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Kolumnen

Paarsymbiose

Paarsymbiose

Heute früh stand ich beim Bäcker und hinter mir wartete eine Dame: Mitte sechzig, graue Locken, in blauer Winterjacke mit rot weißen Streifen, Jeans und schwarzen Schuhen. Ich kaufte, was das frühmorgendliche Gelüst an Nahrung verlangte und ging hinaus. Draußen begegnete ich ihm (nein, nicht dem Mann meiner Träume, der war zu Hause): ein älterer Herr, Hut, blaue Winterjacke mit rot weißen Streifen, Jeans und schwarzen Schuhen. Ich stieg ins Auto, betrachtete das skurrile Pärchen, sah Frau und Mann als optische Zwillinge neben der Haltestelle stehen und dachte, komisch, dass man sowas freiwillig machen kann und schön findet. Auf keinen Fall werde ich mal so dastehen.

Aber, zum Vergleich,  vor Jahren habe ich auch die Leute belächelt, die immer sagten „Herr und Hund müssen sich ähneln.“ Nun, ich lächelte so lange bis ich selbst so ein Fellmonster hatte und man mir immer wieder sagte „Mensch, der passt aber gut zu Dir.“ Wie, der passt gut zu mir, dachte ich. Stehe ich auf Leine und Halsband? Habe ich so treue Glubschaugen und zotteliges Haupthaar, gehe ich Gassi und bin schwer satt zu kriegen? (Ok, letzteres ist schon der Fall. Ich bin eben oft hungrig, aber das gehört jetzt nicht hierher.)

Unabhängig vom Hundethema bleibt die Frage, ob sich Mann und Frau wirklich im Laufe ihrer Beziehung ähnlich werden? Ähnlicher Stil, ähnliche Hobbys, ähnliche Einrichtung (notgedrungen, die meisten wohnen ja zusammen), ähnliches Essen (das definitiv, denn schließlich isst man miteinander – außer: man kann sich grad nicht leiden)…

Heißt das, ich werde irgendwann unbeabsichtigt wie mein Herzallerliebster sein und er wie ich? Oder finden wir uns miteinander irgendwo dazwischen? Mir ist schon klar, dass ich den Mann meiner schlaflosen Nächte, rein aus psychologischer Sicht, attraktiv gefunden habe, weil wir uns ähnlich waren (Verzeihung, sind). Zudem war er lustig, clever, ein wenig geheimnisvoll, trank leckere Cocktails, konnte Kochen und hörte gute Musik.

Aber manifestieren sich Ähnlichkeiten im Laufe der Beziehung derart? Das würde ja bedeuten, dass man sich dann kontinuierlich äußerlich und innerlich, im Denken, Fühlen und Handeln anpasst? Akkurate, pünktliche, unprätentiöse Bürohengste zu ebenso adretten, ordentlichen, genauen Bleistiftrock-tragenden Damen. Wilde tätowierte Kerle zu außergewöhnlichen, bunten, ebenfalls tätowierten Bräuten? Nun gut, das ist nicht so ganz von der Hand zu weisen.

Auch, wenn mir der Gedanke etwas gruselig erscheint, ich habe nachgesehen und Robert Zajon von der Universität Michigan sprach bereits vor drei Jahrzehnten in diesem Zusammenhang von einer Paarsymbiose, die vom Bett, über den Herzschlag bis zu den gleichen Gesichtsfalten reicht.

In der Tat soll sich besonders in der Anfangsphase einer Beziehung der Schlafrhythmus angleichen. Der Takt wird vom stärkeren vorgegeben und vom anderen akzeptiert – generell bis zum zehnten, gemeinsamen Jahr. Dann sinkt nämlich die Bereitschaft, die nächtlichen Störungen des anderen zu tolerieren und nach ein wenig Gemecker und Murren sind dann oft zwei Schlafzimmer die Folge.

Denn: irgendwann hilft die weibliche Empathie nicht mehr. Die geht (wissenschaftlich belegt) sogar soweit, dass Frauen in einem geschlossenen Raum selbst Atmung und Herzschlag ihrem Partner anpassen. (Bei unliebsamen Menschen oder ist der Geliebte weiter weg, passiert das übrigens nicht.)

Und die ähnlichen Gesichtszüge, die man oft auf Bildern zur silbernen oder goldenen Hochzeit auf Fotos erkennt?

Das gemeinsame Leben, die Zeit miteinander mit all dem Lachen, Weinen, Bangen, Sorgen und Freuen zeigt sich in den Gesichtern. Selbst Gesichtsausdrücke und Kopfhaltungen sollen unbewusst vom anderen übernommen werden, so dass nach Jahren und Jahrzehnten ein ähnliches Muster aus Falten und Furchen entsteht.

Na großartig – ich und er, wir werden also beide irgendwann ähnlich zerfurcht auf einer Bank sitzen, das gleiche Schälchen Obstbrei in der Hand, hoffentlich lächelnd auf ein gemeinsames Leben zurück blicken, um dann in verschiedenen Schlafzimmern voneinander zu träumen? Könnte schlechter sein, oder?

Übrigens, die meisten wünschen sich zwar für DEN Menschen an ihrer Seite möglichst viele gemeinsame Wesenszüge Werte und Einstellungen (ist ja auch einfacher), aber die wunderbare Seelenverwandtschaft soll es laut Herrn Eastwick (Psychologe aus Texas) nicht geben. Herr Eastwick, Sie irren sich… ich bin mir sicher.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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