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Familie und Leben

Märchen – wirklich gut für Kinder? 

Einst war das keine Kinderlektüre, auch wenn wir heute das Märchen als eine spezifische Gattung für Kinder ansehen. Doch selbst Jacob Grimm glaubte Anfang des 19. Jahrhunderts nicht an die „Kinder- und Hausmärchen“, wie er sie nannte. Märchen gab es einfach für alle nach einem arbeitsreichen Tag und da die Kinder keine eigenen Zimmer hatten und nicht von der Erwachsenenwelt abgeschieden und gesondert betrachtet wurden, waren Kinder meist dabei, wenn man sich an den langen Winterabenden in der Stube vorm Kamin Märchen erzählt hat. Schon früh beobachtete man, dass Märchen Kinder sehr beeindrucken konnten, und dass sich damit auch eine erzieherische Absicht verbinden ließ. Wenn die Mutter das Rotkäppchen ermahnt, nicht vom rechten Weg abzugehen und der Großmutter gegenüber ganz artig zu sein, dann lässt sich das als elterlicher Ratschlag gut verkaufen.

Dennoch standen Märchen immer auch in der Kritik. Konnten Märchen nicht Träume und Fantasien wecken, die im wirklichen Leben niemals einen Platz erhalten würden? Und welche Grausamkeiten präsentieren doch einige Märchen: die kannibalistische Hexe aus Hänsel und Gretel zum Beispiel, die von den Kindern schließlich bei lebendigem Leibe im Ofen verbrannt wird. Ist das kindgerecht? Immer wieder wird die Diskussion auch politisch aufgegriffen, so plädierte Ministerin Schröder beispielsweise 2013 für eine Abschwächung der Märchen.

So zutreffend eine solche Kritik auch erscheint, so lässt sich doch zeigen, dass diese wissenschaftlich kaum haltbar ist. Spätestens seit Bruno Bettelheims berühmter Studie „Kinder brauchen Märchen“ von 1975, ist das Märchen unter pädagogischen und psychologischen Gesichtspunkten vollständig rehabilitiert. Heute weiß man: Märchen sind nicht nur unterhaltsam und erfreuen die Leser und Hörer, sondern sind auch fantasieanregend und allein deshalb pädagogisch wertvoll.

Aber es bleibt dennoch brutal. Ein Raubtier frisst den geliebten Menschen, die Stieftochter wird hingemetzelt und mit glühenden Schuhen kann man zu Tode gefoltert werden. Wichtig für Kinder, dass es sofort zu Beginn eine Einteilung in Gut und Böse gibt. Am Ende gewinnen immer die Guten und die Bösen verlieren – manchmal ihr Leben und manchmal nur Körperteile. „Die Grausamkeit, die Erwachsene in die Geschichten interpretieren, nehmen Kinder so nicht wahr“, sagt der Märchenforscher Rölleke. Vielmehr sehen die kleinen Leser eine ausgleichende Gerechtigkeit in den Geschichten, wenn der Übeltäter zu Fall gebracht wird. Sie identifizieren sich mehr mit der menschlich dargestellten guten Hauptfigur. „Die Bösen wie zum Beispiel die Hexe in Hänsel und Gretel stehen für einen Typus, für den es keine moralischen Maßstäbe gibt.“

Ob diese moralischen Maßstäbe von allen Kindern erkannt werden, ist fraglich. Deshalb sollte man hier entsprechend der kindlichen Entwicklung entscheiden, damit man nicht zuletzt ein erschrecktes, weinendes, nicht schlafendes Kind im Bett zu liegen hat. Eine Abschwächung oder gar ein Verzicht ist aber pädagogisch und entwicklungsspezifisch nicht notwendig.


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