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Kolumnen

Der Rummel ist da!

Erst sahen wir nur die großen Riesenautos mit ihrer Ladung durch die Stadt fahren, manchmal eher schleichen. Dann standen die ersten Wohnwagen da. Bald flatterte neben dem Wohnwagen Wäsche im Wind und einen Tag später stand es: das erste Karussell – eine riesige in die Jahre gekommene Kinderlok. Kein Wunder also, wenn es aus dem Kindersitz wie verrückt schrie: „ Mami schau doch mal, der Rummel ist da! Mami, guck doch, der Rummel ist da! Wir da hingehen? Ich schon so lange nicht auf dem Rummel gewesen.“  Aber klar doch, dachte ich und überlegte fieberhaft, was ich mir einfallen lassen könnte, um nicht in diesen drehenden, hopsenden, blinkenden Ungetümen fahren zu müssen.

Als Kind war das natürlich anders. Da kam in unsere kleine Stadt (ja, ich gestehe, ich bin erst später hierher  gezogen) immer so eine Art Raketen-Berg-und-Tal-Bahn und eine Luftschaukel (offensichtlich konnte man sich nur eine begrenzte Anzahl von Fahrgeschäften in der Kleinstadt leisten). Erstere hatte in den Raketenwagen rote Plastiklenkräder, die ich ungemein schick fand. Ich kann mich auch noch genau erinnern, wie ich wartete, dass die Lichter angingen, wenn es beim Weihnachtsmarkt zeitig dunkel wurde. Dann sah man zwar nicht mehr das rote Plastik, dafür leuchteten die Raketen vorn blau und hinten natürlich rot. Die Luftschaukel wiederum machte abends zu und leuchtete gar nicht. Sie hatte dafür Märchenmotive auf jedem bootsähnlichen Schaukelteil und ich suchte mir immer Rotkäppchen aus. Neben der normalen Schaukel gab es noch eine Überschlagschaukel für die besonders Mutigen. Gern hätte auch ich dazu gezählt. Aber als ich klein war und mutig, durfte ich nicht. Als ich groß war und durfte, reichte der Mut nicht. (Ein Dilemma, was mich noch heute verfolgt, wenn ich diese Teile irgendwo sehe. )

Ich weiß nicht mehr genau, was Karussell fahren gekostet hat, aber ich weiß, dass ich mir das Geld oft am Samstag zusammen gesammelt habe. Heute stehen singende, flötende, geigende Kinder  in der Innenstadt und gern honoriert man ihre Darbietung. Damals war das noch nicht aktuell (wahrscheinlich hätte man den Kindernotdienst geholt, denn wir reden von einer sehr religiösen Kleinstadt, wo ich auch heute nie Straßenmusiker oder ähnliches sehe). Ehrlicherweise wäre ich beim Singen, Tanzen und Geigen auch völlig untalentiert gewesen und somit zum Geld verdienen unbrauchbar. Ich stand lieber auf dem Marktplatz vor dem Rathaus und wartete auf die strahlenden, glückseligen, frisch Vermählten, die im vierzig Minuten Rhythmus das Haus verließen. Sie lächelten, nahmen Glückwünsche entgegen, schnitten Babystrampler von Leinen und sägten mitunter an irgendwelchen Holzklötzen bevor sie, und da sprang man flugs in die erste Reihe, Geld warfen. Eine grandiose Tradition, die das Taschengeld erheblich verbesserte und die irgendwie abhandengekommen ist. Ich habe mir sagen lassen, dass jetzt schon das Streuen von Reis, Blüten, Konfetti oder Kekskrümeln offiziell verboten ist.  Sehr schade.

Aber zurück zum Rummel. Endlich, nach fünf Tagen voller kindlicher Fragen und dem liebreizendsten Gesicht der Welt, ging es mit dem Herrn Papa los. In der Tat hatte ich es doch wirklich geschafft, den Rummel als eine Art Vater-Tochter-Ausflug zu definieren. Leider waren mir bei lauter Begeisterung darüber, dass ich entkommen war, die Öffnungszeiten entfallen. Nun, zwei sehr lange Gesichter und ein riesiges schlechtes Gewissen später, weiß auch ich, der Rummel öffnet erst um vierzehn und nicht um elf Uhr. Ich entschuldige mich in aller Form. Vielleicht hatte mir das Grausen ein wenig das Gehirn vernebelt.

Warum ich diese fantastische Institution, die merkwürdigerweise hier Kleinmesse heißt, grauselig finde? Nun, wie erklärt man dem geliebten Kinde, welches einen mit strahlenden Augen neben dem Flugzeugkarussell ansieht, dass bei einer Fahrt der Mutter sofort alle umstehenden Gäste mit Regenschirmen ausgestattet werden müssten, um einen gewissen Schutz vor herabfallenden Essensbrocken zu gewährleisten? Ideen? Nein? Ich auch nicht. Kurzum, ich liebe Kuscheltiergreifer, Gespensterbahnen, das Betrachten der bunten, psychologisch sehr interessanten Besucher, aber ansonsten ist mir schon beim Ansehen von sich drehenden Kabinen und Wagen blümerant. Das geht zwar mehr Menschen so und ist nach meiner Recherche beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (ich wollte es wirklich wissen, schließlich hätte es auch nur eine vorübergehende mütterliche Meise sein können) mit der Verwirrung der Sinne zu begründen, d.h. das empfindliche Stammhirn reagiert irritiert. Aber das ist ja wohl keine gute Erklärung für das vor Freude platzende Kind. Ergo, ich versuchte mich zu drücken.

Dies misslang durch die Öffnungszeiten-Fehlinformation völlig und so fand ich mich eine Woche später zwischen Mouse-Achterbahn, Waffelbude und Autoscooter wieder. Todesmutig entschieden wir uns für die letzte Variante. Der Chip war gekauft, ein freies Fahrdings gefunden, wir eingestiegen, das Kind angeschnallt, bereit für den Kampf, das Startsignal ertönt, ich trete aufs Gaspedal, alle fahren los. Alle, nur wir nicht. Ich hatte diesen verfluchten Chip vergessen….

Der Rummel ist da! – von Sabine Henriette Schwarz


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