig zu sein. Man soll gute Manieren haben und höfflich auftreten. Man muss aber auch stark und kraftvoll sein, sich durchsetzen können soll man auch. Genau wie körperlich fit und gesund bleiben. Und klug und gut ausgebildet.  Man soll… Manchmal ist es wirklich schwer!

Aber als ich von meiner Schwägerin erfahren habe, dass ihre Tochter, Arthurs Cousine (sie ist sieben) mit ihrer Cousine wiederum (ist wie Arthur zehn) über meinen Arthur geflüstert hat und den so toll und attraktiv usw. fand, da war ich stolz! Es ist eine Anerkennung. Was die Lehrer oder andere Erwachsene sagen, ist eine Sachen. Aber wenn die Mädels ihre Zuneigung so zeigen, dann bedeutet es, das Projekt  „einen Mann aus dem Jungen zu machen“ läuft gut. Toi-toi-toi. Weiter so!

Es geht weiter und die Pubertät steht vor der Tür. Und die zwei Kleineren muss ich auch noch erziehen. Aber sie haben schon ein Vorbild vor Augen, was die Arbeit wesentlich erleichtert.

Bei allen drei Kindern machen wir es so, dass wir sie als Persönlichkeiten von Geburt an oder sogar noch früher, ansehen und mit jedem Kind respektvoll umgehen. Das ist sehr wichtig. Aber noch wichtiger ist es, klare Grenzen zu setzen und dem Kind die Freiheit innerhalb dieser Grenzen zu geben, je nachdem, wie alt und wie weit das Kind in seiner Entwicklung ist. Und da ist egal, ob du eine Tochter oder einen Sohn hast. Was sie für Männer werden, weiß ich noch nicht, aber ich hoffe, sie werden glückliche Menschen sein – und das ist mir sehr wichtig!

Worin siehst Du die Vorteile, drei Jungs zu haben?

Keine Klamotten für das kleinste Kind kaufen zu müssen! Aber im Ernst, ich denke nicht, dass es in unserer Gesellschaft irgendwelche Vor- oder Nachteile hat, einen Sohn oder eine Tochter zu haben – auch nicht bei drei Söhnen. Eine Frau muss nicht eine Abtreibung machen lassen, wenn sie ein Mädchen erwartet! Auch nicht in China oder in Indien. Mir war es eigentlich egal, wen ich zur Welt bringe. Hauptsache – ein gesundes und glückliches Kind. Wenn das dritte Kind ein Mädchen wäre, hätte ich mich ebenso gefreut, auch wenn es ein bisschen umständlich für mich sein könnte (habe darüber schon geschrieben).

Was macht Dir mit Deinen Jungs besonders Spaß?

Zu kuscheln, abends ein Buch zusammen zu lesen, Märchen zu erzählen oder einfach über die Welt zu reden, spazieren zu gehen, Natur zu erleben, alte Trickfilme schauen, zusammen zu sein. Weit zu reisen finde ich noch ein bisschen anstrengend, aber ich warte schon darauf, wenn der Kleinste größer ist und wir gemeinsam weitere Reisen machen können. Das Tollste ist, mit dem Kind zu reden und zu verstehen, dass es dich versteht und du es.

Was magst Du gar nicht?

Es fällt mir schwer, wenn meine vier Männer alle zuhause Fußball spielen. Gott sei Dank, mit dem kleinen weichen Ball – das habe ich durchgesetzt. Papa mit dem Baby auf dem Arm spielt mit dem 11-jährigen Sohn im Kinderzimmer Fußball, der Dreijährige läuft irgendwie dazwischen herum. Es ist laut. Es ist ein wenig rabiat. Es ist mir zu chaotisch. Aber es gehört dazu. Die Kinder lachen und haben Feuer in den Augen, das ist mir wichtig. Und es werden vor dem Anpfiff alle Gegenstände wie Legosteinchen oder Bauklötze und Spielzeugautos weggeräumt! Was für ein Traum!

