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Kolumnen

Pizzaritis, Bullabong und Aspecki – alles ist endlich

 

Kürzlich liefen die Kids vor mir die Straße entlang und ich musste mir eingestehen, was die zu kurzen Hosen und mein Mann schon lange vor mir wussten: sie werden groß, sie wachsen einfach.

War man vor kurzem noch der elterliche Nabel der Welt und verfluchte, dass man keine fünf Sekunden für sich selbst hatte, so wird einem heute ganz erwachsen erzählt: „Mami, das ist schon in Ordnung. Du kannst jetzt gehen.“ (Ich stand mit meiner 6 und 3jährigen etwas orientierungslos zur ersten Stunde in der Musikschule.) Ich ging und tröstete mich mit der Kleinen, die ich an die Hand nahm und hinaus führte. Dann kamen wir am Bäcker vorbei und Madame Pompadour wollte ein Brötchen. Okay, also ein Brötchen. Aber als ich hineingehen wollte, erklang von meinem 98cm Zwerg: „Mama, das kann ich allein. Ich brauche nur Geld und Du wartest hier.“ Puh, dachte ich, klar, will man die Kinder zur Selbstständigkeit erziehen, aber muss es denn so schnell gehen. Kommt Mutter-sein nicht auch ein bisschen von bemuttern? Schließlich hat man sich doch mit dicker Kugel und Elefantenfüßen auf das Abenteuer Baby eingelassen… Und bis vor kurzem hatte man noch kleine Pausbacken auf dem Arm, um sie durch die Welt zu schleppen (Kinderwagen fanden meine Mäuse ziemlich öde, weshalb ich in den vergangenen Jahren enorm an Armmuskulatur zugelegt habe.)

Nun erklärt mir die Große, sie hätte einen Freund und sich geküsst, will wissen, warum der Hund kastriert wird und warum er dann keine Babys mehr machen kann, schwärmt von Leon und zeigt mir im Bad, wie toll es doch im Sommer ist, bauchfrei und mit lasziv entblößter Schulter in den Kindergarten zu gehen. Wie bitte? Habe ich was verpasst? Was ist passiert? Nix mit bauchfrei und nackter Schulter.  Sie steht vor dem Spiegel, dreht und räkelt sich.

Madame Pompadour tut es ihr nach. Klar, dass sich die jüngeren Geschwister von den Älteren viel abgucken und das ist ja auch gut so, zumindest beim Zähne putzen, Schuhe zubinden, Anziehen,  beim Klo gehen oder Fahrrad fahren. Aber sonst? Wie amüsant, als es noch Bullabongs zum Geburtstag gab und Aspecki gewünscht wurden. Inzwischen halten die gar nicht mehr dicken Kleinkindfinger ordentlich den gelben Luftballon und selbstverständlich gibt es Spaghetti mit Käse. Und „Also Mami, das kann ich doch allein. Ich bin doch schon groß.“ ist zum Lieblingssatz mutiert. Einzig, den Job des Popo-Wischens habe ich noch nicht abgegeben. Na danke auch. Sehr großzügig.

Noch sitzen wir beim Märchenfilm eng nebeneinander auf der Couch und abwechselnd halte ich dem einen und dem andere Kind die Augen zu, wenn es zu arg gruselig wird. Noch wird mir brühwarm erzählt, direkt beim Abholen, was heute alles schön war oder auch nicht. Noch ziehe ich Puppenkleider an und wieder aus, spiele Memory und entscheide großzügig über das Gummibärchen oder die Pizzaritis (großes Kind entdeckt gerade auch die schwierigen Worte)… Aber wie lange noch?

Selbstständigkeit bedeutet Unabhängigkeit. Natürlich muss man dafür seine Kinder loslassen. Nichts einfacher als das (dachte ich zumindest). Freiraum geben. Kann doch nicht so schwer sein. (Fühlt sich aber mitunter ganz schön schwer an. Bin ich vielleicht doch ein Muttertier?) Es gibt keinen Merksatz, der hilft und erklärt, ab welchem Alter die Kinder etwas allein bestimmen oder tun dürfen. Also probieren, testen wir – und ich übe. Loslassen. Freiraum. Groß werden lassen… hatte ich mir irgendwie einfacher vorgestellt.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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