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Kolumnen

Du riechst so gut.

Es ist abends gegen 19:00 Uhr. Ich sitze in dem leicht in die Jahre gekommenen braunen Drehsessel neben dem Babybett, und es gibt die letzte Milch vor dem Schlafen. Ganz tief vergrabe ich für die zehn Minuten Trinkzeit meine Nase in die flauschigen Haarfransen auf dem Kopf. Warum riechen Babys nur so unglaublich lecker? Ich bin süchtig. Gerade habe ich mich ermahnt, dass so ein Rumgeschnuppere am Kind eben jenes sicher am Einschlafen hindert, als ich es schon wieder tue. Fast so, als ob man nach nur einer Handvoll Kartoffelchips die Tüte wieder freiwillig weglegen würde. Geht leider auch gar nicht.

Warum müssen Babys auch so unwiderstehlich duften? Unser dickes Exemplar zumindest riecht nach warmem Kirschkernkissen, ein bisschen Maggi und nach Teddyhamster. (Die Haare sehen dem Fell auch zum Verwechseln ähnlich und der Vater des guten Kindes war schier entsetzt als er meine Duftbeschreibung hörte. Vor allem der Hamster machte ihm schwer zu schaffen. Aber so ist es eben.) Ein Geruch, der sich nach Ruhe und Nähe, nach zu Hause und Frieden (natürlich nur, wenn das liebe Kind dabei nicht wie am Spieß schreit), nach Geborgenheit und Liebe anfühlt. Ein Geruch, der mir sagt, dass das mein Kind ist. Da gibt es nichts Fremdes, nichts Falsches, nichts Künstliches. Der Geruch kann nicht lügen.

Es ist schwer zu beschreiben, aber ich bedaure zutiefst, dass dieser Duft irgendwann verfliegen wird und wir ihn nicht in kleinen Einweggläsern mit farbigen Schleifchen aufheben können. Nach einem katastrophalen Tag dürfte man sich dann in diesen Kokon aus Gefühlen zurückziehen. Alles würde unwichtig. Nur die Erinnerung an das kleine Wesen, die Wursthändchen, die Füße, die Fettfalten und das zahnlose Lächeln. Wie klein erscheinen dagegen der Chef, der geplatzte Termin oder die missglückte Arbeit.

Gefühle können so trügerisch sein, so verwirrend, irreführend und schwierig. Aber in diesem Fall ist es ganz leicht. Ein Baby duftet nach Baby. Der Duft bahnt sich seinen Weg direkt ins Gehirn und sofort entstehen dort ganze Bild- und Gefühlswelten. Erlebnislandschaften aus unserem Sein, aus dem, was wir waren und sind. Nichts berührt uns mehr als der Geruch. Eine Berührung in Bildern und Erinnerungen sozusagen, die nach dem  Schriftsteller Marcel Proust „Proust-Effekt“ genannt wird. Dieser schrieb einst „,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und Swann, ein Lebemann stürmisch verliebt, wird immer von großer Melancholie übermannt, wenn er frische Sandtörtchen (im Buch viel idyllischer als Madeleines bezeichnet) mit Tee riecht.

In der Tat ist es auch ganz ohne Swann verblüffend, welche Wirkung ein Geruch haben kann. Von animalischer Anziehung bis zur angewiderten Flucht ist alles möglich. Leider stinkt es ganz schön oft, meiner Meinung nach und ich wünschte mir sehr, ich wäre in diesen Momenten beherzt und furchtlos, um das Übel offen anzusprechen. Denn wie sollen die Anderen wissen, dass sie stinken? Sie selbst merken es längst nicht mehr. Und keiner sagt es ihnen. Was für eine ausweglose Situation.

Da setzt sich beispielsweise  an dem ersten freien Abend seit Wochen dieser breite Schatten zum Vorspann eine Sitzreihe weiter.  Ein in Eau de Cologne getränkter Kinobesucher, der sofort die Stimmung ruiniert und meine Popcorn parfümig schmecken lässt. Oder letztens der Stromablesemensch. Dieser zog sich zwar freundlicherweise die Schuhe aus, aber er sollte es besser nicht tun. Ein wenig Sand hätte ich liebend gern in Kauf genommen, wenn ich vorher von den sauren Stinkefüßen gewusst hätte. Trotz Lüften, Dove und Mr. Muscle blieb der Mief förmlich bei uns kleben. Aber natürlich hab ich nicht gesagt: „Verzeihung, ziehen Sie doch bitte schnellstmöglich ihre Schuhe wieder an, ihr Fußschweiß ist eine Zumutung.“  Stattdessen muss ich an meinen ehemaligen Zahnarzt denken. Seine Füße habe ich durch die weißen Gesundheitsschlappen zwar nie zu Gesicht bekommen, aber dafür roch er immer, wirklich immer nach eingelegten Gürkchen. Das hört sich ganz entspannt an, war es aber keinesfalls. Ganz nah kam er (Mundschutz war da offensichtlich noch nicht angesagt), beugte sich über einen,  fing an zu reden (er erzählte viel) und sein Atem mischte sich in unangenehmer Weise mit diesem Zahnarztgeruch nach Desinfektion, Bohrer und Mundspülung. Dieser Gürkchengestank unmittelbar vor der Nase war manchmal schlimmer als das ganze Prozedere auf dem Stuhl.

Gott sei Dank gibt es da noch die anderen, die feinen, schönen Gerüche. In solch Stinkemomenten hilft manchmal ein positiver Gedanke zur künstlichen Kurzatmigkeit – in meinem Fall nach Kaffee, frischer Bettwäsche, Lavendelblüten oder Jasmin, nach Baby, Matsch im Wald oder nach wild, wild Cherry. Letztere verschlang der Vater des duftenden Babys in Massen bei unserem Kennenlernen. Wahrscheinlich konnte ich ihn deshalb so gut riechen.

Du riechst so gut. – von Sabine Henriette Schwarz


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