Die Wäsche und hauptsächlich die Schuhe nach manchen Ausflügen machen mich fertig. Aber es gibt auch Mädchen, die genauso heiß auf das Spiel im Matsch und im Sand sind wie meine Jungs. Und die Waschmaschine habe ich ja auch. Die wissen mittlerweile, dass sie die Schuhe in kleinen Pfützen vor der Haustür von groben Verschmutzungen befreien und die vor der Wohnungstür ausziehen und stehenlassen müssen.

Was sind Deine Jungs für Typen? Unterscheiden sie sich stark?

Die sind alle unterschiedlich.

Arthur (wird 11) ist ein Kuschelbär, kann aber zum echten Bär werden. Er ist zuverlässig, konnte sich vom Anfang an gut alleine beschäftigen. Sehr lieb ist er auch und genießt die Nähe. Er ist sportlich und aktiv, mag draußen spielen und etwas unternehmen. Er ist ein „Sozialer Mensch“, kriegt am liebsten täglich Besuch, aber nicht jeder kann sich sein Freund nennen. Er geht leicht auf Kompromisse ein und ist flexibel.

Eldar (wird drei) ist ein Tornado. Energievoll, kraftvoll, sehr intelligent, er ist immer in Bewegung. Bis vor kurzem war es richtig schwer mit dem Kind durch den Tag zu gehen, um am Abend endlich aufzuatmen. Das kuriose daran ist, dass er dabei voll integriert und angepasst und keineswegs „problematisch“ ist. Nun wird er reifer und spielt auch alleine sehr gern. Seine Energie wird in die geistige Entwicklung gelenkt und er bleibt länger auf einem Platzt stehen / sitzen / liegen. Er ist nicht so offen wie sein großer Bruder. Eher skeptisch beobachtet er seine Umwelt und Menschen; er akzeptiert auch nicht jeden. Stur ist er auch! Ein Kind mit starkem Willen.

Arman (wird ein Jahr) ist ein Extrawert. Er lächelt jeden an, ist fast immer gut gelaunt und ist sehr fröhlich. Jetzt schon kann er ziemlich lange mit einem Spielzeug oder Gegenstand sitzen und spielen. Mal sehen, wie er sich als Person entwickeln wird.

Womit beschäftigen sie sich und Dich besonders gern?

Mit Lego spielend können meine großen Jungs stundenlang sitzen. Der fast dreijährige Eldar baut genauso gern wie sein großer Bruder. Ich bin da eine Beobachterin, keine Spielkameradin. Eldar mag auch aus Knete Türme bauen und die dann mit den Spielzeugbaggern abreißen. Dann laufe ich durch die Wohnung und sammele überall die Knetreste ein. Ich mache mit ihm verschiedene Figuren aus der Knete, aber Türme bauen und abreißen ist spannender. Aber malen mögen wir beide. Bahn, Bus, Zug, Flugzeug – wenn man unterwegs ist, gibt es sooo viel zu erleben! Das mögen meine Jungs. Manchmal nimmt mein Mann die beiden Großen und fährt einfach eine Runde mit der S-Bahn. Ein Ausflug mit den Fahrrädern zum See oder in den Wildpark macht die Kinder auch glücklich. Und einfach im Park spazieren zu gehen, um die Natur zu beobachten, macht uns ebenso Spaß. Arthur ist auch immer gern dabei. Der Wald und seine Bewohner faszinieren meinen ersten Sohn. Eis irgendwo draußen zu essen ist vielleicht das Beste, was man an einem heißen Sommertag machen kann, und sei es nur im Hof vor dem Sandkasten.

Ich persönlich bin eine begeisterte Leserin, deshalb ist es für mich immer gut, wenn ich mich mit meinen beiden Großen und einem guten Kinderbuch einkuscheln kann. Und natürlich Schwimmen und Plantschen! Da bin ich auch gern dabei!

Gab es schon einmal eine Auseinandersetzung mit sog. „Mädchen-Mamis“,  die es gern lieb, leise und sauber haben? Wenn ja, wie hast Du/wie habt Ihr Euch dabei gefühlt?

Eigentlich nicht. Ich versuche außerdem immer aufzupassen und wenn ich eine verdächtig aussehende Mami sehe, dann gehen wir lieber den Drachen im Gebüsch jagen und lassen andere in Ruhe. Vorsorge eben.

