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Kolumnen

Es ist alles nur eine Phase oder kindliche Stimmungsschwankungen

Stimmungsschwankungen

Vor noch gar nicht so langer Zeit habe ich das Baby durch den Park geschoben. Rote Pausbacken, dick eingewickelt, achtundsechzig Zentimeter mit Fusselhaaren oben und kleinen dicken Wurstfüßchen unten, die noch nicht laufen konnten. Doch aus klein wird groß. Die Natur nimmt ihren Lauf. Alles hat seine Zeit und seinen Rhythmus. So wie sich nach jedem Winter die Schneeglöckchen durchkämpfen und Bäume mit erstem zarten Grün aufwarten, so steckten auch die Wurstfüße irgendwann in Schuhen. Auf wildes, unkoordiniertes Gekrabbel folgten die ersten Schritte und mit etwas mehr Sicherheit rannte der knappe Meter durch die Wohnung. Immer, wenn der kleine Mensch besonders unzufrieden schien, wenn ihm Liegen, Sitzen, Krabbeln nicht mehr genügte und auf den Geist ging, kam danach etwas Neues, etwas Großes, etwas Weltbewegendes. Die Unzufriedenheit schwand wieder und die Freude überwog. Herzlich Willkommen Sonnenschein.

Aber was ist, wenn man schon laufen, springen, hüpfen, tanzen kann und der Sonnenschein nur kurz durch die Wolken blitzt? Orkanartige Sturmböen, Hagel, Gewitterfronten und das kurz vor, danach oder mittendrin im schönsten, sonnigen Lächeln. Das Kind ist vier und stimmungsschwankend. So schwankend, dass ich manchmal gar nicht so schnell mitkomme. Gerade noch wird man geherzt und geküsst, die kleine Wange ruht an der eigenen und man fühlt sich wie im Familienidyll, als allein ein abgerissener Deckel des Quarkbechers zur katastrophalen Missstimmung führen kann. Das Kind wollte den Deckel allein abreißen. Ja natürlich, kann man nur leider nicht vorher wissen. Verschränkte Arme. Man wird keines Blickes mehr gewürdigt. Tiefste Verachtung. Das Kind dreht abrupt das Hinterteil nach vorn und das Gesicht könnte länger nicht sein. Ende der liebreizenden Worte. Ende des morgendlichen Frühstücksfriedens.

Generell ist der Satz des Tages, der Woche und des Monats „das mache ich alleine“, auch wenn in dichter Abfolge wütendes Schnaufen oder herzzerreißende Schluchzen zu hören ist. Irgendetwas hat sich gewagt, nicht so zu funktionieren wie gewünscht. Manchmal stehe ich dann da, beobachte die Szene und bin das einzige Publikum in einer vorhersehbaren Inszenierung. Man sieht was passiert, man spielt schon einmal die Möglichkeiten durch und dann, dann brechen sie heraus, die kindlichen Gefühle, die mich gerade mehr an ausbrechende Vulkane als an Frühlingssonnenschein erinnern. Aber was soll kommen? Welche gigantische Weltbewegung erwartet uns? Oder will das Kind, dass sich etwas bewegt und ist verdrossen, weil nichts geschieht?

Wenn meine Fragen mehr werden und die Antworten immer weniger, wenn mein Unverständnis wächst und mir die Ideen ausgehen, befrage ich manchmal Frau Wahlgren („Das Kinderbuch“), meine persönliche Mama-Motivationshilfe, die es mit neun Kindern ja schon mehrfach durchlebt hat. Sie muss es wissen und ja, bei ihr bin ich auf Seite vierhundertzwanzig fündig geworden.  Demnach besteht unser ganzes Leben aus beherrschenden, verändernden und erforschenden Phasen und auch die kleinen Menschenkinder leben nach dieser eigenen inneren Uhr. Was das genau bedeutet?

Der kleine einjährige Wonneproppen ist ein Forscher, der aufmerksam jeden Schnipsel, jeden Kronkorken untersucht – das gilt genauso für das Essen wie für das Klo. Alles ist spannend und aufregend, überall wartet ein neues Abenteuer, damit ist er ein kleiner zufriedener, neugieriger Knirps. Mit zwei Jahren sollte dann eine beherrschende Zeit voller Vernunft, Ausgeglichenheit, Geduld und Frieden beginnen. Das kleine Menschenkind hat seine Welt kennengelernt, beherrscht diese, weiß, was wie funktioniert und ist zufrieden damit – nur leider nicht lange. Denn dann kommt die große Phase der Veränderung, wo das Kind etwas anders machen möchte. Die Welt ist zu klein geworden und es braucht Alternativen, mehr Raum, mehr Möglichkeiten.

Eigentlich hatte ich genau auf diese Phase so ab zweieinhalb gewartet, aber irgendwie blieb sie aus. Auch eine gigantische Trotzphase ist an uns vorübergezogen. Jetzt glaube ich, sie ist nur irgendwie aufgehalten worden und hing zwischen Robin Hood und Zoes Zauberschrank in der Warteschleife.

Ist ja auch schwierig, wenn die Eltern einfach was Anderes wollen als man selbst (und sei es nur das Öffnen des Quarkbechers). Da ist man schon mal versucht, den eigenen Dickschädel (der möglicherweise erblich bedingt ist) durchzusetzen. Und es macht zornig, wenn das nicht gelingt. Sorry, kleine Maus, ein nein ist ein nein.

Jetzt funktioniert das ganz gut, ich frage mich nur, wie das dann mit dreizehn, vierzehn oder sechszehn wird? Ist das jetzt alles Übung, damit die pubertierende Show umso beeindruckender wird?

Besorgt frage ich beim Mann meines Herzens und dem Herrn Vater nach. Seine Antwort: „Du machst das dann schon…“

Juchhu, Ich freu mich schon sehr.

Trotzt es bei Euch auch? Und wie geht Ihr damit um? Ich bin gespannt.
Eure/Ihre Sabine Henriette Schwarz


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