Home  »  Kolumnen   »   Mama-Wunsch und Wirklichkeit

Kolumnen

Mama-Wunsch und Wirklichkeit

mama-wunsch-wirklichkeit-kolumne

 

Ich weiß noch genau, wie es am Anfang war. Das kleine neue Menschenkind war auf der Welt. Sie und ich hatten es geschafft. Wir schauten uns verliebt und ungläubig an, versuchten uns zu strukturieren, den Tag und die Nacht neu gemeinsam zu lernen. Und die Stunden bestanden aus wiegen, schlafen, schreien, füttern, wickeln, spazieren. Abends erzählte ich meinen spektakulären Tag dem Herzallerliebsten bevor es ans singen, füttern, wickeln und (mit viel Glück) ans schlafen ging.

So war es eben und für die ersten drei Monate des Mama-seins fand ich das auch wirklich ausreichend und erfüllend. Dann wollte der Kopf und das Herz ein wenig mehr. Inspiration! Andere Menschen! Ein neuer Kosmos jenseits von Park und Einkaufen! Eine kleine, bunte Abwechslung als Homage an mein früheres Ich – weggehen, sich schick machen (wie ging das eigentlich noch so ganz ohne Schlabbershirt?), ein Cocktail, ohne Baby, einfach nur er und ich, ein Konzert in einem düsteren Club. Nicht lange, um acht hin, halb elf zurück.

Was für eine Aufregung, die nach dem Karlsbader Toast und nach dem zweiten Schluck jäh unterbrochen wurde, als das liebe befreundete Pärchen am Telefon war und wir vor lauter Schreien kaum verstanden, was sie uns zu sagen versuchten. Bäng. Alle Mamagefühle und das schlechte Gewissen sprangen bis in die letzte Gehirnwindung. Panisch zahlten wir, rannten zum Auto und fuhren nach Hause, wo das kleine, geschwitzte rote Menschenbündel, kaum auf meinem Arm, selig einschlief.

Wir hatten es versucht, nur eben nicht besonders erfolgreich.

Andere Abende folgten, aber die Abstände zwischen den Versuchen wurden immer größer. Kaum vorstellbar, aber ein ruhiger Platz auf der Couch erscheint einem irgendwann viel erstrebenswerter als die coolste Party, die beste Inszenierung und das leckerste Essen. Es macht einfach keinen Sinn, wenn man abgekämpft und platt die Mäuse verarztet hat, wenn die abendliche Zu-Bett-Geh-Orgie (wie immer, wenn man sich was vorgenommen hat) nicht reibungslos, lieb und leise verlaufen ist und das Glücksgefühl auszugehen noch nicht einmal bis zur Haustür kommt. So fügt man sich dem Schicksal, ist eine lange Zeit nur Mama und Papa, die sich ein Glas Wein auf dem Balkon gönnen oder Freunde einladen, um den menschlichen Kontakt nicht zu verlieren. (Ja, ich weiß, es gibt auch Eltern, die mit fantastischen, wunderbaren Großeltern gesegnet sind und so ein wenig Freiraum haben. Aber man kann sich nun einmal nicht aussuchen, ob man jene erstrebenswerten Exemplare in der Familie hat. Wir eben leider nicht…)

Und dann? Irgendwann eröffnet sich eine Lücke, die völlig überraschend im Terminplan Platz findet. Das Kind schläft woanders, besucht Kita-Freunde, macht einen Ausflug – ganz ohne uns. Mit etwas Abstand betrachtet, eine prima Angelegenheit. Da ist ein wenig Zeit und Raum, um das alte Ich, welches zwischen Teddybären und Puh-Bettwäsche im Winterschlaf liegt, zu wecken. Frühstücken gehen, Ausstellungen besuchen, Frisör, Sport, Ausgehen – wenn ich doch nur nicht so raus wäre. Keine Ahnung, was da für Läden in den letzten Jahren eröffnet haben und schicki sind. Ich freu mich – wirklich. Doch der Termin des Abschieds rückt näher und je weniger gemeinsame Zeit uns bleibt, um so banger wird mir. Dumme Mamahormone, die da laut rufen und mir schon seit Tagen Alpträume bescheren. Meine Babys, die Nacht für Nacht fast ertrinken, die sich am Feuer verbrennen, die mit einer Axt im Fuß ums Zelt laufen. Ja, mein Unterbewusstsein ist blutig, erschrocken, alarmiert und um ein vielfaches aufgeregter als bei unserem missglückten Konzertbesuch.

Ja, so ist das. Erst schielt man sehnsuchtsvoll zu den anderen, die da frisch, fromm, fröhlich, frei ihre Abende und Wochenenden gestalten. Und dann darf man selbst und weiß gar nicht so recht, wohin mit all der Freiheit. Mit dem Selbst, dass früher wild durch die Nacht gesprungen ist – voller Lust und Neugierde. Gibt es das alte Ich überhaupt noch?

Ich werde es wohl auf einen Versuch ankommen lassen müssen und mich vorsichtig an die neue Freiheit wagen…

In diesem Sinne, auch Trennungen müssen gelernt werden. Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

Tags

verwandte Artikel

  • 21.09.2017

    Zwillinge? Ja, Zwillinge…. Teil 1

    Jede Schwangerschaft, in der Sie mehr als ein Kind erwarten, wird Ihr Arzt/Ihre Ärztin als Risikoschwangerschaft einstufen. Aber das bedeutet nicht zwangsweise, dass Sie mit...

  • 20.09.2017

    Brigitte Blobel: "12 erste Male"

    \"Ein richtig gutes, einfühlsames, offenes Buch, das man allen jungen Menschen ins Buchregal stellen sollte.\"(Buchkultur) Passend zu unserem gestrigen Thema empfehlen wir heute...