Und was sagen sonst die Experten aus der Praxis zum kleinen Geschlechterunterschied?

Jochen Janus, Projektleiter der Kulturwerkstatt KAOS in Leipzig, arbeitet seit über 20 Jahren mit Kids und leitet Kurse, Projekte, Werkstätten für ganz unterschiedliche Altersgruppen. Er stellt fest:

„Ca seit 2000 gibt es zwei Kurse, die sich Kunst und Experimente nennen. Ohne dass das vordergründig so geplant war, sind in diesen Kursen immer nur Jungen. Die wenigen Mädchen, die kamen, fanden wahrscheinlich eher das Verhalten der Jungen anstrengend, als den Inhalt und sind wieder gegangen.“

Auf die Frage, ob es wirklich Unterschiede gibt und worauf diese zurückzuführen sind, meint Janus:

„Natürlich gibt es zwischen Mädchen und Jungen Unterschiede. Wodurch diese bedingt sind, ist eine andere Debatte. Jungen sind oft, was den Umgang mit Dingen, Geräten angeht wesentlich experimentierfreudiger und risikobereiter. Ich habe es schon oft erlebt, dass sie einfach mal alle Knöpfe drücken, ohne deren Funktion zu kennen. Sie verursachen damit oft Probleme, finden aber auch unerwartete Lösungen. Ich möchte aber betonen, dass sich nicht alle Jungen und Mädchen gleich verhalten. Es handelt sich um eine Tendenz. Jedes Kind, jeder Jugendliche ist individuell…. die Interessen von Menschen sind generell verschieden, aber Eltern haben Einfluss und die Interessen werden durch Medien und Freunde weiter kanalisiert.“

Dennoch steht für Janus fest, dass Jungen und Mädchen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Das jeweilige Alter sollte Beachtung finden und so aus der Vielzahl der Beschäftigungsmöglichkeiten ausgewählt werden.

Für mehr Infos zur Kulturwerkstatt KAOS siehe www.kaos-leipzig.de

Glaskugel

Wolfgang Bergmann: Kleine Jungs große Not – wie wir ihnen Halt geben (Patmos Verlag, 2005)

„Kleine Jungs machen Probleme, das war schon immer so…. die männlichen Kinder, die immer stark sein wollen (und sollen) und dabei so empfindlich und ängstlich sind. In den letzten Jahren haben sich die Notsignale dramatisch verstärkt, auch die Ursachen der großen Not sind weitgehend andere geworden… Die Tatsache, dass immer mehr Jungen nervös, unkonzentriert und depressiv-ängstlich gestimmt sind, wird seit einiger Zeit unter dem aus der Medizin entlehnten Etikett „ADS“ debattiert…

Zurück bleiben Jungen, denen nicht geholfen wird, obwohl viele von ihnen dringend Hilfe benötigen. Zurück bleiben auch die Eltern, die sich neuen familiären Verhältnissen einzurichten bemühen und von ihren schwierigen Söhnen überfordert sind. Überfordert sind die Lehrer…die Psychologen, die Berater und Therapeuten, die Psychiater. Sie sitzen ratlos vor männlichen Kindern, ihrem verschlossenen Trotz, ihrer unzugänglichen Unruhe, ihren hochfahrenden Selbstbildern, und greifen auf alte Methoden, überkommene Verhaltensregeln und in großer Zahl übereilt auf Medikamente zurück…..

Was für Psychologen und andere Profis gilt, gilt in intensiverer Weise auch für die Eltern. Nicht ihre Absichten, nicht ihr guter Wille, nicht einmal ihre Überzeugung prägen die Kinder, sondern das, was sie sind. Das pure Dasein, von einem Moment zum nächsten, die unwillkürliche Geste, der kleine Blick, das Unkontrollierte.“

Eine Spurensuche mit Bergmann, der sich Fallbeispielen annimmt, den Lebenswelten, einen nervösen Jungen skizziert ebenso wie den Zerfall eines sozialen und desorientierten Jungen, um dann Antwort zu geben auf die Frage: Was tun?


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