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Das Phänomen Fußball – Zusatz zum Fußball-Spezial

Das Phänomen Fußball - Zusatz zum Fußball-Spezial

Wir haben beim SV Lindenau 1848 e.V.  genauer nachgefragt, was es wirklich heißt, im Fußball aktiv zu sein, wie man Talent erkennt und in welchem Alter mit der Förderung begonnen werden sollte. Die Experten bestätigen, dass es beim Sport am Wichtigsten ist, dass die Kids Spaß haben und von Eltern und Trainer nicht dazu gezwungen werden. Im Gespräch mit Bambini-Trainer Martin Hammel und Pressewart Björn Mencfeld.

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*Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Kindern?

Ich bin seit 2010 Kindertrainer beim SV Lindenau 1848 e.V.

*Die TU-Lehrstuhl für präventive und rehabilitative Sportmedizin stellt fest, dass Grundschulkinder heutzutage bis zu neun Stunden sitzend verbringen und viel zu wenig Sport treiben. Die Begeisterung fehlt. Das hat eine schlechtere Ausdauer und eine geringere Konzentrationsfähigkeit zu Folge. Stellen Sie in Ihrer Arbeit mit dem Nachwuchs Veränderungen fest? Werden die sportlich talentierten Kinder aus Ihrer Erfahrung heraus weniger?

Unser Verein ist ein Breitensportverein, dementsprechend groß ist die Bandbreite an Kindern, die zu uns kommen. Selbstverständlich lassen sich die Folgen des Bewegungsmangels, dem Kinder ausgesetzt sind, auch bei uns beobachten. Viele Kinder und Jugendliche haben vor allem im koordinativen Bereich enorme Defizite. Wir versuchen dem entgegenzuwirken, indem wir auf altersgerechte Übungsformen achten und wollen Kinder und deren Eltern dazu animieren, auch außerhalb des Fußballtrainings Sport zu treiben.

*Wesentliche Voraussetzung für Erfolge im Nachwuchsleistungs- und Spitzensport ist die Talentsuche und Talentförderung im Sinne einer mittel- und langfristigen Begleitung. Wie sieht die Arbeit beim SV Eintracht Leipzig-Süd e. V.  (ich vermute mal Sie meinen SV Lindenau 1848. e.V.) im Detail aus?

Wir betreiben keinen Leistungs-, sondern Breitenfußball. Unser Nachwuchskonzept orientiert sich stark an der DFB-Ausbildungskonzeption. So werden selbstverständlich auch bei uns talentierte Kinder speziell gefördert. Sie bekommen im Training kompliziertere oder zusätzliche Aufgaben und können in älteren Altersklassen trainieren und spielen, solange sie das nicht überfordert. Außerdem besteht für die talentiertesten Kinder die Möglichkeit eines zusätzlichen Trainings pro Woche am DFB-Stützpunkt in Leipzig.

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*Eine systematische Zusammenarbeit von Schule und Verein soll die Effektivität der Talentidentifikation und – entwicklung steigern, wie findet in Leipzig, in Mitteldeutschland, Deutschland eine Art schulische Talentsichtung statt?

Wir selbst bieten eine breitensportorientierte Fußball-AG in einem Schulhort an. Allerdings ist das nicht mit einer Talentsichtung gleichzusetzen. Ansprechpartner für derartige Fragen sind sicher die Sportfachverbände.

*In welchem Alter sollte mit einer Förderung des Kindes begonnen werden? Wie erkennt man Talent bei den Kids?

Kinder brauchen von Beginn an vor allem Freiraum, in dem sie sich bewegen können. Dazu zählt nicht nur eine abwechslungsreiche Umgebung, sondern auch, dass Eltern/Erzieher sie nicht zu überfürsorglich behandeln und das freie Spielen der Kinder ermöglichen.

Sportliche Förderung der Kinder, ob in Verein oder KiTa/Schule macht ab dem Alter Sinn, wo das Kind es selbst will und auch in der Lage ist, sich in einer Gruppe hinreichend konzentrieren. Das ist bei manchem schon mit vier Jahren der Fall, bei anderen eben erst nach der Einschulung. Wichtig beim ersten Kontakt der Kinder mit Sport ist, dass sie sich dabei wohlfühlen und schnell Erfolgserlebnisse verbuchen können. Dann wird sich den Kindern eine lebenslange Assoziation von Sport mit Freude entwickeln.

Ob Kinder talentiert sind, lässt sich z.B. beim Fußball oft schon nach den ersten paar Trainingseinheiten an der Schnelligkeit der Umsetzung des Erlernten erkennen. Dass heißt aber nicht, dass man das Kind gleich zum Profifußballer ranziehen muss. Schließlich soll Talent keine Verpflichtung für das Kind sein.

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*Die sportliche Leistung wird nicht allein durch die Perfektion in der Ausübung sondern auch durch die psychologischen Leistungsvoraussetzungen (wie wettkampfbezogene Konzentration, Emotionsregulierung oder die positive Selbsteinschätzung hinsichtlich der zu erbringenden Leistungen) bestimmt. Wie werden die Nachwuchsspieler  diesbezüglich betreut?

Wir motivieren unsere SpielerInnen positiv, betonen stets deren Stärken und arbeiten gemeinsam an ihren Schwächen. Wichtig ist, niemandem Vorwürfe für individuelle Fehler zu machen – schließlich kann aus ihnen gelernt werden. Das heißt nicht, dass Fehler nicht angesprochen werden, aber Ziel ist stets, dass der Spieler diesen selbst erkennt und bestenfalls eine Lösung dafür entwickelt. Die Aufgabe des Trainers ist es dabei, diesen Prozess unterstützend zu begleiten, ohne die Kreativität des Spielers dabei übermäßig einzuschränken.

*Die Vereinbarkeit von Spitzensport und Schule ist ein großes Thema. Was heißt das in der Umsetzung?

Das müssen Sie die Vereine fragen, die Spitzensport betreiben, sprich RB Leipzig.

*Sie verfolgen eine tolle Integrationsarbeit im Verein. Wie erfolgt diese auf dem Trainingsplatz?

Das geht in unserem Falle sehr einfach: Ob Kind oder Erwachsener – wer bei uns trainieren und spielen will, kann das in den bestehenden Mannschaften und Übungsgruppen tun. Eine Sonderstellung für Sportler mit Migrationshintergrund ist dabei nicht notwendig und wäre vermutlich im Sinne der Integration sogar hinderlich.

*Haben Sie einen Wunsch an die Eltern, die ja maßgeblich die Bewegung und die sportlichen Tätigkeiten ihrer Kinder mitbestimmen?

Das Wichtigste für eine nachhaltige Hinwendung von Kindern zum Sport ist, dass ihre Eltern und Trainer die Kinder zu nichts zwingen oder ihre eigenen Leistungsansprüche auf sie projizieren, sondern sie mit freudbetonten Angeboten zum Sport motivieren.

Beantwortung durch Martin Hammel und Björn Mencfeld (beide SV Lindenau 1848 e.V.)

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