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Phantasie ist wichtiger als Wissen

„Phantasie ist wichtiger als Wissen“

…schrieb Albert Einstein, denn „Wissen ist begrenzt, Phantasie aber umfasst die ganze Welt.“

Sie ist kostenlos, unbegrenzt vorhanden und – egal was die Welt außen von einem will, in unserer Phantasie können wir alle Angelina Jolie, Arnold Schwarzenegger, Heidi Klum, James Bond oder gar der Papst sein. Hier ist alles erlaubt, hier ist alles möglich. Ein kleiner Rückzugsort auch jenseits der Kindheit und Pubertät, der immer offen steht und mit unserem Wissen und unseren Gedanken gefüllt werden kann.

Forscher gehen sogar davon aus, dass mit der Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, das Denken im eigentlichen Sinne begann. Denn: wenn sich der Mensch etwas nicht vorstellen könnte, beispielsweise was er tun möchte, dann wäre er auch nicht fähig, zielgerichtet zu handeln. Die Vorstellung und Phantasie ist ebenfalls notwendig, um sich in andere Menschen hineinzuversetzen oder hinein zu fühlen. Man kann es auch als positives Denken bezeichnen, aber eine ungeheure Kraft ermöglicht es so, dass Schlaganfallpatienten enorme Fortschritte machen – allein durch ihre Vorstellung der Bewegungsabläufe und auch Leistungssportler müssen sich unmittelbar in ihre Leistung einfühlen, sozusagen den Sieg schon vor ihrem inneren Auge sehen, um ihre Leistungen in Wirklichkeit zu verbessern. Der Grund dafür liegt in den veränderten Gehirnstrukturen, die eine Verbesserung der motorischen Fähigkeiten zur Folge haben.

Laut Jean Paul bezeichnete Phantasie „die Welt-Seele der Seele“ und den „Elementargeist der übrigen Kräfte“.

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Wenn sich also die Elementargeister gerade bei Kindern um das fünfte Lebensjahr herum, sammeln und immer neue Auswüchse annehmen, keine Angst. Selbst wenn sie sich lang, angeregt und stundenlang mit imaginären Freunden im Kinderzimmer unterhalten, ist das völlig normal und sollte von den Eltern entspannt gesehen werden. „Die Vorstellungskraft und Fantasie spielen in der seelischen Entwicklung von Kindern eine wichtige Rolle. Sie helfen dabei, Erfahrungen zu verarbeiten und fördern die Sprachentwicklung“, erklärt Diplompsychologe Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) in Fürth. Die imaginären Freunde in Form von echten Freunden, Tieren oder Märchenfiguren erlauben den Eltern vielmehr einen Einblick in die Vorstellungskraft. Sorge sollte einem das nicht bereiten. Alle früheren Theorien, dass imaginäre Freunde Alarmhinweise seien, auf Entwicklungsprobleme aufmerksam machen oder für eine besondere Ängstlichkeit des Kindes stehen, sind widerlegt worden. Gern kann man als Erwachsener deshalb mitspielen und erfährt so vielleicht Überraschendes über die kindlichen Ängste und Freuden. Es ist sogar zu beobachten, laut Berufsverband, der Kinder- und Jugendärzte, dass solch fantasiebegabte Kinder über bessere erzählerischer Fähigkeiten verfügen als Gleichaltrige.  Wichtig ist aber, das Kind muss die Führung in seiner Phantasiewelt behalten. Die anderen Mitspieler sind sozusagen Gäste.

„Phantasie ist nicht Ausflucht. Sich etwas vorstellen, heißt, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.“ (Eugène Ionesco). 

