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Kolumnen

Vom Loslassen und Festhalten

Ich gestehe, leider gehöre ich zu den schwarzen Schafen unter den Einkäufern, die bei Zeitschriften gern und lange verweilen, aber nur wenig kaufen. Muss ich ja auch nicht, sagt der Gesetzgeber. Also prüfe ich ausgiebig die Titel, die nichts aussparen und selbst Themen anbieten, die mir nie in den Sinn kommen würden. Gern schaue ich bei meiner Lektüre auch in die psychologischen Fachblättchen, die häufig erklären, was man wie in seinem Leben ändern sollte.

Ein wenig aufdringlich erscheint mir das Thema: „Loslassen“, das ich seit „Let it go“ aus der Eiskönigin im Dezember letzten Jahres nicht so richtig aus dem Blick verlieren kann. Befinden wir uns gerade in einer Phase, wo das Loslassen bei all dem Krimskrams, der einen umgibt, besonders aktuell ist? Ein gedanklicher Querspringer zu Griechenland kommt daher, denn auch wenn es noch so befreiend sein soll, politisch loszulassen, hat für die Griechen sicher ganz andere Folgen als sich besonders frei und gut zu fühlen. Aber das ist ein anderes Thema… also weiter ohne Griechen.

Im Zeitschriftenregal, oder besser in den wunderbaren Dossiers, die sich auf sechs bis acht Seiten ausbreiten, erscheint alles so logisch, einfach und leicht. Da soll man sein Leben vom Ballast und von allem Überflüssigen befreien. Das Gefühl von Freiheit durch die Abkehr von allem? Ein Neuanfang? Die Leichtigkeit der Veränderung? Was da leider nur mit einer kleinen Fußnote erwähnt wird, ist die Angst. Menschen haben nun einmal Angst vor Veränderung – nicht alle, aber viele. Ich auch. Facebook Chefin Sandberg stellt sich wohl deshalb immer wieder selbst die Frage: Was würdest Du tun, wenn du keine Angst hättest? Nicht dumm, finde ich, aber die Angst verschwindet eben nicht allein von der Frage. Oft lauert sie gemein im Hinterhalt und stört unsere geübte Praxis und das geschäftige Tun.

Woran auch immer wir festhalten – wird zur Quelle des Leidens. Das ungeschickte Festhalten aufzugeben, ist der Schlüssel zur buddhistischen Praxis.  (Tan Ajahn Buddhadasa)

Aber was halte ich ungeschickt fest und was gehört zu mir? Zu mir als Mensch, zu meiner Persönlichkeit, zu meinem Leben? Muss ich all das loslassen, was sich schwer anfühlt und auch manchmal schwer ist? Muss ich immer wieder neu anfangen, um den Tag mit Leichtigkeit zu füllen? Ich bin ein wenig hin und her gerissen, wohnt doch in mir der Gedanke, dass immer noch alles gut werden kann. Ich will keine Weltreise, in der ich esse, bete und liebe. Ich will auch nicht wie Matthias D. Jordan in ein buddhistisches Kloster gehen, um zwölf Jahre später als Heilpraktiker oder Meditationsmeister zu den Wurzeln und in die Heimat zurückzukehren. Ich glaube nicht daran, dass man alles aus seinem Leben werfen muss, um sich darin wohlzufühlen. Vielmehr muss man das Richtige loslassen.

Herr Jordan hat dafür den Tod im Blick, ja, den Tod (erst einmal ein gruseliger Gedanke, denn wer will sich schon freiwillig mit ihm beschäftigen, gerade jetzt, mitten im Sommer, wo alles blüht?) Für ihn ist es wichtig zu begreifen, dass das Leben vergänglich ist. Er schaut sozusagen auf den Endpunkt und fragt sich vom Tod aus, was soll wichtig im Leben sein? Was ist es wert und was nicht? Das find ich spannend, aber davon wird es in echt und ganz nah nicht einfacher mit dem Loslassen. (Und dabei rede ich nicht einmal von den kleinen Mäusen, die irgendwann auch einmal flügge sind und ihren eigenen Weg gehen.)

Allein Familie, als großes generationenübergreifendes Ganzes mit all den Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins, mit Schwägerinnen und Schwagern, mit Schwiegereltern und Großeltern ist doch eine Endlosgeschichte voller Möglichkeiten des Zueinanderfindens und der Abkehr. Ein Hort der Liebe und Leidenschaft, aber auch die perfekte Leinwand für ein wenig Trug und Neid und Missgunst, eine Konstruktion aus Empfindungen, in der Enttäuschungen wohnen und Hoffnungen zerstört werden. Da hat sich im Laufe der Jahrhunderte wenig geändert, auch wenn zum Glück niemand mehr am Pranger steht oder den scharlachroten Buchstaben tragen muss.

Aber unabhängig von dem, was passiert ist, unabhängig von den Rückschlägen und dem Schmerz beim Erinnern, ist es nicht immer noch Familie? Wahrscheinlich bin ich ein hoffnungsloser Fall, ein Idealist, der manchmal nicht einsehen kann und nicht einsehen will. Letzteres ist wohl eher der Fall.

Eigentlich gibt es doch immer ein Miteinander, oder? Warum ist es so schwer? Und warum sagt das Herz, dass man es immer weiter versucht? Gibt es eine unsichtbare Grenze? Ich werde wohl noch einmal darüber nach und an Matthias D. Jordan denken müssen.


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