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Rockzipfel – Das Eltern-Kind-Büro in Leipzig

Rockzipfel Leipzig

Gemeinsam mit den Kindern arbeiten. Geht nicht? Doch – so scheint zumindest auch das Motto von Johanna Gundermann zu sein, die doch tatsächlich 2010 das erste Eltern-Kind Büro Deutschlands hier mitten unter uns in Leipzig gegründet hat. Ihr Hintergrund: sie wollte studieren, aber die beiden Kids noch nicht in fremde Hände geben. So entstand die Idee, mit Freunden und Bekannten abwechselnd Spiel- und Arbeitszeiten zu haben – sozusagen miteinander sein, damit Mama und Papa zum Trösten, Streicheln, beim Mittagessen oder für das Schlaflied ganz dicht sind und vorbei kommen können. Johanna Gundermann suchte Gleichgesinnte, Unterstützer, druckte Flyer und hatte Zuspruch.

Rockzipel Leipzig Office Heute sitzt das Rockzipfel-Projekt auf 160 m²: zwei Büros, zwei Schlafzimmer, ein Spielzimmer, ein Esszimmer, eine Küche und zwei Zimmer, die von freiwilligen Helfern zeitweise bewohnt werden. Aber das war nicht immer so. Der Start fand ein wenig kleiner statt, auf 70 m² und scheiterte dann an der Lautstärke der Kids und der Nachbarschaft. Deshalb muss man gut wählen und schauen. Kinderprojekte brauchen Verständnis und ein wirklich freundliches neben- und miteinander, damit die Integration problemlos funktionieren kann.

Aber wie muss man sich das vorstellen? Wieviel Kinder werden betreut und gibt es pädagogisches Personal so wie bei Coworking Toddler?

In diesem Fall nicht. Beim Rockzipfel hilft man sich untereinander, passt gegenseitig auf die Kids auf und schafft sich so Freiräume. Auch Freiwillige, Senioren und Freunde gibt es, die sorgfältig ausgesucht sind. Frau Gundermann spricht sich eindeutig gegen den Einkauf von Fachkräften aus und in der Tat, gibt es dafür keine Vorgaben und Verordnungen. Sie meint:

Ich rate dazu, keine pädagogische Kraft zu suchen. Bei Rockzipfel geht es gerade darum, die Kinderbetreuung selbst in die Hand zu nehmen… Bei uns stellte sich später heraus, dass die Betreuung durch Freiwillige besser klappt, da die Eltern oft verhindert oder ihre Kinder krank sind. Dadurch konnte nicht garantiert werden, ob an einem bestimmten Tag Kinderbetreuung durch ein Elternteil stattfindet oder nicht. Natürlich könnte ein Kriterium sein, wie viel die Person in die Köpfe der Kinder hineinzupressen versucht, aber es gibt viel schönere und in dieser Zeit wichtigere Kriterien: Hat die Person Lust, mit Kindern zu spielen? Ist sie spielerisch veranlagt? Mag sie Körperkontakt? Kann sie sich vorstellen, die Kinder oft in den Arm zu nehmen oder gar auf dem Rücken zu tragen? Bietet die Person den Kindern etwas zum Spielen an oder beobachtet sie und geht mit dem Flow, wenn die Kinder selbst Interesse an irgendetwas zeigen? Ist die Person kreativ und baut neue Spiele auf, die die Kinder noch nie gesehen haben? Versteht sich die Person gut mit den Eltern? Haben die Eltern ein gutes Gefühl und Vertrauen in die Person? Diese Fragen zeigen gut, dass diese Eigenschaften viel wichtiger sind und keinen Pädagogen voraussetzen.

Durch diesen bewussten Verzicht auf offizielle Pädagogen entfallen auch die riesigen Vorlagelisten von Handtuchhaltern bis zum Klingelknopf, an denen oft ähnliche Ideen scheitern. Die Räume können so gestaltet werden, wie es Eltern und Kinder als angenehm, praktisch und schön empfinden.

Und der Betreuungsschlüssel?

Mit 1:3 bzw. 1:4 ein Traum, wenn man an die oft überfüllten großen Kitas denkt. In Momenten, die besonders fordern, springt auch noch ein zweiter Betreuer ein, denn es sind immer Freiwillige oder sogenannte Übungsleiterinnen da. Frau Gundermann:

Damit decken wir vierzig Arbeitsstunden pro Woche ab: eine fängt um 10 Uhr an, der andere um 11 Uhr. Eine Stunde Mittagspause. Die erste hört um 15 Uhr auf, der andere um 16 Uhr. So gibt es fünf Stunden garantierte Kinderbetreuung.

Doch das gemeinsame Arbeiten und Spielen hat seine natürlichen Grenzen. Bei sechs Plätzen kommen durchschnittlich drei bis vier Kinder pro Tag, bei neun Plätzen kommen etwa sechs. Und bedauerlicherweise funktioniert das Konzept nur für Selbstständige, Freiberufler und Studenten – dennoch: Rockzipfel und Coworking Toddler zeigen einen Ausweg aus der Misere.
Wenn sich dann noch die Auflagen für Kinderbetreuung eher am Engagement, am Wohlfühlen, am Lernen und Spielen statt an sinnfreien Zentimeterangaben für Handtuchhalter orientieren würden, könnten vielleicht mehr Menschen mutig sein und das Glück ihrer Kids selbst in die Hand nehmen.

Daumen hoch für derlei private Initiativen, aber sehr traurig und schmerzlich, dass die Situation von Stadt und Land nicht anders geregelt werden kann – ganz nach dem Motto: Wenn man es wirklich will, schafft man es auch…

 

Aber natürlich reden wir hier nur von einem sehr kleinen Ausschnitt des Bedarfs. Wie groß er wirklich ist? Hier die aktuellen Zahlen:

Land Zahl der betreuten Kinder pro Bundesland bis 3 Jahre

Land Betreute Kinder unter 3 Jahren
Baden-Württemberg 82 534
Bayern 95 243
Berlin 50 589
Brandenburg 34 549
Bremen 5 033
Hamburg 23 977
Hessen 50 034
Mecklenburg-Vorpommern 22 367
Niedersachsen 58 176
Nordrhein-Westfalen 122 774
Rheinland-Pfalz 31 268
Saarland 6 389
Sachsen 55 657
Sachsen-Anhalt 30 368
Schleswig-Holstein 21 887
Thüringen 28 713
Deutschland 719 558
Früheres Bundesgebiet 497 315
Neue Länder (einschließlich Berlin) 222 243

Quelle: Statistisches Bundesamt


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