„Fantasiefreunde helfen Kindern, sich zu behaupten“, sagt Ulrich Gerth, Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. So treten Fantasiefreunde im Kindergartenalter auf. Sie sind verlässliche Partner und helfen durch alle Höhen und Tiefen. Manchmal helfen sie aber auch, Eigenschaften auszuleben, die das Kind selbst gerne hätte. „Vielleicht wäre das Kind gerne mal ein bisschen frech, rebellisch oder gemein, traut sich aber nicht, das auszuleben. Hinter den vermeintlichen Aussagen des Fantasiefreunds kann es sich gut verstecken und gleichzeitig ausprobieren, wie die Sprüche bei den Erwachsenen ankommen“, sagt Ulrich Gerth. Bei einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung ist das völlig normal.

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Und was sagt das Fernsehen dazu?

Forschungsprojekt „Kinderfantasien und Kinderfernsehen“: Fernsehen zerstört die Fantasie der Kinder!
Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI)

Es ist ein Vorurteil, was sich hartnäckig hält und schon so alt ist wie das Fernsehen selbst. Auch heute gibt es komplexe kindliche Fantasiewelten, was auf einen komplexen Zusammenhang zwischen Fantasien der Kinder und mit Aufwachsen in einer Mediengesellschaft schließen lässt. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Kinderfernsehens in Deutschland ging das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) deshalb der Beziehung von Fantasie und Fernsehen für Kinder im mehrnationalen und generationenspezifischen Vergleich nach.

Hier die Ergebnisse:

Fernsehen ist für viele der heute aufwachsenden Kinder ein Bestandteil ihrer Fantasiewelten. Die Fantasiewelten, die sie entwerfen, und die Positionen und Handlungsmächtigkeit, die sie sich dort imaginieren, sind in unterschiedlichen Kulturen ähnlich.

Informationen aus dem Fernsehen, Medienfiguren, Medien-Settings oder auch ganze Handlungen werden zu Teilen der Fantasie. Im Generationenvergleich fantasierten Kinder, die ohne Fernsehen aufgewachsen sind, ganz ähnliche Handlungswünsche und Welten, aber mit anderem Material (z.B. Ideologien des Nationalsozialismus oder DDR-Sozialismus).

Für alle Befragten sind es die eigenen Geschichten, mit denen die eigenen Themen und Erfahrungen bearbeitet und interpretiert werden. Für Kinder, die 2001 acht oder neun Jahre alt sind, spielt Fernsehen eine deutliche Rolle. (Kinder-)Fernsehen könnte Fantasien fördern, wenn es Kinder in ihrer Vielfältigkeit, in ihren Erfahrungswelten und Aneignungsmustern anerkennt und Fantasiefreiräume öffnet.

„Inhaltlich begrenzt Fernsehen da, wo es Werte und Deutungsmuster anbietet, die den Interessen der Kinder entgegenstehen. Im Alltag der Kinder wird die Fantasie aber auch durch negative Rückmeldung zu ihren Fantasien und durch zu lange Fernsehzeiten begrenzt. Insofern ist das Fazit nicht kulturpessimistisch aber auch nicht unkritisch: Fernsehen hat einen nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Fantasie. Es könnte die Fantasie fördern, wenn Kinder und ihre Eltern medienkompetent mit den Inhalten, der Fernsehdauer und den Gesprächen, die auch Fernsehspuren enthalten, umgehen könnten – und wenn Produzierende sich ihrer Verantwortung bewusst sind, Kinder nicht ausnutzen, sondern sie versuchen zu fördern, und sie als die ernst nehmen, die unsere Gegenwart sind und die, die unsere Zukunft gestalten. In diesem Sinne muss es darum gehen, Räume für Fantasie öffnen und nicht zu verschließen.“

(Quelle: http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/forschung/kinderfantasien.pdf)

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Wie können Eltern die Fantasie ihrer Kinder unterstützen?
Die Berliner Diplompsychologin und Buchautorin Helga Gürtler gibt sieben Tipps:

1. „Spinnen“ Sie mit

Die kindliche Fantasie sollte ernst genommen werden. So ist die Angst eines Kindes vor dem Monster unter dem Bett real und sie sollte nicht mit einem „Spinn nicht rum“ oder „Hab dich nicht so“ abgetan werden. „Bleiben Sie mit dem Kind in der Fantasiegeschichte“, rät Helga Gürtler. „Finden Sie innerhalb dieser erfundenen Welt eine Lösung für das Problem – am besten gemeinsam mit dem Kind.“ Vielleicht geht das Monster einfach wieder nach Hause, weil es hier gar kein richtiges Bett hat? Oder seine Eltern suchen es daheim in seiner Höhle? Das nimmt dem Kind die Angst, fördert die Kreativität und macht auch den Erwachsenen Spaß.

