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Pfui oder lecker: Nägelkauen und was Eltern tun können

Babyhände

Eltern, Großeltern und Erzieher wünschen sie sich hübsch sauber und geschnitten – keine kleinen abgeknabberte Dreckspaten. Für Kinder, und wenn wir ehrlich sind nicht nur für Kinder, sind die Nägel aber vor allem zum Knabbern da. Egal ob beim Fernsehen, beim Nachdenken oder beim Spielen, fluchs, sind die kleinen Fingerspitzen im Mund verschwunden. Das Nägel-Knabber-Problem (nach aktuellen Untersuchungen kauen zwischen 28 und 45% der Kinder) ist weit verbreitet und bereitet den Eltern oft Sorgen.

„Nägelkauen ruft bei den Eltern meistens einen größeren Leidensdruck hervor als bei den Kindern“, sagt die Psychologin Antje Hunger aus Lünen. „Dabei bessert es sich manchmal von selbst wieder. Man sollte nicht sofort mit Kanonen auf Spatzen schießen, bei den meisten Kindern ist es nur eine harmlose Angewohnheit.“

Eine Krankheit ist es jedoch nicht. Eltern müssen sich erst Sorgen machen, wenn sich das Kind durch das Kauen selbst verletzt, so dass die Finger blutig oder entzündet sind. Nach Meinung von Psychologen sollte man erst einmal ein paar Monate lang abwarten, ob es von selbst wieder aufhört. Erst wenn ein Kind (oder ein Erwachsener) tatsächlich darunter leidet, zählt man Nägelkauen zu den Impulskontrollstörungen; also zu psychischen Störungen, die dazu führen, dass Betroffene Dinge immer wieder tun, obwohl sie zu ihrem eigenen Schaden sind.

Also: was kann man als Eltern tun, wenn das Kauen nicht von allein aufhört? „Irgendwann wird Aufhören schwer, weil Nägelkauen schnell automatisiert wird“, sagt Jürgen Hoyer, Professor für Psychologie an der TU Dresden. „Man merkt bald nicht mehr, wenn man es tut, und die Finger hat man eben immer dabei.“

Da hilft weder Senf auf die Fingerspitzen streichen noch Bitterextrakt. Auch Bestrafungen und Schimpfen nach dem Motto: „Wie Du wieder aussiehst. So bekommst Du später keinen Mann/keine Frau.“ helfen nix. Wenn das Kind nicht mehr aufhören kann, ist dies alle wirkungslos. Wirkungsvoller soll es sein, dem Kind zunächst ein leicht zu erreichendes Ziel zu vermitteln und erste Erfolge gebührend zu feiern. Wenn ein Nagel auch nur einen Millimeter gewachsen ist, soll es stolz auf sich sein. So ist es besser, das große Problem in kleinen Teilschritten anzugehen. Dazu gehört auch, dass das Kind statt „Hör auf Nägel zu kauen.“ eher ein „Verzichte heute doch mal darauf.“ zu hören bekommt.

Generell sollten Eltern nicht gleich an psychische Probleme, Belastungen oder Ängste denken. Die Finger sind einfach immer dabei und eine gute Ablenkung. Einen konkreten Auslöser gibt es tatsächlich selten, wahrscheinlicher sind „diffuse Spannungszustände, kleine Ängste, die sich so durch den Tag ziehen“, sagt Psychologieprofessor Hoyer. Kauen ist – ähnlich wie Fußwippen oder Daumenlutschen – eine evolutionär tief verankerte Möglichkeit, um sich zu beruhigen, um Spannung abzubauen und sie auf etwas zu lenken, das vertraut und harmlos ist. Man kann es als eine Art Übersprungshandlung sehen, ähnlich den Hühnern, wenn sie nicht artgerecht gehalten werden. Sie zupfen sich die Federn raus und picken auch ohne Futter auf dem Boden herum.

Gut, dass sich die Erkenntnisse zu diesem Thema geändert haben, denn früher, d.h. bis in die sechziger Jahre hinein, glaubte man beim Nägelkauen an eine oral-erotische Befriedigung und dass die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen an einem ungelösten Ödipuskonflikt leiden. Da sind „diffuse Spannungszustände“ doch eindeutig besser, wenn auch nicht optimal….

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