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Familie und Leben

Märchenzeit Teil 2

Nachdem wir am Mittwochgeklärt haben, dass ein Verzicht auf Märchen nicht notwendig ist – auch wenn es brutal und mörderisch zugeht – wollen wir uns heute damit beschäftigen, wie Kinder Märchen sehen.
 
Für sie ist die Erklärung, dass Geschichten aus einer längst überholten, autoritären Zeit mit überholten Rollenbilder stammen, unrelevant. Sie sehen vor allem Geschichten voller Symbole. Für sie ist es nicht verwunderlich, wenn Wölfe sprechen, Tische sich von selbst decken, Geld vom Himmel regnet und kleine Jungen sich in Rehe verwandeln. Diese wunderbaren Ereignisse entsprechen der Phantasie von Kindern, die die ganze Welt vom Tier bis zum Stein als belebte Wesen empfinden. Kinder lieben die Sprache der Märchen und ihre klaren Bilder, wo gut und böse eindeutig zu unterscheiden ist. Die Hexe und der böse Wolf sind Symbole für das bedrohliche Böse. Es tut den Kindern gut, wenn sie am Ende verbrannt, ertränkt und besiegt werden. Das ist in ihren Augen nicht grausam, sondern gerecht. Und es gibt ihnen die Gewissheit, dass auch schlimme und bedrohliche Situationen überwunden werden können.
 
Die Geschichte von Hänsel und Gretel zum Beispiel befasst sich mit der Hauptangst aller kleinen Kinder, nämlich von den Eltern verlassen zu werden. Das Märchen beschreibt, wie man im Leben durch schwierige Phasen (die dunklen Wälder) hindurch muss, dass man sich verirren und in Fallen geraten kann, sich am Ende aber alles zum Guten wendet. Übrigens ist Gretel hier durchaus nicht das passive Mädchen, sondern das Kind, das die Situation rettet. Auch „Rotkäppchen“ thematisiert die Ablösung des Kindes von den Eltern und die Irrwege auf dem Weg des Heranwachsens. Die Goldmarie aus dem Märchen „Frau Holle“ zeigt, dass man mit Liebe und Hilfsbereitschaft gut durchs Leben kommt, während ihre Schwester, die immer nur den eigenen Vorteil sucht, lebenslanges Pech erntet. Und unser Aschenputtel ist wohl deshalb so beliebt, weil viele Kinder sich auch isoliert und ungerecht behandelt fühlen. „Aschenputtel“ zeigt ihnen diesen Schmerz in verschärfter Form und hilft ihnen, sich selbst zu verstehen. Am Ende, so zeigt der Verlauf des Märchens, wirst du einen Weg aus dem Elend finden und den Platz erhalten, der dir gebührt.
 
Ungefähr im vierten Lebensjahr sind Kinder so weit, dass sie Märchen verarbeiten können. Manchmal ahnt man sogar, warum ein Kind ein bestimmtes Lieblingsmärchen hat, zum Beispiel weil es mit der Loslösung von den Eltern kämpft oder mit seiner Geschwisterrolle. Aber das sollte man dem Kind besser nicht sagen, um es nicht bloßzustellen.
 
Übrigens: es gibt eine Europäische Märchengesellschaft.
Neugierig? Dann: www.maerchen-emg.de
 

Nicht wir müssen deuten oder dürfen es tun; denn natürlich deutet das Märchen, es selbst. Nur deutet es anders als wir. Es deutet sozusagen mit dem Zeigefinger und zwar wohin? Auf den Hörer! Immer auf ihn! Ihm will es etwas über ihn sagen: Was anderes könnte es wollen? Es sagt, was jeden angeht, also auch ihn. Wenn das nicht der Fall wäre, bräuchten wir nicht nach einem Sinn des Märchens zu suchen; er wäre in der Tat gleichgültig. (…) Wer die Maxime Tua res agitur, Es geht um dich selber! nicht fassen oder nicht festhalten kann, ist auch bei größtem Scharfsinn und zu Bergen gehäuften Wissen um die Sache betrogen.

(Franz Vonessen)


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