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Schule. Erinnert Ihr Euch?

Schule. Erinnert Ihr Euch?

 

Lang ist`s her. Jahre hat man keinen Gedanken verschwendet. Aber spätestens, wenn das Thema bei den eigenen Menschenkindern an die Tür klopft, ist es wieder da: das Gefühl und der Geruch von Schule. In meinem Fall nach muffigen Werkräumen, die im feuchten Keller lagen, nach abgestandener, saurer Milch im Essensraum, nach alten Lappen, die schon so viele Monate Kreide und Wasser und Schmutz aufgesogen hatten, dass die Hände nach jedem Tafeldienst nach totem Tier rochen. So dachte ich mir das zumindest.

Ich erinnere mich noch genau an die großen Treppen und die tiefen Fensterbänke, in denen man sich in der Pause ein wenig cool hineinsetzen konnte, nur um Minuten später vom Lehrer verscheucht zu werden. Ja, generell, war der Lehrerton etwas rauer, härter, bestimmend. Es gab wenig Exemplare, die mein Schülerherz damals gewinnen konnten.

Ausnahmen waren mein wunderbarer Zeichenlehrer, der wirklich grandios mit Farbe umgehen konnte, aber leider von niemandem ernst genommen wurde. Gerade deshalb hatte er mein tiefstes Mitgefühl, wenn er begeistert über Farbfächer und Perspektive philosophierte und alle Anwesenden doch nur über Tisch und Bänke gingen. Und ich durfte meine Deutsch und Englisch-Stunden bei Frau Theile verbringen. Eine ältere Dame mit Dutt. Nach meiner jetzigen Hochrechnung war sie gar nicht so alt, aber mit Kinderaugen betrachtet, läuft man ja jenseits der dreißig fast schon mit Krückstock und reiht sich ein in Kategorie: Oma.

Zu guter Letzt gab es noch meine Biologielehrerin, die sich unvergesslich gemacht hat und stets einen Platz in meinem Herzen haben wird, da sie uns (den albernen 16jährigen Hühnern mit den coolen, Testosteron gesteuerten Männchen im Klassenzimmer) so offen und ehrlich wie irgend möglich das Thema Orgasmus näher gebracht hat. Wir alle waren fasziniert und gleichzeitig entsetzt als sie von akutem, lang zurück gehaltenem Harndrang und Stuhlgang sprach, dem man plötzlich seinen Lauf lassen kann. Sie redete vor dem Pausenklingeln von dieser ungeheuren Befreiung, einem Glückgefühl ohne Gleichen und lies uns dann irritiert, verunsichert und fassungslos zurück. Damals erregten wir uns sehr über diesen abartigen Vergleich. Aber war er wirklich so abartig?

Sie war es auch (unverzeihlich, mir ist wirklich der Name entfallen), die uns etwas später den Geburtsvorgang erklärte. Von den ersten Senkwehen, die in ihrer bildhaften Sprache eine Mischung aus Seitenstechen und Magenverstimmung waren, bis hin zu den Presswehen. Ich höre sie noch immer sagen: „Stellt Euch einfach einen Backstein vor. So wie die Backsteine unserer Schule. Und jetzt stellt Euch vor, Ihr müsstet diesen Backstein auskacken.“ Wir konnten es nicht glauben. Doch Jahre, Jahrzehnte später habe ich ihre Worte immer noch im Kopf. Sie haben mich begleitet, über zwei Geburten hinweg und jeweils in der Woche danach, wo man sich nur mit äußerster Vorsicht setzen mag und das Gesicht schmerzverzerrt lächelt.

Heute durfte ich wieder in eine Schule. Wie gesagt, das Kind (dass ich doch vor gar nicht langer Zeit erst Backsteinähnlich in die Welt gesetzt habe) wird demnächst eine brauchen und der elterliche Buschfunk rät, sich so zeitig wie möglich damit auseinanderzusetzen. Also setze ich mich…. In diesem Fall auf einen fünfundvierzig Zentimeter Stuhl mit rotem Rohr in einer Leipziger Grundschule, um Mäuschen zu spielen.

Es gibt keine Tischreihen mehr. Kinder und Lehrer tragen Schlappen. Vor der Tafel liegt ein dicker runder Teppich zum wälzen, spielen und lernen. Es gibt einen Morgenkreis. Die Erzieherin, die mit in der Klasse ist, trägt wilde Haare und ein Kompass-Tattoo auf dem Arm. Und die Lehrerin ist verdammt nett. Ich bin verblüfft. Auch darüber, dass die Kinder während der Stunde die Klasse verlassen dürfen, wenn sie vielleicht eine Aufgabe lieber draußen erledigen oder etwas Seilspringen wollen. Ein kleines Glöckchen läutet. Pause.

Ich fühle mich alt, steinalt. Irgendwie bin ich raus aus der Nummer. Die Welt hat sich weiter gedreht. Schule ist jetzt anders. Ok, denke ich. Aber so schlecht fand ich es früher auch nicht, nur anders…

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