Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   Die Liebe

Kolumnen

Die Liebe

Könnt Ihr Euch erinnern? Wie man von der großen Liebe geträumt und es sich ausgemalt hat? Eine zufällige Begegnung, ein Augenaufschlag. Das Gefühl, nichts sagen zu müssen und doch verstanden zu werden. Ähnliche Gedanken. Aufruhr im Herzen. Unruhe im Bauch. Sprachlosigkeit. Gedankenchaos. Verbundenheit. Zukunftspläne. Die Gewissheit, alles miteinander zu können, aber nichts zu müssen. Nächtliche Spaziergänge. Ewige Telefonate. Das große Wünschen.

Irgendwann dachte ich, die große Liebe ist nur eine Erfindung, eine Illusion. Ich fragte mich, ob vielleicht das Fehlen der gleichen eine familiär bedingte Erscheinung sein könnte. In der Tat hatte weder meine Urgroßmutter noch meine Großmutter bei der Wahl ihrer Männer viel Glück. Vielleicht war das bei der Ersten im Angesicht der Kriegsschrecken und des Überlebens nicht so wichtig, aber bei meiner Großmutter kann ich das beurteilen. Es wäre wichtig gewesen. Über dreißig Jahre erlebte ich mit, wie es sich ohne Liebe anfühlt. Wie es ist, wenn man im richtigen Moment hätte  „nein“ sagen müssen.

Da lächelte einst ein junger Mann beim Tanz in einer verwirrten, kriegerischen Zeit. Ein Tanz zu lang. Ein Lächeln zu viel. Dann saß der junge Mann am elterlichen Küchentisch als sie aus der Schule kam. Die Hochzeit war beschlossene Sache. Ihr Vater freute sich. Sie sich nicht. Das Dorf, vor dem sie sich keine Blöße geben wollte, feierte. Und kurze Zeit später kam in der Nachkriegszeit das erste Kind. Liebe existierte nicht. Zwei Menschen, die ihr Leben nebeneinander verbrachten und dem jeweils anderen die verlorenen Gelegenheiten, die Fremdheit, das Unverständnis vorhielten.  Kleine gegenseitige Gemeinheiten, die in den Jahrzehnten nur größer und gemeiner wurden. Mittendrin eine Tochter, die mich später zur Welt bringen sollte, auf der immerwährenden Suche nach den großen Gefühlen.

Und ich? Irgendwann lässt man das Wünschen einfach sein. Keine faulen Kompromisse. Liebe muss spannend sein und atemlos machen. Wenn es sich nicht richtig anfühlt, kann es auch nicht richtig sein. Liebe sollte in meiner verkopften, romantischen Vorstellung, der ich abends auf dem Balkon nachhing, nicht langweilig oder anstrengend, zornig, zäh oder belanglos sein. Und der Apfelbaum, der direkt vor meiner Nase stand und schon den dritten Sommer genau einen Apfel trug, gab mir Recht.

Aber vielleicht muss man erst das Suchen aufgeben, um sich finden zu lassen?

Dann, wenn man es am wenigsten erwartet, am unpassendsten Ort der Welt (oh, ich gestehe, es hatte wirklich mit der Arbeit zu tun) kann es geschehen. Es passierte wirklich. Und es passierte mir. Da saß er einfach. Mit verschränkten Armen, die Beine ausgestreckt, mit dieser „du kannst mir ja viel erzählen-Miene“, die mich unruhig und neugierig zugleich machte. In der Kürze eines Spätsommers, unterbrochen von einem Urlaub, der sich durch nächtliche Telefonate und horrende Telefonrechnungen auszeichnete, war dann alles klar. Von nun an also gemeinsam, zweisam, miteinander gegen den Rest der Welt.

Und dann? Im Märchen würde man hoch zu Ross in den Prinzenpalast einziehen. Es gäbe ein rauschendes Fest. Aschenputtel lebt von nun an glücklich und zufrieden. Dornrösschen ist aus tiefem Schlaf erwacht. Der Froschkönig führt seine Braut nach Haus, und selbst Rapunzel liegt am Ende in den Armen ihres Retters. Doch da enden alle Geschichten – einzig, der Satz bleibt: „ und sie lebten bis ans Ende ihrer Tage froh und glücklich.“

Ohne Märchen folgt zumeist früher oder später ein kleiner Erdenbürger. Alles ist neu – für die Menschen und die Liebe. Alles muss sich neu sortieren, einfinden, standhalten – vor und nach den schlaflosen Nächten, zwischen grellem Kinderweinen oder bei anhaltenden Bockphasen. Das weiß man. Dennoch kommt irgendwann das Vermissen von gemeinsam verbrachten Stunden, die bei stundenlangem Frühstücken, beim Stadtbummel, beim nächtlichen Treiben oder beim Spazieren im Vollmond einfach so dahin tröpfelten ohne Begrenzung.

Jetzt geben die Kinder den Takt vor. Ich denke an den einsamen Apfel von damals und wie schön es ist, dass jetzt kleine Menschenkinder darunter liegen könnten, um den Garten mit ihrem Lachen und Quietschen zu erfüllen. Aber dafür ist Zeit jetzt spärlich und kostbar. Man muss ein wenig aufpassen – auf sich selbst,  aufeinander und auf die Liebe. Ein wenig Zeit des miteinander Denken und Fühlens, damit das Vermissen nicht zu groß wird.

Vielleicht trotz des chaotischen Morgens  ein gemeinsames Frühstück? Oder sollen wir der Müdigkeit die Stirn bieten und dennoch um die Häuser ziehen? Es braucht ein wenig Raum, um sich immer wieder neu zu suchen, zu finden und einander zu wählen. Also wollen wir erfinderisch sein….

In diesem Sinne, auf den Einfallsreichtum und die Liebe in Zeiten der Kleinkinder!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.