Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   Das Rotkäppchen, die Erbse und der Tod

Kolumnen

Das Rotkäppchen, die Erbse und der Tod

Kinder sind so quicklebendig, voller Abenteuerlust, meistens lustig und immer neugierig auf die Welt. Da blendet man gern aus, dass auch für sie zur Welt gehören sollte, dass Dinge enden können, dass Tiere und Menschen sterben.

Ja, mir ist klar, das ist wichtig, sozusagen existentiell. Aber es ist schwer und ich weiß auch noch, wie ich völlig verzweifelt in Ringelstrumpfhose und Kleiderrock durch die Wohnung gekrochen bin, als sich über Nacht einige Schnecken (ich hatte als Kind eine wunderbare Schneckensammlung. Schnecken sortiert nach Farben der Gehäuse in Einweggläsern) davon gemacht hatten. Trotz Schleimspur auf dem heimischen weinroten Teppich blieben einige verschollen und ich war tief bestürzt. Ähnlich fühlte ich mich als unsere Goldfische plötzlich ihre eigenen Jungen verspeisten und als Lissy, meine Hamsterdame, ebenfalls ihre nackten Hamsterbabys fraß. Als dann unser zweites Meerschwein regungslos im Käfig lag und ich in tiefer Trauer einfach aufhörte zu essen, entschieden sich meine Eltern für die Anschaffung eines Hundes. Damit war das Thema Sterben erst einmal für die nächsten zehn Jahre ausgeschlossen und ich wieder ein stetiger Gast am Mittagstisch. Mir war bewusst, dass auch Menschen sterben können. Aber da ich diese Erfahrung erst im stattlichen Alter von Mitte Dreißig machte, konnte ich mich bis dahin irgendwie davor verstecken.

Jetzt, wo der böse Wolf Rotkäppchens Großmutter frisst, wo in Schneewittchen ein giftiger Apfel steckt, wo Hänsel gebraten und gegessen werden soll und Sterntaler keine Mama mehr hat und mutterseelenallein unterm Himmelszelt steht, hat sich das Thema sozusagen hinterrücks in unser Zuhause geschlichen. Ich wusste, dass diese Fragen kommen werden, dennoch waren sie überraschend, verdammt früh dran und erschienen irgendwie brachial. Wie eine Abrissbirne flogen sie durchs bunte Kinderzimmer und ich gestehe, ich musste mich erst einmal sammeln. Also bloß nicht rumstammeln, stottern, entsetzt oder verärgert schauen, bitte auch keine Tränen beim Gedanken an den großmütterlichen Abschied, kein Lied zur Ablenkung oder statt einer Antwort vom lustigen Puschelschwanz erzählen. Letzteres wäre naheliegend gewesen, denn direkt neben dem Bett lag das Buch von Häschen Schwarzohr.

Ich musste Zeit gewinnen, also holte ich für mich und das Kind etwas zu Trinken und dachte angestrengt nach (es wäre ganz fantastisch gewesen, wenn ich mir vorher dazu etwas überlegt und das nicht panisch in dieser Minute hätte tun müssen). Zum Glück fiel mir die Erbse ein (sicher nicht das pädagogische Paradebeispiel schlechthin, aber ich war froh, dass meinem entsetzten, überraschten Kopf überhaupt etwas einfiel). Die Erbse also …

Letztes Jahr haben wir in einem quietschgrünen Blumentopf eine Erbse gezogen. Das Kind durfte die Erde hineinfüllen, die kleinen Erbsen säen, gießen und, was für eine Freude, schon nach kurzer Zeit sah man zwei kleinen Pflanzen. Ich musste sie mehrfach vor dem Ertrinken retten, denn der fleißige Gießkannenträger war emsig bei der Sache. Die Erbse wuchs, bekam Blätter, erhielt einen Stock und kletterte in die Höhe, liebevoll von uns um den Stock gewickelt. Das ging eigentlich ganz gut, sah auch erfolgreich aus und nach einem sehr heißen Wochenende, an dem wir nicht zu Hause waren, lag sie gelb und traurig am Boden. Was für ein Kummer. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Damals haben wir uns damit getröstet, Erbsen zu kaufen, diese frisch zu naschen und als Gemüse zum Fisch zu machen. Aber man durfte ruhig traurig sein und erst nachdem man sich das vertrocknete Pflänzchen ein paar Tage angesehen hatte, wanderte es auf den Kompost. Fazit: die kleine Erbse wuchs, lebte eine Zeit mit uns und starb dann leider. Auf dem Kompost half sie, schöne neue Erde zu machen und diese haben wir jetzt wieder genommen für das Beet, wo die Sonnenblumen wachsen sollen (Erbsen wurden vom Kind eindeutig abgewählt). Und so wird wieder etwas Neues kommen, wachsen und blühen und leider auch irgendwann wieder wegtrocknen, abtrocknen und das Zeitliche segnen….

Nun ist eine Erbse kaum mit Tieren und Menschen zu vergleichen, aber vielleicht reicht für den Anfang ein kleiner selbstverständlicher Verlust, ein wenig Dunkelheit und Trauer als Gegenpol zur Fröhlichkeit und zur möglichst schönen, farbenprächtigen Entdeckung der Welt?

Das Rotkäppchen, die Erbse und der Tod von Sabine Henriette Schwarz


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.