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Schwindelziege – wenn Kinder lügen oder der kreative Umgang mit der Wahrheit

Es ist zum Mäuse melken. Wer von den Kindern hat denn nun das Spielzeug kaputt gemacht, die Zahnpasta auf den Spiegel gespritzt, mit den Schokoladenhänden die Wand beschmiert oder den Tisch bemalt? Kopf schütteln. Leugnen. Den anderen beschuldigen. Niemand war es. Und dieser Niemand ist verdammt oft verantwortlich. Kein Wunder, wenn man vor lauter Schwindelei des Nachwuchses an sich (in der Erziehung) und an dem kleinen Menschen (in seiner Wahrnehmung von Gut und Richtig) zweifelt.

Dabei bedeutet eine Lüge, bewusst die Unwahrheit zu sagen, um ein Ziel zu erreichen oder einer Strafe zu entgehen„, erklärt der Entwicklungspsychologe und Erziehungsberater Dr. Hermann Scheuerer-Englisch aus Regensburg. Und das wiederum ist eine enorme Leistung für das Gehirn der Kinder. Sie müssen sich dafür in andere Menschen hinein denken, sie müssen sich vorstellen, was diese denken und wissen. Darüber hinaus müssen sie sich ja glaubhaft verhalten, d. h. sie sollten unschuldig und unwissend erscheinen.

Das kann man generell erst ab einem bestimmten Alter. „Ich würde sogar sagen, erst mit etwa sechs Jahren beginnen Kinder Lügen bewusst einzusetzen„, sagt die Berliner Säuglings- und Kleinkind-Psychotherapeutin Ingrid Lassonczyk. „Vorher sollte man eher vom kreativen Umgang mit der Wahrheit sprechen.

Auch wenn Eltern da genervt sind und es sich anders wünschen würden, es ist ein normaler Entwicklungsschritt. Wie auch die Kindertherapeutin Lassonczyk erklärt, lernen „Kinder damit Regeln und Strukturen des sozialen Lebens.“ Darüber hinaus ist nicht jede Lüge die Unwahrheit. Gerade im Alter von 3 bis 6 Jahren gibt es nur eine hauchdünne Grenze zwischen Fantasie und Realität. Konkret heißt das, man kann nicht aufräumen, weil die Prinzessin im Schloss Hilfe benötigt hat oder leider war es unmöglich einzuschlafen und nicht rumzulaufen. Der Teddy hat gesagt, dass man es tun solle… Laut Lassonczyk sollten hier Eltern großzügig sein und sich auf die Fantasiewelt einlassen. Es bringt nichts, zu argumentieren. Aber man könnte natürlich Teddy erklären, dass er müde und krank morgen nicht spielen gehen kann oder die Prinzessin fragen, ob es ihr jetzt gut geht. „Lassen Sie sich auf die Fantasiewelt des Kindes ein, und führen Sie es sanft zurück in die Realität„, rät Lassonczyk. „Zeigen Sie Humor!

Darüber hinaus ist festzustellen, dass es meistens einen Grund für die Pinocchio-Schwindel-Aktion gibt. Sie schämen sich oder fürchten, dass ihr Verhalten negative Konsequenzen haben könnte. Natürlich wollen sie auch im Miteinander und in der Gruppe, der/die Beste, Schönste und Spannendste sein, d.h. ein wenig prahlen oder Aufmerksamkeit bekommen. Auch hier ist jedoch strenges Durchgreifen fehl am Platz. „So lernen Kinder nur, geschickter zu lügen„, sagt Scheuerer-Englisch. Also lieber mal ein Lob für ein ehrliches Kind als der Tadel für eines, das gerade mit Unwahrheiten experimentiert und schaut, wie Mama und Papa reagieren.

Übrigens: auch der elterliche Umgang ist wesentlich. Denn der oft formulierte Satz: „Das müssen wir ja Mama oder Papa nicht sagen. Das ist unser Geheimnis“ bewirkt, dass Kinder lernen, man muss die Wahrheit nicht unbedingt sagen….

Und wir selbst? Wir lügen rund 200 Mal am Tag, da ist sich die Wissenschaft inzwischen ziemlich einig. Wenn man mal davon ausgeht, dass wir im Schnitt 16 Stunden wach sind, gehen wir also etwa alle fünf Minuten mit der Wahrheit, sagen wir mal: ein wenig kreativ um…..

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