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Kolumnen

Mutterliebe

Heute war wieder einer der Tage. Ich kam zur Abholzeit im Kindergarten an, den Kopf noch voll Büro, das T-Shirt klebte an der Brust als ich leicht aus der Puste den Spielraum öffnete, der sich am Ende des Ganges mit den bunten Garderoben befindet. Kleine ebenso verschwitzte Menschen spielten, saßen und liefen herum, standen am Fenster. Ein Kosmos für sich. Zwergenland eben. Ich horchte, kniete mich in der Tür hin, schaute ein paar Sekunden zu bis die Meute auf mich aufmerksam wurde. In Düsenjetgeschwindigkeit rannte mein Zwerg mit dem strahlendsten Lachen der Welt auf mich zu, presste sein feuchtes Köpfchen und die kleine Sabberschnute an meine Brust und verkündete lautstark „Arm. Mami Arm.“ Nicht erwähnenswert, dass das kleine Menschenkind von da an keinen einzigen Schritt mehr alleine machte. Egal ob angesabbert, vollgeschmiert, klebrig oder nass, ich war glücklich. Welch Freude, den knappen Meter wieder zu haben. Nichts, aber rein gar nichts, hätte eine weitere Verspätung begründet.

Zwei Stunden später sitzen wir beide am Planschbecken, dass ich wohlwollend aufgestellt habe. Das Kind ist verängstigt und versteht nicht, dass ich ihm lediglich ein wenig Frische und Kühle verschaffen will. Deshalb sitzen wir beide einträchtig beieinander. Der nackte Po auf meinem Schoß, abwartend, lauernd. Ich hingegen preise ruhig und im Wiederholungston einer rissigen Schallplatte das kleine Badevergnügen an. Umsonst. Wenig später ist auch mein Mutterherz überzeugt, dass die einzig wahre Beschäftigung bei gefühlten dreißig Grad im Schatten das gemeinsame Schaukelvergnügen ist. Ja, da habe ich wohl einen Fehler gemacht. Schaukeln bedeutet bei uns: ich schaukele und Miss Nackedei sitzt falsch herum auf meinen Beinen, legt schwungvoll den Kopf nach hinten und ich halte sie. Mitunter wird mir auch liebevoll das Shirt nach unten gerissen, begleitet von Ausrufen wie: „Mama. Titti“. Was für ein Gaudi – auch wenn sich bald der Himmel dreht und ich nach Luft japse. Aber ist es nicht zu schön? Dieses strahlende, pausbäckige Gesichtchen, wie die Haare auf der Stirn kleben, die kleinen dicken Beine und dieses glucksende, glückselige Quietschen als ob ich in dem Moment der Nabel der Welt wäre. Für den kleinen Menschen bin ich wichtig. Ich, Mami, noch vor fünf Jahren hätte ich jedem Menschen den Vogel gezeigt und mich brüsk abgewendet.

Inzwischen halte ich es eher mit Kleist (Heinrich von), der zu Beginn des 19. Jahrhunderts anonym unter dem Titel „Mutterliebe“ im Berliner Abendblatt veröffentlicht hat. Eine Geschichte, die genau beschreibt, was Mutterliebe nach Ansicht der meisten Menschen ausmacht: selbstlose Aufopferung für die Kinder. Eine Geschichte, die man übersetzt in die heutige Zeit vielleicht mit einer Bild-Schlagzeile gleichsetzen könnte, die folgendermaßen lautet: Mutter erwürgt beißwütigen Schäferhund mit bloßen Händen als dieser das Kind angefallen hat.
Der Grund: eine gigantisch große Liebe, die man sich vorher (also in der Phase von mit-ohne-Kind) nie hätte vorstellen können. Man denkt, man schafft es nicht mehr und dann, ein Strahlen, ein Rufen, Gefahr in Verzug und schon ist man da, wie eine Wölfin, die ihre Jungen verteidigt, beißt man alles weg, was dem eigenen Nachwuchs zu nahe kommt. Alles ist möglich und man ist zu Dingen fähig, die man vorher vehement abgelehnt oder als unmöglich abgestempelt hätte.
In der Tat, aus nüchterner wissenschaftlicher Perspektive betrachtet, ist Mutterliebe nichts anderes als ein Trick der Natur, Frauen dazu zu bringen, sich Tag für Tag und Nacht für Nacht um ihren Nachwuchs zu kümmern. Sie müssen das Baby mit höchstem Einsatz beschützen, es mitten in der Nacht füttern, dem eigenen Schlafbedürfnis zum Trotz (was ist schon Schlaf, wenn es Kaffee gibt?), und durchschnittlich 4500-mal pro Kind wechseln sie die Windeln. Dennoch ist Mutterliebe beim Menschen nicht nur naturgegeben. Sie ist nicht vom Tag der Geburt selbstverständlich einfach da. Sie entwickelt sich und ja, ich gebe zu, dass ich zu Beginn unsicher und schüchtern war. Am liebsten hätte ich das rosa zerknautschte Puppengesicht in die Wiege gelegt und einfach nur betrachtet. Jede Handlung barg die Gefahr, etwas falsch oder kaputt zu machen.

Doch jetzt schaukeln, toben, schmusen, trotzen, lachen, schimpfen wir und ich habe das Gefühl von so viel unmöglicher, mächtiger, gewaltiger Liebe in mir, dass es manchmal fast beängstigend ist….

Auf einen Sommer voller Liebe und darauf, dass wir nie jemanden mit bloßen Händen erwürgen müssen.
Ihr/Eure Sabine Henriette Schwarz


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