2. Raus in die Natur

In der Natur bekommt das Kind neue Impulse. Also raus! Die Natur ist ein echter Abenteuerspielplatz. Wichtig: „Eltern sollten nur Ideen anstoßen“, sagt Gürtler. Aber es ist und bleibt das Spiel des Kindes, nichts sollte angewiesen oder aufgezwungen sein. Dafür darf das Kind entscheiden und sich so im Wald, auf dem Feld oder im Park austoben..

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3. Bitte nur wenig Spielzeug

Kinder brauchen kein übervolles  Kinderzimmer – sie brauchen Platz für ihre Ideen. Gürtler: „Viele Spielsachen sind in ihren Einsatzmöglichkeiten stark begrenzt. Sie lassen nur eine bestimmte Art von Spiel zu.“ Oft ist weniger einfach mehr, denn dann ist der Weg und die Verwendung der Dinge nicht vorgegeben. Oft genügen ein leeres Blatt Papier und ein paar Buntstifte und schon geht’s los..

4. TV und PC sind nicht tabu

So schlimm ist beides nun auch nicht. „Das ist wie mit dem Alkohol bei Erwachsenen“, sagt Helga Gürtler. „In Maßen und nur zu besonderen Gelegenheiten konsumiert, ist nichts dagegen einzuwenden.“ Kinder haben die Fähigkeit, sich in die Geschichten auf dem Bildschirm hineinzuversetzen. Eltern können und dürfen aber danach mit ihren Kindern reden oder das Erlebte im Spiel weiter verarbeiten.

5. eine Gute-Nacht-Geschichte

Statt dem Buch, können Eltern und Kinder gemeinsam auch eine Geschichte ersinnen. Vielleicht fängt einer ein und das Kind erzählt dann weiter? Oder um bestimmte Stichwörter muss etwas passieren? Was kann man zum Beispiel mit einem Koffer machen? Das Kind kann gut Hauptperson und Handlungsort vorgeben, ebenso kann es Vorschläge machen, wie die Geschichte weitergeht. So fördert man die Problemlösungsfähigkeit und das konstruktive Denken.

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6. Ideale Spielgefährten

Helga Gürtler empfiehlt: „Kinder spielen am besten und fantasievollsten mit anderen Kindern“. Das Spiel mit Erwachsenen darf nicht zur Dauerlösung werden.ideale Spielgefährten

7. die Langeweile

„In der schöpferischen Langeweile liegt ein großes Fantasie-Potenzial“, sagt Helga Gürtler. Nur wer Langeweile kennt, kann sich aus der Situation heraus etwas einfallen lassen, Ideen entwickeln oder einfach auch nur in den Tag träumen. Auch das kann sinn und fantasievoll sein.

Fazit:

Für Aristoteles war die Phantasie eine eigene Qualität der Seele.
Für Montaigne war sie der Ursprung von Leidenschaft und Erkenntnis.
Marquis de Sade verstand die Phantasie als Quelle des tiefsten Glücks des Menschen.
Freud sah in ihr die Möglichkeit, Trieben ein Ventil zu geben, sie im Kopf auszuleben.

Alles stimmt, alles ist möglich, sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen. Deshalb sollte man sich und den Kleinen genug Raum geben, damit sie nicht vor lauter Arbeit und Terminen erdrückt wird.

Nehmt Euch Zeit für Phantasie und genießt den Juli!

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